Leseprobe aus Drachenbrüder #1

  • Das Drachenvolk von Leotrim
  • Band 1 – Drachenbrüder
  • C. M. Hafen
  • O’Connell Press
  • #throwbackThursday
Autorenselfie

Aus dem Kapitel: Der Kindshüter von Leotrim

Der dunkle Drache erwachte. Plötzlich, wie man aus einem Albtraum hochschreckt. Er hatte nicht geträumt. Die Dunkelheit um ihn herum ängstigte ihn nicht. Seine gelben Augen blickten langsam umher. Seine Höhle war finster wie eine mondlose Nacht, sein Schlaflager nur harter Stein. Seine Gelenke taten weh, sein Körper war steif und kalt, er probte einen Gedanken. Rücken. Flügel. Füße. Alles reagierte, wenn auch träge. Seine Schwingen raschelten wie sehr, sehr dünnes Papier. Er erhob sich; es knackte, als würde er aus einem Ei schlüpfen. Doch keine Schalen gaben Nerina frei, sondern kleine Steine, als hätte es in seiner Höhle Kiesel geregnet, vor langer Zeit.
     Trockene Blätter, totes Getier und Staub fielen von ihm ab. Jemand musste ihn zugedeckt, versteckt haben. Er schüttelte Spinnweben von seiner rauen Haut wie eine Bettdecke aus Zeit. Er machte einen vorsichtigen Schritt, dann noch einen. Leise, als wollte er versuchen, kein Geräusch zu machen. Er wusste, wo der Ausgang seiner Höhle war, auch wenn er ihn nicht sehen konnte. Er roch das saure Meer. Er hatte Durst.
Lange geschlafen?, fragte er sich. Er schüttelte den Kopf. Eine unsinnige Frage, Zeit spielte keine Rolle.
     Als Nerina ans Ende seiner Höhle gelangte, tobte unter ihm das grüne Meer und über ihm schrie der schwarze Himmel »Tot«. Keines der Lichter summte, keines zeigte sich. Nerina wurde nie freundlich begrüßt. Er breitete seine Schwingen aus, erst die Deckflügel, um den letzten Staub abzuschütteln, und mit einem Schlag wie Donner die gesamte Spannweite. Der Wind huschte unter seine Flügel wie ein verschollen geglaubtes Kind, das endlich heimkehrt. Nerina genoss die Seeluft, die seine Schwingen streichelte, mit geschlossenen Augen und hieß die Bö willkommen. Dann erhob er sich lautlos.

***

Der alte Silván betrachtet still den Himmel, der so weiß ist wie er selbst. Es ist kein Unschuldsweiß, rein wie eine Kinderseele, sondern ein bauschiges Wolkenweiß. Ein bisschen schmutzig und verbraucht. Früher war er, wie alle Drachen der Luft, blau. Doch er hat seine Farbe verloren. Manchmal passiert das. Es existieren viele Geschichten um den Verlust seiner Farbe. Man sagt ihm nach, dass er die Lichter besucht hat und sie ihm das ewige Leben geschenkt haben. Er selbst bestreitet das. Silván rührt sich nicht. Er ist müde, die Knochen tun ihm weh. An kalten Tagen kann er seine Flügel nicht mehr ausbreiten. Die Haut raschelt dann wie steifes Zeitungspapier und die feinen Knochen knacken eine schmerzhafte Melodie. Immer öfter bleibt Silván am Boden und geht zu Fuß, sehr langsam. Oder er sitzt tagelang reglos auf den Felsen Zur Ankommenden Hoffnung und schaut in den weißen Himmel. Die Muskeln unter seiner Haut zucken nervös. Das ist kein gutes Zeichen. Er spürt, es ist etwas in der Luft.
     Silván breitet seine Schwingen aus, langsam und vorsichtig, einmal, zweimal probt er den Flügelschlag, bevor er wirklich abhebt, so leise wie immer. Das Meer unter ihm, hellgrün und ruhig, spiegelt ihn, im flachen Flug über das nasse Gift. Das saure Wasser ist für Menschen tödlich, sie können es weder trinken noch ihre Felder damit bewässern. Nur die Wasserdrachen fühlen sich darin wohl, und einige Meeresgeschöpfe.
     Silváns erster Bruder, sein Broder, zu dem er als kleiner Toddler kam, starb vor einer Ewigkeit. Bo. Kaum jemand erinnert sich an diesen Namen. Silván hat ihn nie in die Chronik von Leotrim eintragen lassen.
     Man muss sie aufsuchen, Hangameh, man zahlt ihr einen Obolus und diktiert ihr, was in die Chronik geschrieben werden soll. So hat man es ihm erzählt, daher ist er nie bei ihr gewesen in ihrer Höhle. Keines seiner Kinder steht in der Chronik. Niemand weiß, wie lange er schon der Kindshüter ist. Er hat diese Aufgabe nie gewollt.
     Silván fliegt so flach über das Wasser, dass seine Flügelspitzen die Oberfläche berühren. Drei Wasserdrachen bemerken ihn, grüßen auf Drachenart, ein kurzer, kehliger Laut. »Ich sehe dich.«
     Sie könnten schneller schwimmen als Silván fliegen kann, aber sie begleiten ihn – in seinem Tempo – auf seinem Weg zum Hafen.
     Sie können seine Gedanken hören. Die Wasserdrachen gehören zu den wenigen Lebewesen in Leotrim, die den Namen Bo noch kennen. Wasserdrachen sprechen nicht die Sprache der Menschen und selbst wenn sie es täten, würden sie nicht die geheimsten Gedanken anderer preisgeben.
     Wenn Silván auf den Felsen Zur Ankommenden Hoffnung sitzt, denkt er an Bo. Manchmal schafft er es, seinen Namen zu flüstern. Der Wind nimmt ihn dann mit. Heute ist der Himmel weiß und die Sehnsucht besonders groß. Silván ist auf dem Weg zum Launigen Vincent, dem Leuchtturm von Leotrim. Er ist der Einzige, der mit den Lichtern kommunizieren kann. Man kann ihm Fragen stellen. Manchmal antwortet er.

***

Der dunkle Drache flog zwei Tage, immer an der Küste entlang. Sein linkes Auge erblickte die steilen Klippen, das rechte das grüne Meer. Es leuchtete im Dunkeln. Nerina mochte das Meer. Mehrere Wasserdrachen begleiteten ihn, staunend. Manch einer der Alten erkannte und grüßte ihn.
     Die Sonne verabschiedete sich gerade vom Tag, als Nerina sein Tempo reduzierte, dann senkrecht in der Luft schwebte, wie ein Korken im Wasser auf- und abdümpelte und an der Küste den Eingang suchte, auf halber Höhe der Klippen, zwischen Geröllstrand und dem oberen Rand. Lautlos schwebte er auf die Öffnung zu, setzte behutsam die Füße auf den schwarzen Granit und zog die Flügel ein, hübsch an ihren Platz.

»Dieser hier. Da«, sagte er.

***

Hangameh lächelte. Die Chronistin von Leotrim amüsierte sich nicht zum ersten Mal darüber, dass Nerina sich selbst als »Dieser hier« bezeichnete. Er war als Weibchen geboren worden. Nerina war, wie alle Drachen, aus einem Ei geschlüpft, damals, als die Zeit ihren Namen erhielt. Doch hatte er schon nach wenigen Tagen gewusst, dass er eine andere Aufgabe haben würde als seine Schwestern und Brüder. Die Mutter hatte ihm einen Namen gegeben, wie es Brauch war, doch Nerina hatte getrauert – er durfte keine Halbschwester haben, es war kein Mädchen geboren worden, das für ihn vorgesehen war. Er würde nie selbst ein Ei ausbrüten. Er war dazu nicht in der Lage. Die Ammen in der großen Halle hatten ihn von den Eiern ferngehalten, sie hatten sich in Nerinas Gegenwart schwarz gefärbt.
     »Du bist ein Drache Leotrims«, hatte die Mutter gesagt, »ich verbiete dir, deinen Namen abzulegen.« Als hätte sie geahnt, was Nerina wollte. »Du bist Nerina aus den Himmelsbergen. Du gehörst zu mir.«
     Nerina hatte zur Mutter gesagt: »Dieser hier wird kein Leben brüten. Dieser hier wird allein bleiben.« Er hatte die Himmelsberge verlassen und außer Hangameh und der Mutter aller Wasser wusste bis heute niemand, dass Dieser hier ein Weibchen war.
     »Hast du Durst?«, fragte Hangameh, ohne von ihrem Notizbuch aufzusehen.
     »Ja. Durst. Groß«, sagte er.
     Nerina war kein Freund von ganzen Sätzen. Die Gedanken waren träge nach so langem Schlaf. Hangameh gegenüber waren keine guten Manieren vonnöten.

***

Dakota zitterte. Sie hatte Nerina noch nie gesehen. Solange sie lebte, hatte Nerina geschlafen. Jetzt war sie erschüttert vom Schwarz der Haut und der Größe des dunklen Drachen. Ihr war klar, dass die meisten Drachen nie aufhören zu wachsen. Ihr war klar, dass der Dunkle unendlich alt sein musste. Doch sie hatte keine Vorstellung davon gehabt, was das bedeutete. Der Eingang der Höhle war ausgefüllt, Nerina musste sich sogar leicht ducken, um mit den Flügeln durch die Öffnung zu passen.
     Es kam Dakota vor, als hätte sich ein Mond vor die Sonne geschoben, so plötzlich war es dunkel in Hangamehs Heimstatt geworden. Es schien, als würde Nerina Schwärze ausstrahlen. Er absorbierte das Licht um sich herum, sog es ein. Verschlang es. Tötete es.
     »Dakota, bring unserem Gast etwas zu trinken.«
     Dakota hickste vor Aufregung. »Ja … ja, natürlich«, presste sie hervor und verschwand.
     »Gehilfe?«, fragte Nerina.
     »Ja. Leotrim ist groß geworden. Ich schaffe die Arbeit nicht mehr allein.« Hangameh lächelte. Dakota war weit mehr als eine Gehilfin.
     »Meine Aufgabe?«
     »Du musst in die Himmelsberge«, sagte Hangameh.
Gut, dachte er. Zu Mutter. Lautlos flog er davon. Ohne zu trinken.

***

Silván sitzt auf dem Holz eines umgestürzten Liambaumes und blickt zum Horizont. Die Sonne ist schon vor Stunden untergegangen, der Launige Vincent schweigt. Nur sein Licht tastet suchend die Umgebung ab. Er hat schon seit Jahren keinen der Hüter mehr aufs Meer hinausschicken müssen. Die Menschen sind vorsichtig geworden, nur wenige arbeiten noch als Fischer. Das Meer ist mit den Jahren immer unwirtlicher geworden. Manche haben ihre Wasserdrachen abgerichtet, die wenigen Fischsorten, die man noch genießen kann, nach Hause zu bringen. Diejenigen, die es getan haben, sind stolz darauf, ihre Familien auf diese Weise ernähren zu können.
     Die Hüter am Eingang des Hafens sitzen stumm auf ihren Sockeln. Mit ausgebreiteten Flügeln; sie nehmen ihre Aufgabe so ernst wie der Launige Vincent. Die Zeit hat aus dem Angriff des irren Drachen eine Legende gemacht. Eine Geschichte, die man glauben kann oder nicht. Die Hüter aber erinnern sich. Der Launige Vincent erinnert sich: Silván war dabei gewesen. Er hatte erlebt, was aus einem Drachen wird, dem man Leid zugefügt hat.
     Ein Summen erfüllt die Weite um ihn herum wie ein Schwarm Fliegen. Ein Stern summt mit seinem Licht zum nächsten und wieder zum nächsten und so ist das ganze Universum umspannt von einer summenden Lichterkette, die alles sieht – was war und ist und wird. Sie rufen seinen Namen. Silván.

Ende der Leseprobe 

© 2015 by C. M. Hafen und O’Connell Press 


Bände der Trilogie »Das Drachenvolk von Leotrim«:

Band 1: Drachenbrüder
Band 2: Drachensichel
Band 3: Drachenfrieden

eBook Gesamtausgabe

Taschenbuch – Band 1

Drachenbrüder – Taschenbuch auf Wunsch signiert

Unter den Millionen Augen der Lichter lebt das Drachenvolk von Leotrim. Der Drache Norwin hat einen schwierigen Start ins Leben. Eine Amme lässt sein Ei fallen, die Schale ist beschädigt, ein Flügel verletzt. Es wird schnell klar, er wird nie fliegen können. Als er alt genug ist, kommt sein menschlicher Vater, um ihn bei den Menschen leben zu lassen. Die Drachenmutter muss darauf hoffen, dass die jahrhundertealte Verbindung zwischen den Völkern ausreicht, um Norwin einen Platz in ihrer Mitte finden zu lassen. Anfänglich hat sein halbgebürtiger Bruder Ambro Schwierigkeiten, etwas mit seinem Drachenbruder anzufangen. Die beiden passen nirgends hin. Jeder in Leotrim hat seinen Platz, seine Aufgabe. Diese beiden müssen nun selbst herausfinden, wofür sie gut sind.

8,90 €

eBook Gesamtausgabe

tbt – Werd´ endlich erwachsen!

Werd´ endlich erwachsen

„Werd‘ doch endlich erwachsen!“, blafft sie mich an. Einen Moment bin ich irritiert. Für eine schlagfertige Antwort dauert das zu lang. Ich bin 32 und überlege, den Bruchteil einer Sekunde lang, ob ich der blöden Kuh meinen Kakao über die Rübe kippen soll. Ich habe noch Zeit zu denken, dass ein Sahnehäubchen auf ihrem weißen Haar bestimmt hübsch aussähe. Schade, dass ich keine Sahne bestellt habe.

Dann habe ich mich wieder. Gedanken, Zorn, Trotz. Ich kippe ihr nichts über dem Kopf. „So erwachsen wie du bist, will ich nie werden“, blaffe ich zurück.

Die Verwandtschaft und diverse Freunde sind zusammen gekommen, um irgendjemanden dazu zu beglückwünschen, dass er ein alter Furz geworden ist. Und ich mitten drin. Die Torten sind Diabetes-tauglich und kunststoffsüß, die Rollatoren stehen in einer Reihe im Flur des Gasthauses. Übergewichtige, vollbusige Frauen bringen Rentnerportionen und kneifen kleine Kinder, auf dem Weg zurück in die Küche, in rotglühende Wangen. Es ist laut, es ist warm, es ist langweilig.

Mir gegenüber sitzt Tante Christa, die ich noch nie leiden konnte. Sie ist einen Kopf kleiner als ich, dürr wie ein zehnjähriges Mädchen, aber so giftig, wie eine Viper.

Christa bestellt eine Mokkasahnetorte und eine Tasse Kaffee. Nicht für sich. Für mich. Ich soll das essen und trinken und sie will mir dabei zuschauen. Ich rufe die Bedienung zurück, ordere Kakao ohne Sahne. Nein danke, keinen Kuchen.

Christa ist empört. Darüber, dass ich ihr diesen kleinen Gefallen nicht tun will, darüber, dass ich in meinem Alter immer noch keinen Kaffee trinke, und es ist nahezu ein Sakrileg die gute Mokkasahnetorte, von Tante Monika, gänzlich abzulehnen. In Tante Christas Universum gibt es keine Mokka-Kostverächter. Die Ironie, dass sie zwar Mokka mag, aber nicht isst, entgeht ihr völlig.

„Werd‘ doch endlich erwachsen“, blafft sie mich daraufhin an.

Wenn Christa sich was gönnt, dann isst sie einen halben Apfel. An einem Tag wie heute, gibt es für sie ein Glas Wasser, ohne Kohlensäure natürlich, und Pilger-Geschichten für alle. Verzicht und Strapazen, das ist ihre Vorstellung von einem guten Leben. Kakao passt da nicht rein. Nicht mal zusehen kann sie.

„Nehmen wir kurz an, es gibt Gott. Und er hat die Schokolade erfunden. Dann ist es doch meine Pflicht als guter Christ, seine Schöpfung zu ehren. Man stelle sich mal vor, am Ende, ganz am Ende, da treffe ich auf einen hutzligen Mann in Jogginghose, der auf einem galaktischen Sofa flätzt, sich das Universum-TV rein zieht, sich am Sack kratzt und mich dann fragt: Wieso hast du ignorante Sau die Schokolade, die ich dir zur Verfügung gestellt habe, verschmäht? Hm?

Was soll ich dann sagen?“

Christa ist entsetzt. Über drei Tische hinweg mault sie meine Mutter an.

Sie fängt mit „Deine Tochter“ an, referiert über das Erwachsen sein ganz allgemein, dann kommt noch was mit „dieses gottlose Kind“ und endet mit „schlecht erzogen“. Das ist meiner Mutter alles nicht neu. Deswegen regt sie sich schon lange nicht mehr auf.

Der Kakao kommt. Obwohl er zu heiß ist, trinke ich einen großen Schluck und wische meinen Kakaobart nicht weg. Christa berührt hektisch ihre Oberlippe. Wischt und zeigt und greift mit der Linken nach ihrer Serviette. Ich bin eindeutig zu alt, um mir das Gesicht mit Spucke und einer Serviette reinigen zu lassen. Das weiß sie auch.

Ich mache „Mhmmm“.

Christa nicht.

Manch ein Onkel fummelt an seinem Hörgerät, meine Mutter tötet mich mit Blicken. Ich empfange die Botschaft „Hör auf damit, die Frau hat eh nicht mehr lang.“ Vermutlich stirbt Tante Christa mal am Hunger, statt an Krebs oder Herzversagen, wie normale Leute. Irgendjemand sagt „Die jungen Leute von heute“, und Tante Christa und ich verdrehen die Augen. Das einzige Mal, dass wir uns einig sind.

Ich atme, laut und hörbar und seufzend, was Tante Christa noch mehr aufregt.

„Was hast du denn jetzt zu schnaufen?“ Danach referiert sie etwa zehn Minuten lang darüber, dass jemand wie ich, der die Entbehrungen des Krieges nicht erlebt hat, auch nichts zu schnaufen hat. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder das Leben an sich schwer nähme? Sie ist 1956 geboren, aber ich sage nichts, nippe nur ein weiteres Mal an meinem schokoladigenen Heißgetränk. Mit kindlicher Freude schiebt mir Onkel Karl das Zuckerdöschen über den Tisch. Ich lasse einen Würfelzucker in Form eines Herzchens in meiner Tasse verschwinden.

„Erwachsen sein wird total überbewertet“, sagt er. Onkel Karl sagt immer nur einen Satz pro Tag, mehr gestattet ihm Christa nicht. Ich lächle ihn an, und freu mich, dass dieser eine Satz mir gegolten hat. Das kommt nur alle paar Jahre vor. Er zwinkert. Christa schnauft.

„Hast du´s schwer, Tante Christa?“, frage ich. Ich bekomme keine Antwort, weil meine (gefühlt) siebzehn rosafarbene Cousinen „Alle Vögel sind schon da“ als Geburtstagsständchen auf der Flöte anstimmen. Gott, bin ich froh, dass ich für den Scheiß zu alt bin.

© Carolin Hafen

Werd endlich erwachsen Illu rot

Werd endlich erwachsen

Taschenbuch. Auf Wunsch auch signiert.

8,00 €

tbt – Steffi sing

#ThrowbackThursday

Eine Kurzgeschichte von Carolin M. Hafen

„Steffi, du bist ein bisschen anders als die Anderen“, sagt Horst, „aber das ist nicht schlimm“. 

Ich finde es schon schlimm. Ich wär gern wie die anderen. Aber das sage ich Horst nicht. Genau genommen bin nicht ich anders, sondern nur mein Rüssel. Horst hat versucht es mir zu erklären. Rüssellähme nennt man das was sich habe. Er hat seinen Arm ausgestreckt und gesagt, mein Rüssel und sein Arm wären gleich. 

„Schau Steffi“, hat er gesagt, „deine beiden Fingerchen am Ende deines Rüssels, die sind wie meine Hand. Damit kannst du greifen, die kannst du bewegen.“

Stimmt, da hat er Recht, ich kann kleine Stöckchen aufheben, auch eine Erdnuss, obwohl die so winzig sind, aber das schaffe ich. 

„Und hier, meine Schulter, die ist wie dein Rüssel oben am Ansatz, das Stück ist auch beweglich“, sagte er und streichelte mich zwischen den Augen und ein Stück darunter. Ich mag das, das weiß Horst auch. Ich mach dann die Augen zu und hoffe, dass er nicht so schnell wieder aufhört.

„Nur das Stück dazwischen, zwischen Hand und Schulter, mein Ellenbogen, der ist gelähmt.“ Nicht Horsts Ellenbogen ist gelähmt, sondern mein Rüssel. Rüssellähme eben.

„Er hat gesagt, da sind ganz viele Muskeln und die würden nicht funktionieren, nicht auf mich hören, wenn ich sie bewegen will. Daher ist mein Rüssel länger als der meiner Geschwister. Er hängt nutzlos herunter, rollt sich auf dem Boden ein Stück zusammen und ich muss verflixt aufpassen, dass ich nicht drauf trete, aus Versehen. Horst kann das nicht, aus Versehen auf seine Hand tappen.

Mit Rüssellähme sind viele Sachen schwierig. Meine Geschwister, die saugen mit dem Rüssel Wasser auf, wenn sie Durst haben und spritzen sich das dann einfach ins Maul. Ich kann das nicht. Horst hat einen Schlauch, der ist grün und da kommt Wasser raus, wenn er so ein winziges, silbernes Dingelchen aufdreht. Er spritzt mir dann ins Maul, weil ich es nicht selber kann. Wenn ich Durst habe und Horst ist nicht da, dann knie´ ich mich ans Wasserbecken und trinke dort. Meine Geschwister lachen mich aus, wenn sie mich so sehen.

Sie wissen, dass ich Rüssellähme habe, aber sie lachen trotzdem. Beim Fressen ist es genauso. Meine Geschwister heben einfach alles auf und stopfen sich ins Maul was ihnen schmeckt. Heu und Äpfel und Möhren und Salat. Manchmal auch hartes Brot, je nach dem, was die Pfleger uns bringen. Horst muss mir alles mit seiner Hand geben, weil ich mit meinen Fingerchen nicht an mein Maul komme. Ich kann die Sachen greifen, aber nicht aufheben.

Ganz schlimm finde ich es, wenn die Sonne scheint und Horst mich raus schickt. Ich muss dann spielen gehen im Gehege, mit den anderen. Weil ich aber so eine empfindliche Haut habe, cremt er mich mit Sonnenmilch ein. Meine Ohren sind dann ganz weiß von dem Zeug und jeder sieht, dass mit mir was nicht stimmt. Ich kann den Leuten schlecht erklären, dass es am Rüssel liegt. Horst erklärt es den Besuchern, manchmal, wenn er Zeit hat. 

Meine Geschwister saugen einfach ein bisschen Wasser auf und spritzen es sich wie eine Dusche über den Rücken. Mit Sand machen sie es genauso. Das ist wie Sonnencreme, nur dass es nicht blöd aussieht. Mit der Wasser-Sand-Mischung kriegen sie keinen Sonnenbrand und die Insekten und Mücken können ihnen auch nichts anhaben. Durch die Dreckkruste kommt keine Schnacke durch.

Horst ist mein bester Freund, das weiß ich. Weil er nämlich weiß, dass ich die Sonnenmilch ganz scheußlich finde. Wenn er ein bisschen Zeit hat, nimmt er den grünen Schlauch und spritzt mich von oben bis unten ab. Oder ich darf ins Badebecken, ganz allein. Hinterher schüttet er mehrere Eimer Sand über mich drüber, der ist irgendwie gelb, aber dann sehe ich genauso aus wie alle anderen. Dann geh ich gern raus.

Horst meint, ich soll den Kopf nicht hängen lassen, einfach nicht hinhören, wenn die anderen lachen. Der hat leicht reden. Der Rüssel hängt ja eh, da ist es leicht, den Kopf hinterher zu hängen. Aber das mit dem weghören, das klappt ganz gut. Manchmal, da hab ich einfach die Nase voll. Nicht mit Wasser, so wie die anderen und genau genommen ist es gar nicht die Nase sondern der Rüssel. Horst sagt, wenn er sich ärgert, er hätte die Nase voll. Horst hat eine ganz winzige Nase, klar dass die schnell voll ist. Ich hab das schon kapiert. Wenn Horst die Nase voll hat und nicht mehr mag, dann geht er nach Hause. Aber wo das ist weiß ich nicht. 

Wenn ich den Rüssel voll hab, so wie Horst die Nase, dann mach ich einfach meine Ohren zu. Das ist dann so, als würde ich auch heim gehen. Horst kann dann quatschen so viel er will und die anderen können Lachen bis sie Bauchweh davon haben, ich hör´ nichts. Horst will nämlich immer üben, diese Geschichte mit seinem Ellenbogen und meinen Muskeln, die nicht auf mich hören. Das ist anstrengend. Er macht irgendwas vor, ich schaffe es nicht es nachzumachen und die anderen lachen. 

Erst seit er mir das besser erklärt hat, mit der gesunden Hand und der Schulter, klappt es ein wenig. Seither üben wir auch im Elefantenhaus, wenn die anderen draußen sind. Das war ein komischer Tag. Horst sagte, er hätte die Nase voll, aber er ist nicht heim gegangen, sondern hat alle anderen raus gescheucht. „Blöde Geschwister seid ihr“, hat er gesagt. Ich hätte mich das nicht getraut.

Er hatte M&M´s dabei, an dem Tag. „Das sind Nüsse, nur bunt“, hat Horst gesagt. Ich hab Erdnüsse bekommen, die sind nicht bunt, mir aber lieber. 

Bunte Nüsse, manchmal spinnt Horst ein bisschen. 

Er hat´s also vorgemacht, das Nüsse werfen. Er hat seinen Arm ausgestreckt und gesagt, seine Schulter ist gesund, und die Hand auch, nur der Ellenbogen ist steif. Und dann hat er ein M&M nach dem anderen genommen und sich selbst, im hohen Bogen, einfach in den Mund geworfen. Aus dem Handgelenk, hat er gesagt. Das hat geklappt. Na ja, er hat nicht alle aufgefangen, mit dem Mund, aber fast.

Ich hab es nachgemacht. Nachdem alle anderen weg waren, hab ich mich auch getraut. Ich griff mir mit meinen beiden Fingerchen eine Erdnuss aus Horst´s Eimer und warf, zack, eine nach der anderen in mein Maul. Na ja, ich hab nicht alle aufgefangen, mit dem Maul. Aber fast.

Als das geklappt hat, hab ich mich so gefreut, dass ich plötzlich so ein Tuut von mir gegeben habe. Ein helles Tuut, ganz kurz, das kam aus meinem Hals. Wie das plötzlich ging weiß ich gar nicht. Horst war genauso erstaunt wie ich.

„Ich wusste gar nicht, dass du das kannst, Steffi“, sagte er zu mir. Ich hätte ihm das ja gern erklärt, aber ich wusste ja selber nicht wie ich das gemacht habe.

Mit dem Fuß schob er den Eimer näher zu mir. „Kannst du das noch mal?“

Ich hab eine Nuss genommen, geworfen, getroffen und Tuut gemacht. Ganz kurz. Horst schien sehr zufrieden.

„Steffi kann singen!“, lachte er. Ich und singen? Ich sagte ja schon, manchmal spinnt Horst ein bisschen. Doch dann sagte er was, das hat mich neugierig gemacht.

„Deine Geschwister können das nicht!“ Horst flüsterte, doch ich hab´s genau gehört. Vor lauter Aufregung hab ich wieder Tuut gemacht.

Horst hat mir auch das erklärt. „Woher sollst du denn wissen, dass du singen kannst, wenn dir keiner sagt, dass du singen sollst? Deine Mama ist hier im Zoo geboren, sie kann es nicht, niemand hat es ihr beigebracht. Daher können deine Geschwister auch nicht tuten. Nur du.“ 

Nur ich.

Horst sagt, mein tuuten klingt wie eine kaputte Trompete. Was eine Trompete ist weiß ich nicht, aber kaputt klingen will ich nicht. Daher üben wir, zum Werfen auch noch Tuuten. Er meint, ich soll versuchen den Ton zu halten, es also länger machen.

*

Ich hab mir das selber beigebracht. Ich habe keine Ahnung, wie ich das angestellt habe, es ist mir auch egal. Denn jetzt ist alles ein bisschen anders, nicht nur mein Rüssel, sondern alles. Wenn meine Geschwister jetzt lachen, wenn ich mich zum trinken hinknie´, dann tuute ich ein bisschen. Dann sind sie gleich still.

Horst sagt, sie sind neidisch, weil sie es nicht können. Sie versuchen es wohl, wenn ich nicht da bin. Die Besucher freut mein Tuuten auch. Die stehen jeden Tag um das Gehege. Früher hab ich mich nicht raus getraut. Ich dachte die lachen und dann tappe ich versehentlich noch auf meine Fingerchen und falle hin. 

Nun geh ich gern raus, Horst füttert alle, auch mich, und ich werfe meine Nüsse. Inzwischen kann ich das sogar mit Äpfeln. Nur mit halben, aber immerhin. Und wenn ich getroffen habe, tuute ich. Einfach so. 

Und wisst ihr, was noch passiert ist? Ich hab Stoßzähne bekommen. Eines Tages lugten die einfach so raus, links und rechts neben meiner Nase äh… neben dem Rüssel natürlich. 

Horst hängt meinen Rüssel nun einfach über einen meiner Stoßzähne, jetzt kann ich auch nicht mehr drauf treten. Horst und ich laufen jeden Tag einmal durch den Park, ich hab meinen Rüssel über dem Stoßzahn hängen, Horst futtert bunte Erdnüsse und jedes Mal, wenn ein Besucher ruft „Steffi sing´“…  

Na, was denkt ihr wohl?

Horst hatte Recht. Ich bin ein bisschen anders als die Anderen. Aber das ist nicht schlimm.

© Carolin M. Hafen