Mein Lese-Monat Juni

Mein Lese-Monat Juni
  • Fabian Neidhardt – Immer noch wach ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Rezension)
  • Alice Miller – Bilder einer Kindheit ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Christa Wolf – Kein Ort. Nirgends ⭐️⭐️⭐️
  • Walter Tevis – Das Damengambit ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Rezension)
  • John von Düffel – Der brennende See ⭐️⭐️⭐️
  • Peter Engel – Her Fritz ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (Rezension)

Und was hast du gelesen, hm?

Bei mir ging es auch mit meinem Projekt Stephen King bzw. The Dark Tower weiter. Nachdem ich die vergriffenen Bücher gebraucht und eins auch auf Englisch ergattern konnte, bin ich nun endlich mitten in der Geschichte angekommen. Rolands Vorgeschichte ist erzählt. Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm. Hab ich erwähnt, dass ich wegen der Turm-Reihe von Stephen Kind auch Robert Browning (auf Englisch) gelesen habe? Also auch das Gedicht „Childe Roland to the Dark Tower Came“. Gut, ich habe auch Shakespeare und Dickens gelesen. Diese Herren kommen bei Stephen King sowie bei meinem geistigen Mentor, John Irving, immer wieder vor. Was ich sagen will: Bücher und Geschichten sind wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. Kreise und Wellen entstehen, alles breitet sich aus. Ein Buch führt zum anderen und zum nächsten. Und das finde ich sehr, sehr großartig.

Projekt Dark Tower

Das Damengambit

Walter Tevis – Das Damengambit

Ich hab die Serie auf Netflix gesehen und nun das Buch auf Deutsch gelesen. Ich kann das gut, Geschichten in allen Formen genießen, auch doppelt und dreifach. Als Buch und Hörbuch und dazu dann Film bzw. Serie. Gut, ich maule auch regelmäßig den Fernseher an: „Das war im Buch aber ganz anders!“ Aber das gehört zur Performance dazu, sonst weiß doch keiner, dass man ein Klugscheißer ist. 😉

Jedenfalls.

Beth Harmon kommt, nach dem Tod ihrer Mutter ins Waisenhaus. Dort werden die Kinder mit Beruhigungspillen vollgestopft. Nicht auszudenken, die Kinder würden in ihrem elternlosen Dasein auch noch übermütig spielen. Durch Zufall landet die 8-jährige Beth im Keller, beim Hausmeister Mr. Shaibel. Der spielt dort Schach. Beth ist sofort fasziniert, aber Mr. Shaibel ist nicht der einzige Mann der meint, Schach sei nichts für Mädchen. In Beths Leben ist er einfach nur der Erste. Sie lernt schnell, bleibt hartnäckig und auch wenn sich da keine innige Freundschaft entwickelt, so immerhin eine Art Zuneigung und Respekt. Das Mädchen kann ja doch was. Beth lernt also zwei Süchte kennen: Die Beruhigungspillen ohne die sie nicht Schlafen kann, und Schach. Ein Ausweg aus der Tristesse. Ihr Leben ist bald davon geprägt darüber nachzudenken, wie sie an mehr Tabletten heran kommt und wie sie die Figuren über 64 Felder schiebt. Später wird sie adoptiert, sie bleibt den Pillen und dem Schach treu und legt eine Karriere hin. Mit Höhen und Tiefen.

Der Roman ist 1983 erschienen und Walter Tevis konnte nicht ahnen, dass sein Stoff mal zu einer Netflix-Serie werden würde. Man könnte aber meinen, er hätte den Roman genau dafür geschrieben. Ich bin selten mit einer Verfilmung 100-prozentig zufrieden. Hier schon. Die Sprache von Walter Tevis ist bildhaft und schlicht. Seine Figuren entstehen nicht durch lange, ausführliche Beschreibung, sondern durch Handlung. Was sie tun, lässt sie lebendig werden. Das ist schön, das hat Tempo.

Nur weil ich als Kind gelernt habe, welche Figur wie über das Brett marschieren darf, bedeutet das nicht, dass ich irgendeine Ahnung vom Schach spielen hätte. Das macht aber nichts. Die Partien die Beth spielt, ihre Siege und ihre Niederlagen sind im Buch sowie in der Serie so anschaulich dargestellt, dass es wie ein Krimi wirkt. Spannend. Schach, das klingt ja eigentlich erst Mal langweilig. Ich denke an die Zeit zurück, als ich meinem Vater, mit baumelnden Beinen, gegenübersaß und genervt darauf wartete, dass er endlich den nächsten Zug macht. Beth lässt mich nicht warten.

Es geht aber natürlich nicht nur ums Schach spielen. Beth, die wahnsinnig viel Talent hat und intuitiv spielt, hat mehrere Probleme. Zum einen ihre Sucht, ihre eigenen Dämonen in Form vorn Selbstzweifel und Einsamkeit. Mrs. Wheatley, also die Frau, die Beth adoptiert, unterstützt ihre Stieftochter. Allerdings nicht aus Überzeugung, sondern weil ihre Lebensumstände es erfordern. Sie müssen sich beide durchkämpfen. Und schließlich trifft Beth auf einen Gegner, den sie nicht bezwingen kann. Borgov.

Ich habe die Serie mit Begeisterung geschaut, und auch das Buch in vollen Zügen genoßen. Beth ist kein gefälliges, hübsches Mädchen. Schach ist kein Metier, das „Herzlich Willkommen“ ruft. Anya-Taylor Joy hat Beth ein ausdrucksstarkes Gesicht gegeben. Walter Tevis hat eine faszinierende Frau in eine Männerwelt geschubst. Ich hab das herzlich gerne gelesen/geguckt. Und möchte es hiermit weiter empfehlen. Beides. In Bild und Text.

★ ★ ★ ★ ★

Walter Tevis – Das Damengambit

Roman / Diogenes Verlag

Übersetzer: Gerhard Meier

ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257071610