Freitagsfoto: Richard David Precht

2016-04-07 18.28.08

 

Ich war diese Woche bei einem Vortrag von Richard David Precht zum Thema Moral und Verantwortung. Hui, schweres Thema, magst du jetzt sagen und irgendwie auch Recht haben. Aber. Es gibt ja immer ein Aber.

Aber der Reihe nach. Ich habe eine gute Freundin, die macht so ziemlich alles mit. Lesungen, Vorträge, Kochkurse. Ich sage ihr schon gar nicht mehr, worum es geht, sondern nur noch Termin und Uhrzeit, und dann besorge ich Karten. So auch diesmal. Bisher waren das immer Frauen-Veranstaltungen, das heißt die Frauen sind in der Überzahl und die wenigen anwesenden Männer wurden von ihren Ehefrauen genötigt… zumindest ist das oft mein Eindruck. (Widersprich mir, wenn du da andere Erfahrungen gemacht hast). Jedenfalls. Gestern schauen wir uns um, Freundin I. und ich: Die Männer sind in der Überzahl. Gestern kam Fußball und hier handelt es sich um einen philosophischen Vortrag. Was ist hier los? Grundsätzlich: Ein schönes Bild, so bunt durchmischt mit Menschen jeden Alters. Philosophie kann sowas also. Toll.

Herr Precht hat dann 75 Minuten lang gesprochen, rhetorisch einwandfrei. Das begeistert mich immer, wenn jemand über ein Thema frei sprechen kann, ohne zu stottern, ohne langweilig zu werden und trotz allem verständlich. Ein bisschen Meinung war dann noch mit drin, wobei ich das nicht schlimm finde. Mein einziges Manko ist die Diskussionsrunde am Schluss. Und das sage ich nun ganz subjektiv. Ich persönlich brauche das nicht. Gerade hier nicht. Herr Precht hat unheimlich viele kluge Dinge gesagt, die ich nun alle erst mal sacken lassen will, um sie dann zu sortieren. Er stupste in alle möglichen Richtungen mein Denken an. Ein paar Mal dachte ich „Jajaja!“ und dann wieder „Oh, interessanter Blickwinkel“ und auch „Himmel, so habe ich das noch nie gesehen!“.

Ich beobachte das oft: Die Organisatoren eröffnen hinterher eine Diskussionsrunde, irgendwer rennt mit einem Mikro herum, es werden Fragen durch den Saal gebrüllt und/oder gestottert und der Informationsgehalt dieser Fragen ist für alle anderen (hier immerhin 800 Leute) mehr oder weniger Null. Das muss man dann aussitzen. Ich fände es schön, wenn man für die anderen, die noch Fragen haben, ein anderes Format finden würde und diejenigen, die mit Wissen und Fakten und Anregungen gesättigt sind, heim gehen dürften. Einen derartigen Vortrag würde ich aber jederzeit wieder besuchen. Herr Precht hat das wunderbar unterhaltsam verpackt, Wissen vermittelt ohne mir das Gefühl zu geben doof zu sein, zum Denken angeregt und neue Blickwinkel eröffnet. Das wird alles noch eine Weile nachhallen. Ich mag an ihm speziell, dass er komplizierte Dinge verständlich erklärt.

Jedenfalls. Hinterher habe ich mir noch ein neues Buch gekauft, und das auch signieren lassen. Yay!

Bisher gelesen:

  • Liebe
  • Wer bin ich und wenn ja wie viele?
  • Warum gibt es alles und nicht nichts

Neuzugang: 

Joey Kelly/No Limits

Joey Kelly ist als Typ  sicher ein Netter, aber rhetorisch eine Nulpe. Ohne Begrüßung ohne alles, hastete er durch die Etappen seines Lebens, ohne Verstand und ohne Pause. Mir wurde das Dingens als inspirierend empfohlen und interessant. No Limits. Er kennt also keine Grenzen wenn durch die Wüste rennt, mit einem Rad durch Amerika strampelt, gegen ein Pferd antritt oder sich irgendwo am Arsch der Welt einen abfriert.  Schön für ihn.

Ich habe Clips gesehen in denen der Name Joey Kelly zwanzigmal gerufen wurde – Aha, er war im Fernsehen. Toll.

Ich habe Clips gesehen wie er zwanzigmal durch ein Ziel läuft – Aha, er ist angekommen. Auch toll.

Ich habe unzählige Kelly-Witze von ihm gehört – Aha, er fand die damals also auch scheiße. Kann man ja machen, ich sehe das relativ neutral, ich war nie ein Fan, und nie ein sogenannter Hater. Ganz grundsätzlich möchte ich die Leistung anerkennen sich so lange im Show Biz behaupten zu können wie die Kelly Family, egal wie verschroben die waren. Es ist eine Leistung so viele Platten zu verkaufen und so große Konzerte zu geben. Jeder, der das nicht auf seiner Vita stehen hat, sollte jetzt mal still sein. Jedenfalls. Ich tue mich schwer damit, dieselbe Anerkennung aufzubringen bei den Dingen die er sich mit viel Schmerz selber antut. So viel Selbsthass und Selbstkasteiung macht mich traurig. Er konnte die Frage nach dem Warum nicht beantworten, also Warum er all diese Dinge aufsich nimmt, und nachdem ich zwanzig Bilder von ihm gesehen habe, kotzend, blutend, verzweifelnd und heulend, drängt sich mir die Vermutung auf, dass es ungesund, unschön und sinnfrei ist, derartige Dinge zu tun. Ein 100 Kilometer-Rennen gegen ein Pferd? Braucht es das? Das hätte ich ihm vorher sagen können, dass das nicht gut ausgeht. Für keinen von beiden.

Ich hatte bisher keine Ambitionen einen Marathon laufen zu wollen und auch jetzt nicht. Die Fragerunde mit zwei weiteren Läufern aus dem Landkreis und ihre Selbstverliebtheit, waren mir dann zu peinlich. Ich ging heim.

Jetzt hab ich es gesehen. Jetzt ist dann aber auch gut.