Lese-Monat November

Mein Lese-Monat November:

Dörte Hansen – Zur See (Print und Hörbuch) Mein Jahreshighlight! Eine ordentliche Lobeshymne folgt noch. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Kris Brynn – A.R.T. – Coup zwischen den Sternen. Spannender Kunstraub-Krimi im All. Ordentliche Rezension dazu folgt noch. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Helmut Krausser – Einsamkeit und Sex und Mitleid (Hörbuch) Der Name ist Programm, alles sehr trostlos, distanziert und die Figuren sind mir egal. Das Hörbuch habe ich zwar ganz gehört, aber es gefiel mir nicht. ⭐️⭐️⭐️

Albert Camus – Die Pest (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Eoin Colfer – Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy ⭐️⭐️⭐️⭐️ Bücherei-Geschichte für Kinder, sehr lustig.

Cho Nam-Joo – Kim Jiyoung, geboren 1982. Abgebrochen. Das Ding ist inhaltlich weder neu noch originell. Sprachlich kann es auch nichts, alles ist im Telling. Distanziert und langweilig.

Ganz schön was los

Get Shorties Lesebühne Plakat
Get Shorties Lesebühne

Diese Woche ist pickepacke voll. Erst die „Stille Stunde“ bei Pia, der BvjA– Stammtisch in Tübingen, dann eine get shorties XS Lesung in Nürtingen und zum Schluss noch eine Lesung in Marbach. Ich habe ein neues Hörbuch für die Fahrt(en), mein neuer Text ist so gut wie fertig. Läuft bei mir. 😊

Am Freitag bin ich mit Ingo Klopfer und Volker Schwarz in Nürtingen:

25. November 2022 / Provisorium Nürtingen / 20 Uhr

Am Samstag lesen wir Shorties in Marbach:

26. November 2022 / Café Provinz / 20 Uhr

Mehr Infos unter: www.getshorties.de

Herbstlese

Herbstlese

Die Buchhandlung vor Ort ermöglicht es, Dinge zu finden, die man nicht gesucht hat, von denen man nicht wusste, dass man sie braucht oder will. Es bedeutet auch, überrascht zu werden, Neues zu entdecken, neugierig zu bleiben und mal unverbindlich seine Nase in Sachen zu stecken, die man sonst nur skeptisch beäugen würde. Und mit „man“ meine ich mich. Ich hab nämlich festgefahrene Gewohnheiten, ich gehe nicht gern abseits meiner gefestigten Pfade, und Neues, ach, das sollen mal andere. Ich weiß doch was ich mag.

Herbstlese, das bedeutet, dass Lena und Bianka und Ursula ihre Lektüre der letzten Wochen vorstellen, zehn Bücher insgesamt, und ich dann fünf davon auf meine Will-ich-haben-muss-ich-lesen-Liste setze. Bücher, die ich ohne diese Empfehlung vermutlich nicht in die Hand genommen hätte.

(Ich habe ja die Devise, dass ich alle Bücher, die ich geschenkt bekomme, auch lese. Einfach aus Respekt vor dem Schenker. Schließlich hat sich der- oder diejenige die Mühe gemacht ein Buch für mich auszusuchen, das vielleicht sogar einzupacken und dann zu mir zu tragen. Da kann ich das ja gefälligst lesen. Einmal war´s ein Buch über das Fliegenfischen, ich gebe zu, das war ein bisschen trocken, das war zäh und meine Dankbarkeit kennt seither Grenzen. Aber es geht ums Prinzip. Jedenfalls. Durch die Schenkerei habe ich schon manche Perle entdeckt, die mir sonst verborgen geblieben wäre. Und das ist sehr schön.)

Schön war´s und interessant und inspirierend. Ich hätte „Kummer aller Art“ beinahe noch mal gekauft, weil Lena das so herzlich empfohlen hat. Dabei hab ich das ja schon zwei Mal durch. 🙂

Schreiben Tag für Tag

Duden: Schreiben Tag für Tag

Ich habe zuweilen das Bedürfnis, Dinge zu schreiben, die ich zum Teil nicht fassen kann, die aber gerade den Beweis für das erbringen, was in mir stärker ist als ich.

Camus

Ich war mit dem Band „Schreiben über mich selbst“ aus dieser Duden-Reihe ja sehr unzufrieden. Alles, was ich dort vermisst habe, fand ich nun endlich hier und bin wieder versöhnt. Sinngemäß lautet die Aussage dieses Buches: Erst wenn du das Werkzeug Sprache beherrschst, bist du in der Lage damit kreativ zu arbeiten. Und wo fängt man an, wenn man mit dem Schreiben loslegt? Bei sich selbst. 25 Übungen laden dazu ein, mit verschiedenen Spielarten von ganz pedantisch bis hin zu eher grob. Innenleben, Aussenleben, Listen, Chroniken. Vom sachlichen Aufzeichnen zum Ideenbuch oder der eigenen Identitätsfindung. Als jahrelange Tagebuchschreiberin war mir schon manches vertraut, aber ich habe auch viele neue Anregungen und Ideen gefunden und ausprobiert. So mag ich das, so habe ich mir das gewünscht.

Es waren so viele Tagebuch-Beispiele dabei, dass ich praktisch das halbe Buch unterstrichen habe und meine Wunschliste um einige Titel reicher geworden ist. Ich muss unbedingt die Tagebücher von Kafka, Wittgenstein, Camus und Rousseau lesen. (Wegen mir hätten unter den Beispiel-Tagebuch-Schreibern auch ein paar Frauen sein dürfen, aber das ist ein anderes Thema.)

Ich schreibe schon seit vielen Jahren Tagebuch, dokumentiere meine Alltag, meinen Empfindungen, ich komme auch manchmal drauf, dass man nicht jeder Emotion trauen darf. Hier in diesem Büchlein lauteten die Übungen ganz oft: sei authentisch, wage auch mal einen Blick in die zerzausten Ecken deiner Persönlichkeit und halte das dann aus. Ich finde es einigermaßen schwierig die eigenen blinden Flecken auszumachen. Ich kann hart mit mir ins Gericht gehen, alle meine Fehler aufzählen und mich übel beschimpfen für meine Blödheit, wenn ich denn irgendwas ordentlich verbockt habe. Aber das führt noch nicht zu einem versöhnlichen Blick auf mich, noch nicht zu einem Fazit: Was kann ich besser machen? Vielleicht braucht es das gar nicht. Mich selber zu optimieren, als wäre ich die Beta-Version irgendeines Start-ups ist auch sehr bescheuert. Das kann nicht das Ziel sein. Jedenfalls. Hier geht es also um das Verständnis des eigenen Ichs, darum sich schreibend in Beziehung zu bringen, mit sich selbst, mit der Natur, mit allen anderen. Und ich bin überzeugt, dass das geht. Das Schreiben zu leben hilft. Schreiben schafft Bedeutung.

Kein Tag sei ohne Zeile!

Nulla dies sine linea!

Ich bin noch von einer anderen Sache überzeugt: Wenn man in sich (in Form eines Tagebuchs) etwas Ordnung geschaffen hat, dann kann man eine neue Datei anlegen oder ein neues Blatt Papier im Notizbuch aufschlagen und dann etwas neues, etwas Kreatives beginnen. Textarbeit. Schriftsteller versuchen immer ein Problem zu lösen. Ob nun fiktiv oder biografisch, das ist ja eigentlich egal. Mein Gemütszustand hängt oft mit meiner Fähigkeit zu schreiben zusammen, und wenn zu viel los ist, im Seelenhaus, dann klappt es a) mit dem kreativen Schreiben nicht und b) weiß ich manchmal vor Lauter Zuviel gar nicht, was ich denn denke oder fühle und überhaupt. Es ist tröstlich zu wissen, dass es anderen auch so geht. Mir war gar nicht klar, wie gern ich anderer Leute Tagebuch lese. Hinein schnüffeln in andere Gedankenhäuser und erstaunt feststellen: So anders ist deren Fundament gar nicht. Die wollen auch nur sich selbst und die Welt begreifen und dann etwas daraus machen. Dieser Band war sehr hilfreich und ich werde ihn wohl noch manches Mal in die Hand nehmen und aus den Übungen schöpfen um mich selber besser kennen zu lernen und zu begreifen. Bei Susan Sontag hieß das: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. (So, jetzt habe ich noch eine TagebuchschreiberIN rein geschmuggelt.) ★★★★★

Ich elender Mensch!

Kafka

  • SchreibenTag für Tag
  • DUDEN Kreatives Schreiben
  • Christian Schärf

Lese-Monat Oktober

Lese-Monat Oktober 2022

Ich war wieder viel auf der Autobahn unterwegs, deshalb habe ich wieder einige Hörbücher ratzfatz weggehört. Da waren schöne Sachen dabei. 

Jasmin Schreiber – Marianengraben ⭐️⭐️⭐️

Plusquamperfekt und konstruierter Kitsch. Ich habe es zwar fertig gelesen, aber schön war das nicht. 

Christian Schärf – Schreiben Tag für Tag ⭐️⭐️⭐️⭐️

Ein Ratgeber zum Thema Tagebuch-schreiben. Das Buch bekommt hier im Blog die Tage noch eine eigene Rezension. Ausführlich und so. 

Ferdinand von Schirach – Kaffee und Zigaretten (Hörbuch gelesen von Lars Eidinger) ⭐️⭐️⭐️⭐️

Die Melancholie des Textes mit der Stimme von Lars Eidinger ergibt eine vertonte Depression. Ich habe mich dann beim nächsten Schirach-Buch dazu entschlossen, es selber zu lesen. 

Harry Mulisch – Die Entdeckung des Himmels (Hörspiel) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Sehr toll. 

Schirach – Nachmittage ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Dazu habe ich schon eine ausführliche Rezension im Blog geschrieben. [Hier]

Stephen King – Nachtschicht (Hörbuch gelesen von Joachim Kerzel) ⭐️⭐️⭐️⭐️

Kurzgeschichtensammlung. Ganz gut, aber lange nicht so gelungen wie seine Romane. 

Christian Liederer – Thomas Mann Leben und Werk (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️

Dank der Analyse der einzelnen Werke hatte ich noch ein paar Aha-Momente. Besonders beim Zauberberg. 

Elke Heidenreich – Kolonien der Liebe (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️

Kann ich immer wieder gut hören/lesen. Gute Unterhaltung für Zwischendurch. 

Mein Bücher- Bewertungssystem

[Das gilt aber auch für Filme und Serien und was man sonst so bewerten kann.]

5 – Bestes! Das verleihe ich nicht, das musst du selber kaufen. Ich werde nicht müde darüber zu reden, ich empfehle es weiter, verschenke es bei jeder Gelegenheit, bis alle in meinem Dunstkreis überzeugt sind. Und dann höre ich trotzdem nicht auf.

4 – Jub, ich mochte das. Aus Gründen. Da gibt es wenig zu meckern. Es ist nicht perfekt, aber nah dran.

3 – Not my cup of Tea. Vermutlich liegt‘s an mir. Ich bin nicht in der Zielgruppe.

2 – Not my cup of Tea. Es liegt am Autor/an der Autorin! Das hier ist Mist.

1 – Not even a cup of Tea. Wirklich für niemanden. Das habe ich abgebrochen. Aus Gründen und nein, darüber will ich nicht reden.

Gut, dann haben wir das auch geklärt. Schön. Weiterlesen. ★★★★★

Dieses Mal war es nicht der Gärtner

Ich weiß nicht, was letzte Nacht los war. Ich glaube, ich habe geträumt, ich glaube, ich habe jemanden abgewehrt. Ich weiß noch, dass ich richtig feste zugegriffen habe. Irgendwen, irgendwas gewürgt, zumindest vermute ich das. Meine Erinnerung ist ein bisschen wage.

Heute morgen liegt der digitale Wecker am Boden, ganz zerschmettert, das Kabel hinten heraus gerupft, das arme Ding. In dieser Geschichte bin wohl ich die Bösewichtin. Ich vermute mal, ich hatte ein Motiv.

Nachmittage

Nachmittage von Ferdinand von Schirach

Ausgelesen: Nachmittage

Ich habe einen Schnipsel einer Lanz-Sendung gesehen. Markus Lanz las einen Satz aus dem Buch #Nachmittage Es ging darum, was man einem Fremden, in einer Bar spätabends erzählen kann. Normalerweise schaue ich kein ZDF, kein Lanz, ich bin nicht solche Leute. Aber dieser eine Ausschnitt war so wunderbar, dass ich das Buch gleich haben musste. Und ich wurde nicht enttäuscht. Wobei, beinahe schon. Wenn Schirach als Ich-Erzähler auftritt, dann schreibt er ganz wunderbare Sätze, selbst wenn der Inhalt der Geschichte harter Tobak ist, das ist trotzdem unfassbar gut. Ich habe viel unterstrichen. Dann trifft er jemanden, erzählt dessen Geschichte nach, ohne Schnörkel, fast plump im Telling. Ich bemerke das, wundere mich, bin aber dennoch fasziniert und muss dran bleiben.
Wenn man ohne Mühe durch einen Text hindurch schwimmt, wenn man mitfließt, dann ist er in meinen Augen gut gelungen. „Nachmittage“ fühlt sich an, als ob ich mit jemandem in einem Café gesessen und ein gutes, intensives Gespräch geführt hätte. Ich war da beteiligt; „Wir wissen voneinander“. Da ist Melancholie drin und Tiefe, obwohl es nur kurze Texte sind, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben, und doch ineinander fließen, ich bleibe bei meinem Bild: Tinte in Wasser. Ich habe das sehr, sehr gerne gelesen, Ferdinand von Schirach habe ich jetzt auf dem Schirm, von dem will ich mehr lesen. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ferdinand von Schirach
Nachmittage
Luchterhand

Thomas Brasch

Thomas Brasch – Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer

Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt habe ich endlich eine gebrauchte Ausgabe „Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“ erstehen können. Es hieß, das Buch sei vergriffen, aber ich bin eine Internetmaus, ich kann geduldig sein, wenn es sein muss. Jedenfalls. Ich habe den Trailer zu „Lieber Thomas“ gesehen, den Film kann man bei Amazonien leihen. Ich will den aber mit gebührend Vorbereitung schauen, und jetzt mit der richtigen Lektüre kann es losgehen. Wenn ich richtig recherchiert habe, ist „Was ich habe, will ich nicht verlieren“ in diesem Buch drin und allein deshalb muss ich es im Regal stehen haben. Jetzt geh ich erst mal nachgucken, ob das auch stimmt. Und dann schau ich den Film.

Kennst du den Film/die Bücher, hast du ein Lieblingsgedicht von Brasch? Ich hab seine Texte bisher „nur“ als Hörbücher, gelesen von Katharina Thalbach, gehört.

Thomas Brasch
Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer
Suhrkamp

#tbt – Was ich an der Lesebühne mag

Gruppenbild get shorties Lesebühne 2019
Gruppenbild get shorties Lesebühne 2019

Seit über zehn Jahren existiert die kabarettistische Lesebühne Get Shorties. Insgesamt acht Autorinnen und Autoren schreiben in wechselnder Besetzung Texte zum Lachen, Schmunzeln und Nachdenken. Immer abwechslungsreich, immer unterhaltsam. Dazu gibt´s Live-Musik.

THROWBACK THURSDAY: Gestern waren wir in Rottweil. Meine Kollegen sind den weiten Weg gefahren um mir einmal einen Heimvorteil zu ermöglichen. Sonst fahre ich immer weite Strecken. Dieses mal saßen auch meine Eltern im Publikum. Der Vater fragte schon oft:

Was machst du da? 

Was ist den eine Lesebühne? 

Was wieso machst du da mit?

Ich habe also darüber nachgedacht und bemühe mich um eine gute Antwort: Das, was wir da machen ist ein Spagat zwischen Kabarett und Literatur. Ich fühle mich der Literatur näher als dem Kabarett, denke aber oft, es gibt so viele grausige, blutrünstige Geschichten, wahre und erfundene, da muss ich nicht auch mitmachen. Ich möchte unterhalten, die Leute zum Lachen bringen. Ich möchte Geschichten erzählen, die ein bisschen wahr sind, aber nicht seicht, sondern trotzdem gut geschrieben, zur Unterhaltung.

Ich bin da gut aufgehoben, bei den get shorties. Ich mag das Gemeinschaftsgefühl – wir klopfen uns gegenseitig auf die Schulter, vor dem Auftritt. Ein neuer Text ist auch immer neue Aufregung. Hinterher geben wir uns Feedback; was war gut, was kannst du das nächste Mal besser machen. Als AutorIn lernt und scheitert man vor Publikum. Das ist in der Gruppe, mit KollegInnen, die dafür Verständnis haben, weil sie das alles auch durchmachen, besser im Sinne von schöner. Man kann jedes Mal schönere Fehler machen.

Meiner Meinung nach ist jeder Abend, den man ausser Haus bei einer Veranstaltung verbringt, ein guter Abend. Ich will den Fernseher nicht per se verteufeln. Ich liebe es, mich durch Filme und Serien unterhalten zu lassen. Geschichten sind Wunder. Dennoch, eine Lesung, ein Theaterstück, ein Konzert (ganz gleich), ist realer, direkter, näher.

Nick hatte die Idee mit der Wörterbude. Ich betrachte das als Schreibübung. Die Kundschaft, die Texte bestellt, hat ihren Unterhaltungswert und ich meine Übung. Für alle eine Win-Win-Situation.

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Ich finde es sehr schön, Teil der Gruppe zu sein, und auch solche Aktionen wie die „Schreibbude“ zu machen. Wir sind keine Einzelkämpfer, das habe ich deutlich gesehen, als wir an unseren Schreibmaschinen saßen und uns gegenseitig Ideen zuriefen, wie man diesen oder jenen Auftrag umsetzten könnte. Wir haben zu zweit oder zu dritt an einem Text gesessen, haben getippt, verbessert, von Hand Korrekturen eingefügt und Spaß gehabt. Und als wir Zäsur hatten, zwischen zwei Schreib-Aufträgen, haben wir nicht pausiert und Löcher in die Luft geschaut, sondern uns gegenseitig Limericks und Gedichte verfasst. Das ist Spaß und gelebte Literatur.

Vor Monaten war ich mit dem Lieblingsneffen in einem Einkaufscenter. Dort stand ein Kasperle-Theater. Meine Schwägerin war in einem der Geschäfte, daher setzten wir uns mitten ins Publikum und obwohl der Lieblingsneffe und ich schon zu groß sind fürs Kasperle-Theater, brüllten wir den Kasper leidenschaftlich an, wenn er uns fragte, ob wir auch alle da seinen. Kinder partizipieren da ganz natürlich, sie nehmen teil und fallen regelrecht in die Geschichte hinein. Erwachsene verlieren dieses Gefühl von Wunder, dieses magische Denken, das Kindern eigen ist. Das ist schade, finde ich.

Nun bin ich selber ein Puppenspieler geworden. Harry Rowohlt hat seine Tätigkeit immer als Vorturnen bezeichnet. Ich fand das schön, auch weil es impliziert, dass Zuhörer und Leser, etwas gehörtes nachturnen. Und das tun sie ja auch – jedes mal, wenn sie jemandem von dem Buch X erzählen oder den Freunden von der Lesung, neulich Abends. Ich mag an dieser Formulierung, dass da eine Beziehung zwischen Publikum und Vortragendem entsteht. Die einen beeinflussen den anderen. Und das geht in beide Richtungen. Bei einem Fernsehfilm bekommen die MacherInnen nicht mit, wie die Geschichte ankommt, ob und wer da mitfiebert, was die Geschichte mit dem Publikum macht. Bei einer Lesung geht das. Ich habe erlebt, wie AutorInnen das schönste Kompliment erhalten haben, das eine AutorIn bekommen kann: Spontaner Applaus mitten im Text für eine gelungene Pointe. Kabarettisten werden das eher kennen. Oder Zauberkünstler.

Autoren schreiben allein, in ihrem stillen Kämmerlein. Ich weiß nichts von einem Elfenbeinturm und glaube nicht, dass ich besonders schwierig im Umgang bin – für mich ist das ein Klischee: Der Autor im Bademantel, den man nicht stören darf, weil er zu jeder Tages- und Nachtzeit von Ideen heimgesucht wird und den man in seinem genialen Wahnsinn machen lassen muss. Jedenfalls.

Ich werde, wenn ich eine Lesung besuche, wieder zum kleinen Kind, das sich vorlesen lässt. Das ist auch eine Form von Aufmerksamkeit, eine von der beide Seiten profitieren. Mir erscheint es sehr natürlich, das Vorlesen, das Geschichten erzählen, das immer wieder Neues hören wollen. Das hat uns die Natur, Gott oder das Universum mitgegeben. Und ich in dankbar dafür. Das Erzählen ist ein wichtiger Teil meines Charakters und damit meines Lebens. Das Schreiben allein, nur das Schreiben an sich, wäre nicht das selbe, ohne die Menschen, die sich diese Geschichten anhören wollen. Sonst würde mir das Tagebuch reichen und den Zuhörern ein einziges Buch, ein einziger Film. Aber so wie es verschiedene Menschen gibt, gibt es auch verschiedene Geschichten und die Stimmen, sie zu erzählen.

Und so bin ich bei der get shorties Lesebühne gelandet, dort habe ich meine Stimme gefunden und einen Platz um dort zu sein.

Merci.

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