Der kaputte Stuhl

Lockdown-Tagebuch

Photo by Andrew Neel on Pexels.com

Ich habe vier Stühle um den Esstisch stehen. Einer ist kaputt. Ich frage also den Brudi: „Sag mal, kannst du sowas reparieren? Ich will nicht, dass mir der Stuhl unter meinem Hintern zusammenbricht.“

„Klar“, sagt er, „ich brauch nur etwas Holzleim, dann ist das Ding wie neu.“ Der Brudi geht in den Keller, voller Tatendrang und Zuversicht. Er findet den Holzleim, allerdings ist er ausgetrocknet. Menno.

„Kein Problem“, sagt der Brudi, „ich fahr kurz in den Baumarkt und komm dann zu dir.“

„Nein, machst du nicht“, sage ich betrübt. Er guckt mich fragend an.

„Der Baumarkt ist zu.“

Der Brudi patscht sich die Hand an die Stirn. „Ja, stimmt.“

Das bedeutet, der Stuhl bleibt kaputt. Ja, bis… ? Wie lange eigentlich? Bis der Baumarkt wieder Holzleim verkaufen darf. (Und bitte komm mir jetzt nicht mit „Kauf halt online, du Depp.“ Das weiß ich selber, hier geht´s ums Prinzip.)

Ich habe vier Stühle um den Esstisch stehen. Einer ist kaputt. Kann ich weiterleben, mit nur drei Stück? – Ja.

Ist der Verzicht auf den Vierten schlimm? – Nein.

Eine Weile lang, geht das. Kein Problem. Besuch kommt keiner, vier Personen an einem Esstisch ist ja eh nicht erlaubt, also was soll´s? Ich habe nur einen Hintern, so gesehen brauche ich nur einen Stuhl. Alles andere ist Luxus. Ich weiß das. Ich leide keinen Hunger, friere nicht, bin nicht in Kurzarbeit oder arbeitslos. Andere haben nicht mal vier Stühle, is klar. Es geht ums Prinzip.

Was mich an der Sache stört: Ich habe nicht in der Hand, was geschieht. OB der Stuhl repariert wird. Wann soll das passieren? Und selbst wenn der Brudi an Holzleim kommt, das Ding repariert (2024 oder so), dann bin ich immer noch nicht in der Lage Menschen zu mir einzuladen und zu bekochen. Der Stuhl mag dann nicht mehr wackeln, aber meine Sozialkompetenz leidet. Ich erwische mich dabei, im Alltag, wie ich andere – im Supermarkt zum Beispiel – auf stumm schalten will. Klick, klick, weg. Das Leben komplett ins Internet zu zerren kann auf Dauer für keinen von uns gesund sein.

Jedenfalls.

Der Stuhl ist kaputt. Da sitzt keiner mehr. Ich fürchte mich, dass sich beides nicht mehr ändert und ich damit leben muss. Ob ich irgendwann verwahrlost auf dem Boden hocke und kalte Ravioli direkt aus dem Topf löffle? Keine Ahnung. Vermutlich.

Der Brudi würde mir helfen wenn er könnte. Und ich finde sicher jemanden, der mir mit einen Klecks Holzleim aushilft. Aber es geht ums Prinzip. Ich will in den Baumarkt fahren (können), Holzleim kaufen (können) und den Stuhl reparieren (können) um dann Freunde zum essen einladen (können). Dann, wenn ich meine, es wär Zeit dazu.

Und von meinen Haaren fang ich gar nicht erst an. Menno.

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