Lese-Monat Februar

Lese-Monat Februar

Ich habe jetzt ein paar Tage nichts gepostet, weil ich für mich noch keine Antwort gefunden habe, wie ich mit all der Angst, dem Mitgefühl und meinem Alltag umgehen soll. Aber sich-totstellen hilft ja auch keinem. Also bemühe ich mich um ein vorsichtiges auftauchen. Mein Manuskript befindet sich gerade im Lektorat, das bedeutet ich hatte diesen Monat wieder mehr Zeit zum lesen. Lotte Römer macht das manchmal mit mir, dass sie fragt „Was war dein glücklichster Moment diese Woche?“ Oder auch „Was hat dich gefreut?“


Ich weiß nicht mehr, in welchem Buch ich das gelesen habe, wenn man wie ich viel liest, vermischen sich die Dinge manchmal. Es ging um „Intimität mit der Welt“ und auch um akzeptieren wie sie ist. Das bedeutet für mich, übersetzt, hinschauen. Ich glaube, es ist diese Gleichzeitigkeit, die mich manchmal so fertig macht. Ich kann mich hier über etwas freuen und dort etwas ganz schrecklich und falsch finden. Gleichzeitig. 

Der Februar ist um, hier ist mein Lese-Monat Februar. Da liegt Jossel Rakover auf dem Tisch, gleich neben Calvin und Hobbes. Gleichzeitig. Ereignisse eines vergangenen, schrecklichen Krieges. Und was zu Schmunzeln, was Spaß macht und ablenkt von den schlechten Dingen. 

Hinschauen. Trotzdem. Deswegen.

R. M. Rilke Gesamtausgabe / Insel Verlag

R. M. Rilke Gesamtausgabe (Band 1 von 6) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Rilke ist mein Lieblings-Lyriker und nachdem ich verschiedene Taschenbücher und eBooks gekauft und gelesen habe, wurde ich unzufrieden. So tolle Texte, aber wie sieht das denn aus? Also habe ich im Internet nach einer Gesamtausgabe geschaut, die auch was im Regal hermacht. Schließlich habe ich diese tolle Gesamtausgabe aus dem Jahr 1982 gebraucht gekauft und sie ist hübsch und sie freut mich und hach. Es sind die kleinen Dinge manchmal. Schon in Band 1 ist mein Lieblingsgedicht drin. Ich habe aber auch viele andere neu entdeckt und mit Bleistift angestrichen. Bleiben noch fünf Bände. Ja, das freut mich.

Richard Yates – Elf Arten der Einsamkeit (Short Stories) ⭐️⭐️⭐️⭐️

Bill Watterson – Calvin und Hobbes Band 2 und 3 ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Es sind insgesamt 11 Bände und ich will sie alle lesen. Ich liebe diesen kleinen Kerl und seinen Tiger. Meine Kindheit war keinen Tag so, ich war weder so klug, noch so witzig oder fantasievoll. Aber ich bin überzeugt: Sie hätte so sein sollen. Wenn ich die Comics lese habe ich ein ganz warmes Gefühl im Bauch, so behaglich wie eine Decke, Kakao und ein Kaminfeuer.  

Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann (Hörbuch gelesen von Sandra Hüller) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Aktuell mein Lieblingsbuch. Über die Jahre ändern sich solche Dinge ja manchmal. Ich habe es nun zum fünften Mal gelesen und ich werde nicht müde, es weiter zu empfehlen. 

Zvi Kolitz – Jossel Rakowers Wendung zu Gott ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Das Buch lässt sich in einem starken Wort zusammenfassen: Trotzdem. Jossel spricht mit Gott auf Augenhöhe, sagt ihm „Jetzt erst Recht“ und er kämpft. Ich empfinde mich nicht als religiös und wenn ich doch mal ein Stoßgebet spreche, richte ich es nicht an einen alten Mann mit Rauschebart, irgendwo im Himmel. Ich adressiere meine … ja was? Ich adressiere meine Mitteilungen ans Universum. Ich glaube an Energie, an Verbindung, an eine positive Kraft. Aber hier kann ich Jossel Rakovers Gedankengang spüren und nachvollziehen. Es ist ein kurzer, aber großer Text. Meine Ausgabe ist illustriert, auf Deutsch und auf Jiddisch. Im zweiten Teil, nach dem „Testament“ von Jossel Rakover geht es noch seitenweise um den Umstand, dass dieser Text vehement versucht hat seinen Autor abzuschütteln. Die starken Worte haben sich verbreitet, Menschen wollten diese Geschichte glauben, sie wollten sie wahr haben. Mir ist das herzlich egal, ob die Geschichte fiktiv ist oder nicht. Ich sag es nochmal. Trotzdem. Wenn du das Buch nicht kennst, dann hol es nach. Vielleicht gerade jetzt besonders. Trotzdem. Egal wie du zu Gott stehst. Jossel Rakovers Wendung zu Gott tröstet.

L. M. Montgomery – Anne auf Green Gables Folge 1 bis 4 (Hörspiel) ⭐️⭐️⭐️⭐️ Ich mochte die Serie auf Netflix sehr, habe auch diverse Verfilmungen gesehen. Und jetzt staune ich, wie akkurat das in Bilder umgesetzt wurde. Sehr hübsch. 

Mariana Leki – Erste Hilfe ⭐️⭐️⭐️⭐️ Nicht ganz so gut wie „Was man von hier aus sehen kann“, aber eindeutig die Erzählstimme von Mariana Leky. Wunderbar schrullig. Liebe, Freundschaft, Verbundenheit. Alles drin, was ich auch in den anderen Büchern der Autorin so mag. Ein eckiger Blick auf die Welt. 

Ulrike Becks-Malony – Kandinsky ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Ich habe mehrere Wochen gebraucht um das Buch zu lesen. Sachbücher dauern bei mir immer etwas länger. Ich finde, nur als Beispiel, Fotorealismus in der Kunst langweilig. Mich zieht es immer zu den abstrakten Bildern, zu den farbgewaltigen Motiven, in die ich mich hinein fallen lassen kann und keine Worte brauche. Vor vielen Jahren war ich in München in der Kandinsky-Ausstellung, saß ewig vor manch einem Gemälde – schauend, nicht denkend. Nun habe ich, dank den Buches Hintergrundinfos, Erklärungen, was und wie und wo. Die Entwicklung seiner Kunst, seiner Einflüsse, seine Gedanken zu seinen Werken. Das war schön zu lesen, aber wirklich gebraucht hätte ich es nicht. Ich würde viel lieber noch mal in eine Ausstellung gehen, auf eine Bank sitzen und die Farben fühlen. Manchmal sind Infos und Erklärungen völlig überbewertet. 

Taschen Verlag / Kandinsky / Ulrike Becks-Malorny

Was hat dir in der letzten Woche Freude gemacht?