Lese-Monat Juli

Mein Lese-Monat Juli 2022
  • KritzelPixel – Zeichnen lernen in 5 Wochen ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Dominik Schwarz – Instagram Marketing 2022  (eBook) ⭐️⭐️⭐️
  • Dr. med. Adrian Schulte – Alles Scheiße!? Wenn der Darm zum Problem wird ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Wladimir Kaminer – Meine kaukasische Schwiegermutter (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️
  • Horst Evers – Hinterher hat man‘s meist vorher gewusst (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Horst Evers erklärt die Welt (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Wladimir Kaminer – Liebesgrüße aus Deutschland ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Mariana Leky – Kummer aller Art ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Mariana Leky – Liebesperlen ⭐️⭐️⭐️
  • Meike Stoverock – Das Stahlen des Herrn Helios ⭐️⭐️⭐️
  • Die Ernährungs-Docs ⭐️⭐️⭐️

Mein Lese-Monat Juli war durchwachsen. Ich hab wieder viel Zeit auf der Autobahn verbracht, weil ich einige get shorties Termine hatte, und da kann ich dann nach Herzenslust meinen Hörbüchern lauschen. Ich hatte aber auch wieder gesundheitliche Probleme. Lactose und Fructose und Histamin. Wenn jetzt noch Gluten dazukommen, werd´ ich wohl verhungern. 😉 Es ist nicht schön. Die Bücher konnten meine Fragen aber nur bedingt beantworten, weil alle davon ausgehen, dass man nur ein Problem hat und nicht viele gleichzeitig. Und wer bitteschön hat, auf dieser Welt nur eine Sache, die ihn plagt? Eben. Jedenfalls. „Kummer aller Art“ war diesen Monat meine Perle. das kann ich herzlich weiter empfehlen. 

Zeichnen lernen in 5 Wochen

Ich liebe Zeichen-Lern-Bücher, ich kaufe die im Unverstand, allein sie zu haben macht mich schon sehr glücklich. Von KritzelPixel habe ich zwei Bücher, ich finde die Übungen auch sehr sinnvoll, ich kann das gut weiter empfehlen. Aber: Und das Aber bezieht sich auf mich, nicht auf das Buch. Kritzelpixel stellt verschiedene Übungen und Methoden vor, die soll man natürlich üben, was auch sonst. Am besten täglich und wiederholend. Das leuchtet mir alles ein. Und andere Menschen kriegen das sicher auf die Kette. Ich mit meinem ADHS-Hirn aber nicht. Wenn ich im Hyperfokus bin, dann mache ich zehn Sachen hintereinander, wie eine Irre. Dann läßt der Rausch nach, ich verliere das Interesse und dann schaue ich das Buch 10 Wochen nicht mehr an. So viel zum Thema üben. WENN ich übe, dann exzessiv. Aber halt nicht regelmäßig, nicht in der Art, dass ich mir durch tägliche Wiederholung eine Fertigkeit aneigne. Ich habe das ganze Buch gelesen, ich habe alle Übungen mindestens ein Mal gemacht. Aber nicht in 5 Wochen und nicht mit dem Ergebnis, dass ich die Motive aufeinander aufbauend immer besser bewältigt habe. Und das frustriert mich. Aber, ich sage es nochmal: Das liegt nicht am Buch, das liegt an mir. Ich weiß das und werde weiter Zeichen-Lern-Bücher kaufen, weil mir die Vorstellung gut zeichnen zu können gefällt. Das bedeutet nicht, dass ich es je wirklich kann. Und das ist okay.

Instagram Marketing 2022

Ich finde Instagram faszinierend und dachte, ich könnte mir hier noch ein paar Tipps holen. Mich interessiert zum Beispiel, wie man einen Shop einrichtet, wie man einen Beitrag bewirbt, wie man mehr Follower bekommt und denen das liefert, was sie auch interessiert. Ich bräuchte, glaube ich, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung durch dieses Labyrinth. Ich habe einen Creator-Account, ich würde den gern voll ausschöpfen. Das Buch hat mir die Fragen, die ich habe, nicht beantwortet. Ich bin nicht weiter gekommen oder schlauer geworden. Die meisten Infos, die das Buch bietet, habe ich online in irgendwelchen Artikeln schon gelesen. Da war wenig Neues dabei. Ich muss also weiter YouTube Tutorials gucken und es selbst heraus finden.

Die Ernährungs-Docs und Alles Scheiße!?

Ich habe Kummer mit Laktose, Fructose und auch mit Histamin. Beide Bücher erklären diese Sachverhalte, in einem sind auch jede Menge Rezepte drin, allerdings kann ich nur müde lachen, wenn mir im ersten Kapitel erklärt wird, warum der Körper Fructose nicht verwerten kann um mir im Rezepte-Teil dann Frucht-Smoothies zu empfehlen. So als würden die Probleme alle einzeln und unabhängig voneinander auftreten. Ich habe mich also in die Materie eingelesen, manches endlich verstanden, aber an der Umsetzung hapert es noch. Ich muss meine Ernährung umstellen. Ich habe noch drei Bücher aus der Bücherei entliehen, vielleicht sind die praktischer. Mal sehen.

Wladimir Kaminer und Horst Evers

Beide sind Lesebühnen-Autoren, das ist ja quasi Recherche für mich. Ich brauche dringend einen neuen get-shorties Text. An Ideen mangelt es nicht. Ich hab viele angefangene Texte auf dem Computer gespeichert. Die Schwierigkeit ist, sich für eine Idee zu entscheiden und diese dann zu Ende zu bringen. Ein „Ja“ hier heißt immer auch 17 Mal „Nein“ dort. Das lähmt mich so sehr, dass ich den Entwürfe-Ordner komplett ignoriere. Auf meinen Touren für die get shorties Lesebühne habe ich also 4 Hörbücher inhaliert, manches Mal laut gelacht, manchmal stumm den Kopf geschüttelt und sehr oft gedacht: „Ich wünschte dieser Text wäre von mir.“ Bei Horst Evers ist mir das öfter passiert als bei Wladimir Kaminer. Horst Evers ist im Prinzip ein Dorfkind in der großen Stadt und Wladimir Kaminer ein gut integrierter Ausländer, der die Eigenheiten seiner alten Heimat mit den Eigenheiten seiner neuen Heimat vergleicht. Beide sind ein wenig seltsam. 😉

Mariana Leky

Diesen Monat erschien ein neues Buch von ihr mit Kolumnen „Kummer aller Art.“ Ich empfinde den Schreibstil bzw. ihren Blick auf die Welt wie „magisches Denken“. Die Leute haben tatsächlich Kummer aller Art, und es gibt nicht für alles eine Lösung, aber Mariana Leky bzw. ihre Figuren haben einen ganz liebevollen, mitfühlenden Blick auf die Welt und ihr Umfeld. Das ist sprachlich schön, das ist gut fürs Herz, das tröstet und nimmt mich mit. Also hinein ins Buch, ich kann dann genauso emphatisch sein, Liebeskummer haben und Flugangst, keine Entscheidung treffen und innerlich zerzaust sein, es ist völlig in Ordnung. Hinterher fühle ich mich dann sehr aufgeräumt. Und wie viele Bücher können das? Eben.

Das Stahlen des Herrn Helios

Es gibt einiges, was mir an dem Roman gut gefällt. Der Einfallsreichtum der Autorin zum Beispiel. Sie entwirft mit Leichtigkeit eine ganz neue Welt, da ist ein Hase ein Meisterdetektiv, ein Fisch Anwalt und ein Huhn das Kindermädchen. Das ganze Setting ist einer Fabel ähnlich, inklusive eigener Sprache und Begriffe. Ich mag solche Sachen sehr gerne, dafür kann ich mich begeistern. Eine gescheiterte Existenz betäubt sich, als Beispiel, mit Schaff und ich muss dir nicht lange erklären, was das bedeutet. Meike Stoverock hat sich also unheimlich viel Mühe gegeben, ihre Überstadt auch sprachlich einzufangen und nicht nur zu beschreiben, was ich da sehe. Allerdings, hat sie an anderer Stelle ein paar unschöne Dopplungen. Die müssten nicht sein. Im Wanderzirkus geschieht ein Mord und Skarabäus Lampe, der Meisterdetektiv wird hinzugezogen um zu ermitteln. Sein Ziehsohn Teddy Bärlein ist extrem niedlich, manchmal schon fast zu viel. Der Meisterdetektiv bewegt sich durch die Stadt wie König Protz, ohne ihn geht gar nichts. Lampe befragt die Zirkusleute und jede*r liefert auch sofort ein Motiv. Die Polizei ermittelt natürlich in ganz falscher Richtung. Und an der Stelle wird es dann haarig. Das liegt aber an mir, nicht am Buch. Der Roman erinnert mich stark an Ermittler wie Hercule Poirot und ich finde diese Sorte Krimi langweilig. Weil der Ermittler am Schluß alle in einem Raum steckt, jedem sagt, was für ein Motiv er oder sie hat(te) um dann auszuführen, warum genau diese Person es nicht war. Zum Schluß kommt dann dieser Hase-aus-dem-Hut-Trick: Tadaa. Das ist der Mörder. Und alle sind ganz erschrocken, konnte ja keiner ahnen. Doch. Das kann man erahnen, und die Wiederholung aller Befragungen, die komplette Ermittlung samt Motive und Möglichkeiten nerven mich. Ich hab ganz kurz überlegt, ob ich das Buch weg lege, weil ich im letzten Drittel dann einfach nicht mehr in der Zielgruppe war. Wenn du jetzt diese Sorte Krimi super findest, dann nur zu. Dann bist du hier genau richtig.

Ich hab das Buch fertig gelesen, weil ich wissen wollte ob ich Recht habe. Ich hatte früh eine Vermutung, ich lag richtig, juhu. Insgesamt habe ich es gern gelesen. Das der Ermittler ein Hase alter Schule ist und mich das nicht fesselt, muss dich ja nicht abhalten, gell.

Was hast du gelesen, hm? Erzähl´s der Carolin

Mutters Handy ist kaputt

Mutters Handy ist kaputt. Sie hat es zum Handy Doc gebracht. Jetzt wartet sie, ruft mir derweil von Zuhause aus an.
Sie: „Der Mann repariert das. Der hat bestimmt einen Schlüssel und kann das aufmachen.“
Ich: „Ja sicher, ganz bestimmt.“
Sie: „Der ruft an, wenn ich es wieder abholen kann. Ich muss dich gleich abwürgen und die Leitung freihalten.“
Ich: „Das schaffst du schon.“
Sie: „Ich brauch ja gar nicht viel. Bissle telefonieren, WhatsApp. Die Rosamunde schickt mir immer so lustige Bilder.“
Ich: „Ich weiß wie ein Handy funktioniert.“
Sie: „Ohne Handy, das geht doch nicht mehr. Ich muss dir doch sagen wo ich bin.“
Ich, augenrollend: „Ja, dass ist mir total wichtig, dass du mir immer anrufst, wenn‘s später wird. Und mir sagst, wo du dich rum treibst, Abends.“
Sie, ganz ernst: „Dein Vadder war die Woche beim Arzt. Ich hab nebenan in dem Café auf ihn gewartet. Der hat mich vergessen und ist ohne mich heim gefahren, nach dem Termin. Stell dir vor. Ohne Handy wär ich aufgeschmissen gewesen.“

Ich kann mir das sehr gut vorstellen, der Vadder vergisst inzwischen allerhand.

„Hach“, seufzt sie. „Noch zwei Stunden. So lange dauert das noch, sagt der Doc. Was mach ich denn solange?“
Ich: „Geh spazieren, lies was. Geh rüber zur Erika, frag sie ob sie zum spielen raus kommt.“

Mutter sieht mich sehr streng an, ich spür den Blick durchs Telefon. Sie kapiert, dass das so ein ‚Wenn du Hunger hast, iss einen Apfel‘ Ratschlag ist. Sie grübelt, was sie Böses antworten soll.

Ich: „Du bist doch nicht zu jemand Fremden ins Auto gestiegen um heim zu kommen, da neulich?“
Jetzt rollt sie mit den Augen: „Boah, bist du eine blöde…“

Ich: „Rauchst du eigentlich? Wenn ich dich erwische, wie du mit anderen Rentnern hinter dem Rewe rumlungerst und rauchst, dann nehm ich dir eine Woche lang das Handy weg, Fräulein.“

Sie hat dann aufgelegt. Mütter in ihren Seventies, ganz schwieriges Alter.

Photo by Math on Pexels.com

Termine im Juli

Heute Abend geht es los mit unserem Jahres-Highlight. Die Open-Air-Lesung im Lapidarium. Die Karten im Vorverkauf sind weg, aber wenn das Wetter mitspielt und wir nicht ins Merlin umziehen müssen, dann gibt es noch Karten an der Abendkasse.

Städtisches Lapidarium Stuttgart

Lesungen:

Singen – Montag , 4. Juli 2022

Heilbronn – Donnerstag, 14. Juli 2022

Theatershiff Heilbronn

Stuttgart-Vaihingen – Samstag, 23. Juli 2022

  • Marktplatz Stuttgart-Vaihingen
  • 18 Uhr
get shorties Schreibbude Plakat
get shorties Schreibbude Plakat

Schreibbuden:

Staatsgalerie Stuttgart – 10. Juli 2022

  • Von 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr

Eppingen – Samstag, 30. Juli 2022

  • Eppinger Figurentheater Sommerfestival
  • Wiese am Bachwegle
  • 11 Uhr 30 bis 14 Uhr 30

Mehr Infos unter www.getshorties.de

Termine im Juni

Im Juni ist ganz schön was los: Schreibbuden und Lesungen, Literatur statt. Yay.

Die get shorties Lesebühne open air

Lesungen:

  • KIRCHBERG an der Jagst – FREITAG, 17. JUNI 2022
  • 20 Uhr
  • Festhalle Kirchberg

  • ERDMANNHAUSEN – Samstag, 25. JUNI 2022
  • 19 Uhr
  • Bücherei Erdmannhausen

  • HERRENBERG – MITTWOCH, 29. JUNI 2022
  • 20 Uhr
  • Stadthalle, Herrenberg

get shorties Schreibbude Plakat
get shorties Schreibbude Plakat

  • KIRCHBERG/JAGST – SAMSTAG, 18. JUNI 2022
  • Schlossplatz Kirchberg
  • 10 Uhr 30 bis 12 Uhr 30
  • 13 Uhr 30 bis 15 Uhr

Mehr Infos unter www.getshorties.de

Hamburg Impressionen #2

Ich habe ein Hotel gebucht, ohne auf die Stadtviertel zu achten. Ich dachte, in der Nähe vom Theater zu wohnen wäre gut, dann kann man Abends noch was essen und gemütlich hinlaufen. Kurze Wege, das war mein Ansprch. In Hamburg angekommen kapierte ich dann: Wir sind ganz in der Nähe vom Bahnhof. Und Bahnhöfe sind wohl in allen Städten ein Umschlagplatz von Leid und Armut. Zumindest nehme ich es oft so wahr.

Mein Trolly rumpelte auf den Pflastersteinen, ich kam mir vor, als würde ich einen entsetzlichen Lärm machen und von allen angestarrt werden. Doch am Hauptbahnhof von Hamburg kann man allerhand tun, ohne beachtet zu werden. Kaum 10 Meter entfernt saß eine Frau auf den Treppenstufen vor einem geschlossenen Restaurant, mit einer Spritze im Arm. Sie beachtete mich nicht, sie wurde von niemandem beachtet, nur ich stand da und glotzte. Ich bin ein Landei, so einen Anblick bin ich nicht gewohnt und ich will mich auch nicht daran gewöhnen. Ich sah mich also um und bemerkte diese kleinen Inseln aus Paralleluniversen: Eine Decke auf dem Boden, ein Pappschild, ein Schlafsack, eine zusammengesunkene Person, ein Häuflein Mensch, manchmal mit Hund. Ein paar Münzen in einem Schälchen oder einem Hut. 

Was macht man da? Was denkt man, was sagt man? Ich war mit Schauen beschäftigt, mit wahrnehmen. Ich meine nicht neugierig, nicht voyeuristisch. Ich versuche immer noch zu begreifen, was das mit mir macht.

Später am Abend, mein Gebäck lag leise im Hotel, ein sauberes Bett wartete dort auf mich, da zog ich noch mal los. Mit Hunger und Durst gehe ich in einen Supermarkt und kaufe, was ich brauche, ganz selbstverständlich. Ohne nachdenken.

In einer Einkaufspassage sitzen zwei Männer auf dem Boden, um sich herum ihre wenigen Habseligkeiten. Für mich Landei sehen sie aus wie Punks, aber ganz ehrlich: Ich hab keine Ahnung. Bedeutet ein Iro automatisch Punk? Einer der beiden spricht mich an: „Hast du ein bisschen Kleingeld für uns?“

Ich habe keins, ganz ehrlich. Auf dem Weg hier her habe ich das Münzgeld in diverse Automaten gesteckt um irgendwo pinkeln zu dürfen. 

„Tut mir leid, ich habe leider keins.“

„Okay“, sagt er. „Ich wünsche dir einen schönen Abend.“ Ich schaue ihm ins Gesicht und er mir. Ich habe die Chance verpasst, ihn etwas zu fragen. Wie er hier gelandet ist, ob es ihm gut geht, ob er anders leben wollen würde, wenn… ja, wenn was? Ein anderer Blickwinkel auf all das hier täte mir wohl gut.

Zwei Häuser weiter gehe ich in den Supermarkt, kaufe Wasser und ein bisschen Obst für den nächsten Tag. Nach dem Bezahlen habe ich Kleingeld. Auf dem Rückweg zum Hotel komme ich wieder an den beiden vorbei. Ich halte ihnen in der offenen Hand mein Kleingeld hin. Der Typ mit dem blauen Iro nimmt sich ein Zwei-Euro-Stück und grinst. Er sieht verbrauchter aus als ich, aber vermutlich sind wir gleich alt. Er wirkt nicht so, als ob er mit seinem Leben unzufrieden wäre und ich denke kurz daran, wie oft ich über meine Umstände schimpfe. Aus Gründen. 

„Voll nett“, sagt er. „Danke!“ 

„Alles Gute“, sage ich, weil ich nicht weiß, was man sonst sagt. Vier Tage bin ich Landei hier in der Stadt, in diesem Viertel und kokettiere damit, nenne mich selbst „Landboppel“, was ich erklären muss. Den Ausdruck versteht hier keiner. Ich sehe viele Leute Drogen konsumieren oder Leute auf dem Boden schlafen, aber der Umgangston ist ähnlich. Sehr freundlich. Ich denke an Hintertupfeldingen. Hier sehe ich immer nur eine arme Seele, die durch die Stadt wandert, mit sich selbst redet, sein Alkohol-Level permanent hoch hält und über den Tag ein paar Mal die Parkbank wechselt. Der wird in der Regel aber nur angeschrien: „Verschwinde hier“. In die Notunterkunft der Stadt will er nicht. 

Als die Pandemie los ging, da wünschten sich alle mit Inbrunst „Bleiben Sie gesund!“. Dann war kurz der Slogan „be kind“, der große Hit, was haben wir uns überschlagen im Versuch, freundlich zu sein. Das wurde dann abgelöst von „Drehen Sie nicht durch.“ Die Resignation war zäh und klebrig wie Baumharz und hat ganz viele Vorsätze wie ein Insekt an den kollektiven Burnout gepappt. In meiner Heimat ärgere ich mich oft darüber, wie garstig alle sind. Der Umgangston ist rau. Ich dachte, das sei überall so. In Hamburg brachten mir wildfremde Menschen Freundlichkeit entgegen. Beim Frühstück habe ich meinen Teller stehen lassen, ein anderer Gast trug mir meine Büffett-Ausbeute an den Tisch mit einem Tipp wie ich mein Brötchen schneide könnte, ohne dass es aussieht wie ein ausgeweidetes Tier. Im Bus, als ich nicht wusste, welches Ticket ich brauche, hat eine Frau mir alles erklärt und den Schein für mich gelöst. Die Geschichte mit dem famosen Busfaher ist ein extra Beitrag wert. Sowas habe ich noch nie erlebt. Im Lokal bekam ich alle Extra-Wünsche, ohne Murren. Das bin ich alles nicht gewöhnt. Hier darf ich weder den Kinderteller, noch die Seniorenportion bestellen. Für mein „Bitte packen Sie mir den Rest ein“, werde ich regelmäßig herablassend angeschaut. Lebensmittel wegzuwerfen ist mir zuwider, riesige Portionen essen müssen auch. In Hambrug: Alles kein Problem. Daran könnte ich mich gewöhnen, das lässt sich doch ändern!?

I. fragt mich beim Frühstück ob sich was von Hamburgs Freundlichkeit mit heim nehmen lasse. Wir sprechen fast den ganzen Morgen darüber, was uns hier auffällt, wie groß der Unterschied ist. Irren wir uns etwa, ist alles ganz anders? Ist das die rosarote Brille des Touristen? Zumindest wir zwei sind uns einig. Jemand muss mit dem Nett sein anfangen. 

Wieder zuhause saß ich im Auto. Ich fahre nämlich nicht Bus und kann niemandem ein Ticket lösen. Mir ist klar, dass ich schnell wütend werde, maule und garstig bin. Seit ner Woche übe ich: Freundlichkeit. Nach Hamburger Vorbild. Man kann Dinge nicht von Heute auf gleich können. Wie alles andere auch, muss man üben, neues Verhalten einstudieren. Ich arbeite dran, ehrlich.  

Photo by Taufiq Klinkenborg on Pexels.com

Hamburg Impressionen #1

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.

Ich saß im Zug Richtung Heimat. Wie immer im öffentlichen Raum war mir alles zu laut. Mein Blickwinkel ist da oft auf die negativen Dinge fixiert. Der Typ, der stundenlang und laut telefoniert. Der andere Typ der ohne Kopfhörer ein Video nach dem anderen schaut und den ganzen Wagon daran teilhaben lässt und auf die Bitten, sein Handy leiser zu stellen, nicht reagiert. Ich höre also, dass der Typ im Sekundentakt WhatsApp-Nachrichten bekommt – wim wim wim – er hat die Tastentöne eingestellt, er witscht durch TikTok, er nervt mich. Dazu das Gerumpel des Zuges, die allgemeinen Gespräche als Hintergrundrauschen und die ständigen Durchsagen der Deutschen Bahn. Es dauert also nicht lange, da habe ich Kopfweh, bin völlig reizüberflutet, müde und mordlüstig. In dieser Stimmung schiele ich nach links, da sitzen zwei Jungs und eine alte Dame in einer Vierergruppe mit Tisch. Die Jungs schätze ich auf 16 oder 17, ihren Gesprächen nach sind sie definitiv noch Schüler. Beide haben weite Jeans an, ich kann ihre Knöchel sehen, sie tragen eine Bauchtasche schräg über der Brust wie eine Schärpe, als hätten sie einen Schönheitswettbewerb gewonnen. Die Gesichter sind glatt und arglos, wie man eben aussieht, wenn man erst 17 ist. Die Frisuren sind auch ganz ähnlich. Seitlich rasiert, über der Stirn ein gelocktes Geraffel, das ganz knapp in die Augen hängt.

Die alte Dame hat ganz weißes Haar, ein Pilzkopf, aber noch kräftig und dick. Sie ist zart geschminkt, hält ihre Handtasche auf dem Schoß fest und wirkt aufgeregt. Ich höre also mit. Die Dame, gerüscht und geblümt, fragt die Jungs wo sie hinfahren. Heim, sie haben Freunde besucht. Und die alte Dame? Ich schätze sie auf 65, vielleicht auch schon 70. Wo war sie, wo will sie hin? Und da wird es interessant, ich blende all die nervigen Dinge plötzlich aus. Sie hat ein Date. Sie trifft Otto in H. Sie haben sich schon ein paar mal getroffen, sie meint, das könnte was werden, sie ist schon eine Weile Witwe, in ihrem Alter, da ist das alles nicht mehr so leicht, aber Alleinsein ist auch nicht leicht, doch der Otto, der macht ihr ein warmes Gefühl in der Brust. Das ist schön.

Die Jungs fragen ganz interessiert, sie fragen empathisch und offen und ich wundere mich nur kurz, dass sich die Jugend für das Liebesleben einer alten Frau interessiert. Aber die Aufregung und die Schmetterlinge im Bauch, das ist ganz ähnlich. Ob 17 oder 70 – das ist doch ganz egal. Jonas erzählt von Ariane, vom ersten Treffen und wie das war. Aufregung und Zweifel: Mag sie mich? Also richtig? Da drüben am Tisch, wo sich die drei gegenübersitzen wird viel gelacht. Ich hab meine Kopfhörer nicht auf, ich schließe die Augen und höre heimlich zu. Ich habe den Eindruck, ich bin nicht die Einzige.

Die alte Dame ist aufgeregt, sie schaut auf die Uhr, noch 6 Minuten, aber wir haben Verspätung. Die Jungs versichern ihr: „Der Otto wartet, ganz bestimmt.“

Es kommt eine weitere Durchsage, wir erreichen demnächst den Bahnhof H, Ausstieg in Fahrtrichtung links. Die Dame säufzt. Hier wurden Informationen ausgetauscht, die man zwei fremden Teenagern mit Leichtigkeit erzählen kann. Vielleicht geht das bei einer guten Freundin nicht, die hat zu viele Bedenken und gut gemeinte Ratschläge und Warungen; „Pass bloß auf.“ Manchmal ist zu viel Lebenserfahrung auch Fehl am Platz. Da braucht es einen frischen, neugierigen Blick. Könnte ja gut werden.

Auf dem Bahnsteig steht ein Herr, ebenfalls mit schlohweißem Haar. Das blaue Hemd, das er trägt hat diesen verräterischen Streifen auf Bauchhöhe. Das hing heute morgen noch auf der Leine, es ist nicht gebügelt. Aber er trägt eine Fliege und schaut dem Zug so erwartungsvoll entgegen, als wäre es das erste Mal. Wirklich, das allererste Mal.

Die Dame verabschiedet sich von den Jungs, eilt zum Ausgang. Sie trägt blitzblanke, weiße Gesundheitsschuhe mit flachem Absatz. Sie ist flott unterwegs. Fast leichtfüßig.

Die zwei sehen ihr nach, lugen dann durchs Fenster zu ihm hin und stellen freudig fest:

„Oha, er hat Blumen dabei, siehst du das?“

Ich sehe es, andere auch. Der eine steht auf, der andere kniet sogar auf dem Sitz und lehnt mit Armen und Stirn gegen das Fenster. Auf dem Bahnsteig umarmen sich zwei, so türmisch, dass der Blumenstrauß ein paar Blütenblätter verliert. Da wird heftig und innig umarmt und lang.

„Sie mag ihn wirklich“, sagt Jonas. Die Jungs buffen sich gegenseitig gegen den Oberarm, als hätten sie die zwei persönlich verkuppelt und freuten sich jetzt über ihren Erfolg.

Der Zug fährt wieder an. Die Frau lässt Otto kurz los und winkt den Jungs. Die heben beide Daumen. Otto weiß zwar nicht, worum es geht, aber er strahlt und winkt auch.

Die Jungs setzen sich wieder hin, auf dem Bahnsteig wird weiter umarmt und ich setze meine Noise-Cancelling-Kopfhörer wieder auf. Lächelnd. Ich bin froh, dass ich das nicht verpasst habe.

Photo by Daniel Frese on Pexels.com

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert. 🙂

Schreiben dicht am Leben

Rezension:

Ich konnte inzwischen das dazugehörige Notizbuch – gebraucht – kaufen und habe somit die Reihe voll. Das bedeutet, ich kann nun all meine Schreibübungen ins Duden Blank Book hineinschreiben, alles hübsch ordentlich und am richtigen Platz. Mein innerer Monk ist sehr zufrieden. Jedenfalls.

Aus dieser Schreibratgeber-Reihe gefällt mir „Schreiben dicht am Leben“ bisher am besten, das spricht mich am meisten an. 19 verschiedene Übungen laden zum Schreiben ein und dieses Mal gefallen mir durchweg auch alle Impulse. Das ist nicht oft so. Üblicherweise picke ich mir ein paar Aufgaben heraus und lasse alles andere links liegen. Jede Übung greift einen Aspekt auf, wie man die Welt betrachten und in Worte fassen könnte. Das geht über den üblichen Tipp „Setze dich in die Fußgängerzone und beobachte Leute“ hinaus. Diese Schreibanregung ist ja nicht neu und findet sich in vielen Ratgebern.

Wie schon in den anderen Büchern der Reihe sind alle Schreibanregungen mit Text-Beispielen untermalt, meine Wunschliste ist schon wieder um 4 weitere Bücher angewachsen, weil mir die Beispiele so gut gefallen haben. Ich habe gestaunt und gedacht: „Was man alles machen kann. Toll.“ Wenn ich also mit meinem Notizbuch in der Fußgängerzone sitze, kann ich alles ganz minimalistisch einfangen, Dialoge mithören, überspitzt darstellen oder ganz anders, den Blick nach innen richten: „Wie geht es mir hier eigentlich?“

Es hindert mich ja keiner daran, mir ein paar Anregungen auszuwählen und miteinander zu vermischen. Ich finde es aber gut, dass hier im Buch die Übungen getrennt voneinander dargestellt sind mit dem Augenmerk auf einer einzige Sache. Ich würde es als „Sehen lernen“ zusammen fassen. Es geht ums beobachten, erfassen und komprimieren: Das Gesehene/Gefühlte in Worte zu fassen. Und da gibt es wirklich sehr viele Möglichkeiten. Ich habe herzlich gerne alles ausprobiert und damit gespielt und auch noch ein paar neue Dinge für mich mitgenommen. Dieser Ratgeber ist, meiner Meinung nach fürs kreative Schreiben, also für SchriftstellerInnen geeignet, Anfänger wie Fortgeschrittene, aber genauso fürs Tagebuchschreiben, für den ganz persönlichen, eigenen Gebrauch. Eine Universalanleitung, quasi.

  • Schreiben dicht am Leben ★★★★★
  • DUDEN – Kreatives Schreiben
  • Hanns-Josef Ortheil

Van Gogh – Sämtliche Gemälde

Van Gogh / Sämtliche Gemälde / Taschen Verlag

Die Gemälde von Van Gogh machen irgendetwas mit mir. Die Strichführung, die Farben, die Motive. Das berührt mich. Das kann ich nicht rational erklären, es ist wohl auch nicht nötig, man muss nicht alles ergründen. Ich habe jetzt mehrere Wochen mit diesem Wälzer verbracht. Van Gogh auf über 744 Seiten. Ich bin mit Neugier, aber ohne große Erwartungen eingestiegen, einfach mit dem Bedürnis etwas mehr über Vincent van Gogh zu erfahren. Nun weiß ich, dass er etwa 870 Bilder gemalt hat und ich staune über diese Zahl. Mit welcher Arbeitswut muss man sich in seine Kunst stürzen um das in wenigen Jahren zu schaffen? Ich fand das Buch sehr spannend, auch wenn der Begriff vielleicht nicht ganz richtig ist. Ich versuche es zu erklären:

Die beiden Autoren, Ingo F. Walther und Rainer Metzger haben hier das Leben von Van Gogh mit der Entstehung seiner Kunstwerke verwoben. Also was er wann und wo gemalt und gezeichnet hat und auch warum. Mit Erklärungen zu seinem Werdegang und seiner künstlerischen Entwicklung. Alle seine Werke haben Symbolkraft, das war von Van Gogh so gewollt und in seinen Briefen an den Bruder oder andere Künstler auch erklärt. Und das meine ich mit spannend: ich fand es total interessant, wie er an seine Arbeit herangegangen ist. Wenn er meinte, er müsste Gesichter und Kopfstudien machen um besser zu werden, dann hat sich Van Gogh vorgenommen 50 Bilder zu malen. Und dann hat er genau das getan. Konsequent, fast wahnhaft. Ich bewundere diese Arbeitseinstellung – und die Bilder natürlich. Das Buch habe ich inzwischen ausgelesen, aber ich will es noch nicht ins Regal räumen. Ich blättere immer noch vor und zurück und schaue mir die Bilder an. Damit kann man viel Zeit verbringen und immer noch etwas entdecken. Auch das finde ich spannend.

Die Kombination aus Kunstkatalog, Biografie und Auszüge aus den vielen, vielen Briefen, die Vincent Van Gogh sein Leben lang geschrieben hat, macht diese Lektüre richtig lebendig. Herzliche Empfehlung. ★★★★★

Ich habe inzwischen einige Dinge über Van Gogh gelesen und tolle Verfilmungen gesehen, die Meinungen gehen da ausseinander, ob es Selbstmord war, oder ob Van Gogh angeschossen wurde und die Täter mit seinem Schweigen schützte. Ich maße mir da kein Urteil an. Hier im Buch wird sein Ende als Selbstmord dargestellt und mit seinem „Abschiedsbrief“ an den Bruder belegt. Wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn seine Sterne etwas gütiger auf ihn herabgeblickt hätten?

Diesen Monat fahre ich noch nach Hambrug und sehe mir, unter anderem die Ausstelung „Van Gogh alive“ an und bin sehr gespannt.

  • Van Gogh. Sämtliche Gemälde
  • Ingo F. Walther, Rainer Metzger
  • Herausgeber: ‎ TASCHEN
  • Gebundene Ausgabe: ‎ 744 Seiten
  • ISBN-10: ‎ 9783836557122
  • ISBN-13 : ‎ 978-3836557122

Bester Van Gogh Film, also meiner Meinung nach:

Und meine Lieblingsversion von „Starry Starry Night“:

Termine im Mai

Carolin Hafen auf der get shorties Lesebühne

Nach dem tollen Auftakt in Böblingen letzten Monat freue ich mich auf neue Termine. Das hat so gut getan endlich wieder mal auf eine Bühne zu dürfen, mit einem Publikum, das genauso begeistert bei der Sache war wie wir. Der gute Ingo hat uns den Kalender mit Lesungen und Schreibbuden gefüllt, wir wollen dieses Jahr auch einen neuen Shorties-Band herausbringen, es stehen großartige Dinge an.

13. Mai – Lesung im Merlin Kulturzentrum, Stuttgart / 20 Uhr

14. Mai – Schreibbude in Ebersbach / 10 bis 13 Uhr

15. Mai – Schreibbude in Stuttgart, vor der Staatsgalerie / 13.30 bis 16.30 Uhr

22. Mai – Schreibbude in Öhringen / In der Altstadt / 13 bis 16 Uhr

get shorties Schreibbude Plakat
get shorties Schreibbude Plakat

Mehr Infos unter www.getshorties.de

Mein Lese-Monat April

Lese-Monat April: Schreibratgeber, Der dunkle Turm, Horst Evers und der Hobbit

  • Hanns-Josef Ortheil – Schreiben dicht am Leben ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Horst Evers – Wer alles weiß, hat keine Ahnung (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • J. R. R. Tolkien – Der Hobbit (Hörbuch gelesen von Gert Heidenreich) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Stephen King – Schwarz (Der dunkle Turm Band 1) Hörbuch gelesen von Vittorio Alfieri ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ich war die letzten Wochen so mit dem neuen Manuskript beschäftigt, dass ich kaum zum Lesen gekommen bin. Daher sind in meiner Liste eigentlich nur Hörbücher, die ich auf der Autobahn konsumiert habe. Ich hoffe, ich komme diese Woche noch dazu im Blog jeweils eine vernünftige Rezension zu schreiben. Den Schreibratgeber möchte ich herzlich empfehlen und „Schwarz“ habe ich in einer überarbeiteten, erweiterten Fassung gehört. Ich las den Roman vor… puh 15 Jahren? Vielleicht ist es sogar länger her. Dennoch glaube ich, dass die Überarbeitung dem Buch gut getan hat. Ich hatte die Story unter „experimentell“ abgespeichert und dachte damals: „Krass, der gute Herr King hat selber keine Ahnung wo das hinführt. Spannend. Dass er das so schreibt und dass ein Verlag dieses Experiment mitmacht. Da bleibe ich dran.“

Mache ich tatsächlich, ich trete die Reise mit Roland noch mal an – in der Hörbuch-Fassung. Yay.

Was hast du gelesen, hm?