Freitagsfoto – Neue Projekte

 

caro-auf-der-millenium-bridge
Caro auf der Millennium Bridge

 

Da stand ich – auf der Millennium Bridge, und dachte, ich müsste mal einen Roman schreiben, der in London spielt. Als das Bild entstanden ist, war ich noch lange nicht fertig mit Band 3 meiner Drachensaga. Ich hatte noch ganz schön was zu stemmen. Und trotzdem dachte ich ans nächste Jahr, ans nächste Projekt, an die Vorfreude, und die Idee hier eine Geschichte spielen zu lassen. London, das ist mein happy place. Wenn ich versuche es in Worte zu fassen, gelingt es mir nicht. Ich fühle mich wohl, mir gefällt was ist sehe, ich könnte mir vorstellen hier zu leben. Das muss als Erklärung genügen. In meiner Vorstellung sitze ich in einer kleinen Wohnung, der Schreibtisch steht direkt vor dem Fenster mit Blick auf die Themse. Hier schreibe ich und nach getaner Arbeit genieße ich den Nachmittag in irgendeinem Park, gehe Abends schön essen und ins Kino. So sollte das Leben sein. Ob das je so sein wird? Keine Ahnung. Aber da tauchte eine Frau auf, vor meinem inneren Auge – IHR Leben sieht auch nicht so aus, aber ich habe Lust über sie zu schreiben, sie in einem schwarzen Taxi durch die City zu scheuchen. Neue Projekte, neues Glück.

Leotrim steckt derweil mitten im Lektorat. Juhui.

C.

Das Jahr, als ich anfing Dudelsack zu spielen

2016-09-25-17-49-23

Mein Abgabetermin für meine #Drachenfortsetzung rückt näher. Daher habe ich Momentan den Eindruck für alles andere zu wenig Zeit zu haben. Ich schreibe, lösche, recherchiere, schreibe, lösche wieder und das Stimmungsbarometer schlägt Purzelbäume. Da schreib´ ich ein Kapitel und halte mich für literaturpreisverdächtig, im nächsten Moment möchte ich das Manuskript in die Tonne kloppen und neu anfangen. Ich spüre den Druck im Nacken fertig zu werden. Das ist gut und wichtig, aber gleichzeitig auch lästig. Andere Dinge, wie der Blog oder das Lesen, kommen zu kurz. Literatur konsumiere ich derzeit nur noch in Form von Hörbüchern beim Autofahren. Ich bin viel für die get shorties Lesebühne unterwegs. Meine Kollegin Lotte Römer wartet nun schon Wochen darauf, dass ich ihr neues Manuskript lese und ein Feedback gebe… Ich weiß gar nicht wie lange es her ist, dass ich „Das Jahr, als ich anfing, Dudelsack zu spielen“ las. Nun möchte ich dir endlich davon erzählen.

Tanja Köhler, die ich vor vielen Jahren kennen lernte, und dann für Jahre aus den Augen verlor, schob sich mit dieser Veröffentlichung wieder in mein Augenfeld. Ich besuchte also eine Lesung von ihr – wobei Lesung das falsche Wort ist. Vortrag trifft es auch nicht. Das, was sie da macht ist eine Mischung aus Vortrag, Lesung, musikalischer Darbietung, aus-dem-Nähkästchen-plaudern und guter Unterhaltung. Gibt es dafür ein Wort? Man müsste eins erfinden…

Jedenfalls. Sie hatte den Wunsch Dudelsack spielen zu lernen und dieser Wunsch schlug Wellen. Sie nahm Unterricht (sie nimmt aktuell natürlich immer noch Unterricht – Dudelsack lernt man nicht eben mal g´schwind.) Dann schrieb sie ein Buch über Veränderung und nun dient der Dudelsack als Metapher für selbige. Das ist ziemlich vereinfacht ausgedrückt, ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber der Reihe nach.

Der Untertitel für das Buch lautet: Eine Anleitung zur Veränderung in der Mitte des Lebens. Ich bin noch nicht in der Mitte meines Lebens angekommen und nach der Lektüre kann ich sagen, es braucht auch keine Mitte um eine Veränderung zu wollen oder umsetzen zu können. Lass dich davon also nicht abschrecken. Veränderung – das ist etwas, dass kann man mit 20 oder mit 80 noch machen. Das ist nicht an einer Jahreszahl fest gemacht.

Es mag sein, dass ich nun nicht ganz objektiv bin, weil ich Tanjas herzliche, laute Art kenne und ihre Stimme im Ohr hatte, während ich las, aber ich mag den Tonfall des Buches. Tanja Köhler ist nicht belehrend, sie sagt nicht: „Du musst dieses oder jenes, damit es klappt.“ Aber sie erklärt die Dinge sehr einfach, verständlich, verwendet nicht unnötigerweise Fachchargon und Fremdwörter, die man erst googeln muss. (Ich habe mal vor vielen Jahren einen Schreibratgeber gelesen, der so geschwollen geschrieben war, dass ich auf jeder Seite mindestens drei mal das Wörterbuch konsultieren musste, um halbwegs mitzukommen. Am Schluss dachte ich, ich sei ein völliger Idiot, könne kein Deutsch und mit dem Schreiben wird das NIE was. Das war sehr kontra-produktiv.)

Tanja Köhler geht der Frage auf den Grund, was eine Veränderung ist, wann man eine braucht und wie man es dann anstellt, diese Veränderung im eigenen Leben umzusetzen. Wie gesagt, der Dudelsack dient durchweg als Metapher und das erstaunlich gut. Nebenbei erfährt man noch so einiges über Schottland, das Dudelsack spielen und Tanja Köhler selbst. Ihren Werdegang, diverse Veränderungen in ihrem Leben. Das ist ehrlich, das ist nah, das ist persönlich. Sie erzählt von denkwürdigen Momenten und von Denkfehlern. Sie bringt es dann auf drei Punkte: Ziel, Umsetzung und Dringlichkeit.

Für mich klang das alles sehr logisch. Ich dachte über Dinge nach, die ich bisher geschafft habe und Situationen, an denen ich gescheitert bin. Nun kann ich ganz genau benennen, wann eines der drei Dinge gefehlt hat, oder gar alle drei. Das ist etwas, dass ich bisher gespürt habe, ohne Worte dafür zu haben. Ein Beispiel. Während der Veranstaltung, als Tanja fröhlich und mit viel Begeisterung von ihrem Dudelsack erzählt hat, vom Wunsch zu spielen, über den harten Weg zum ersten Instrument, der Suche nach einem Lehrer und den Hindernissen, die es zu überwinden galt, da meldete sie das kleine Lause-Mädchen, das in mir wohnt, zu Wort. Sie sagt in regelmäßigen Abständen zu mir:

 

Caro, Schlagzeug spielen können – das wär´s.

Ich würde ausflippen und ba-da-bing, ba-da-beng, ba-da-bum-bum machen.

Wie irre. Und laut.

 

Das ist in meiner (unserer) Vorstellung unheimlich hübsch. Nach dem ich dieses Buch gelesen habe, dachte ich aber;

 

Hör mal, Mädel! Du hast das nicht als Ziel formuliert, weil ganz andere Dinge wichtig sind. Du hast kein Bock das umzusetzen (Üben!) und die Dringlichkeit ist nicht existent. Du lebst seit Jahren prima ohne Schlagzeug. Ein Tag ohne Wörter überstehst du aber kaum.

 

Keiner der drei genannten Punkte ist gegeben. Ich habe mir also den Zollstock angesehen, wie im Buch beschrieben, hab mir die Zeit angeschaut, die mir theoretisch noch bleibt, und gedacht: Da sind andere Sachen, wichtigere Sachen, die ich machen will. Und immer, wenn ich mich frage, was ich will, plingt als erstes das Wort „Schreiben“ in meinem Kopf auf, wie eine Mikrowelle, die fertig ist. Also, zurück auf Anfang. Das Thema lautet Veränderung. Das ist spannend, das ist mir wichtig. Es ist Jahre her, da hatte ich eine Schreibübung auf dem Tisch mit dem Thema „Wie lange weiter so?“ und ich kritzelte in mein Ideenbuch „Nichts ist, wie es bleibt“. Was das genau bedeutet, weiß ich noch nicht. Aber es beschäftigt mich. Das Wort „Schreiben“ plingt in mir, wieder und wieder. Aktuell arbeite ich an meiner #Drachenfortsetzung, nebenbei immer an neuen get shorties Texten und der Zollstock, Tanja Köhlers Zollstock mahnt mich: Da ist diese Geschichte. Ich will dir davon erzählen, weil es mich in die Situation bringt, zu meinen Worten zu stehen.

Ziel. Dringlichkeit. Umsetzung. 

Da ist diese Geschichte. Ich nenne sie mein Opus Magnum. Mit dieser Geschichte laufe ich seit zehn Jahren herum. Sie ist fertig, in meinem Kopf. Es gibt noch kein einziges Wort dazu auf Papier. Vor vielen Jahren lag ich im Krankenhaus, Blinddarm, und hatte keinen Fernseher im Zimmer. Das war nicht schlimm, ich wollte eh nichts wissen. Meine Eltern brachten mir „Die Dornenvögel“ als Lektüre ins Krankenhaus. Ich habe diesen Wälzer in wenigen Tagen gelesen. Und geliebt. Wirklich geliebt. Damals dachte ich sehnsüchtig, „So was…“, der Rest blieb ungedacht. Ich traute mich nicht. Der Rest lautet:

 

So etwas selber schreiben! Eine Liebesgeschichte. Eine Familiengeschichte. Mehrere Generationen. Boah.

 

Etwa fünf Jahre später entdeckte ich John Irving. Der macht das auch – ein ganzes Leben, mit Eltern und Kindern, zwischen zwei Buchdeckel packen. Mit allen Details. Jedes Werk ist groß, da stecken gleich mehrere Wahrheiten drin, und was noch wichtiger ist – er hat diesen Blick auf Menschen, verstehend, liebevoll. Die Figuren sind komplex und schwierig und schrullig und echt. Das gefiel mir, vom ersten Satz an. Nun geht es mir nicht darum „Die Dornenvögel“ noch mal zu schreiben, oder John irving kopieren zu wollen. Das soll schon meine Handschrift sein, mein Blick, meine Details. Aber man braucht ja Vorbilder. Man muss wissen, was es schon gibt. Was einem selbst gefällt, was man selber lesen möchte, welches Buch noch dazu soll, in diese Bibliothek des Universums. Und da würde ich gern meine Geschichte dazu stellen. Deshalb nenne ich das mein Opus Magnum. Es ist nichts geringeres. Kleine Gedanken passen in alle anderen Geschichten, kurz oder lang.

Ich kenne mein Ziel. Ich weiß wie ich aus einer Idee einen Text mache. Die Dringlichkeit ist… ich will nicht warten, bis ich eine alte Frau bin. Aber es ist auch noch nichts für heute. Aber ich hab den Zollstock genau im Blick. Und damit empfehle ich dir dieses Buch. Zu wissen wie, ist manchmal schon der halbe Weg.

 

~Caro

 

 

Wörtchenbude!

14523058_10154533996404871_2056707841596578212_n

Wir Autoren der get shorties Lesebühne waren wieder in Ludwigsburg. Die Stadtbibliothek lud zum Tag der offenen Tür und zum „9. Ludwigsburger Literaturfest“ ein. Wir veranstalteten (wie schon letztes Jahr) die „Wörtchenbude“. Wir haben echt geschuftet und viele Texte an den Mann gebracht. An die Frau auch. Und an ein paar Kinder. Es wurden Liebesgedichte gewünscht, ein Märchen mit Zentauren, ein Text zum Thema „Let´s have a party“. Aber auch die Limericks waren sehr gefragt, Jörg und Jole schrieben sogar einige Haikus. Um Aliens sollte es gehen, oder um das Thema Schuld. Es war also ziemlich viel dabei. Wir hatten echt Spaß.

Eine Frau fragte „Was soll das? Die Schreibmaschinen, dieses Retro. Wozu?“

Ich sagte „Weil es Spaß macht.“ Das reichte ihr als Antwort nicht. Ich musste mir also etwas mehr mühe geben. Ich arbeite nun schon über dreizehn Jahre an eigenen Texten. Davor redete ich gern darüber Schriftstellerin zu sein, aber wirklich angefangen habe ich erst 2003. Damals noch mit Papier und Stift, obwohl ich im Jahr 2000 meinen ersten Computer bekommen habe. Muss man sich mal vorstellen… während meiner Schulzeit hatte ich kein Handy, keinen PC, ich habe meine Hausaufgaben, Hausarbeiten und meine Arbeit für die Theater-AG mit einem College-Block und einem Lamy-Füller gemacht. Für mich hat das was sehr ursprüngliches, noch heute habe ich den Eindruck, näher am Wort zu sein, wenn ich von Hand schreibe. Natürlich ist es bequem am PC zu arbeiten, ich habe auch ein Tablet, unterwegs tippe ich Ideen und Entwürfe ins Handy. Oft kommen mir Nachts die besten Ideen, da mache ich kein Licht an, ich setzte mich nicht hin, schreibe ordentlich, was mir so im Kopf herumschwirrt. Nein, ich tippe wild auf dem Smartphone herum, gerne mal tausend Wörter. Und dann schlafe ich selig. Das ist alles praktisch, gut, hat sich bewährt. Trotzdem. Ich fühle mich als „Wortwerkerin“, mit einem Stift, einem Notizblock, einem Wörterbuch. Dann bin ich ganz bei mir, dann kommt mir der Satz „Ich bin Schriftstellerin“ leicht über die Lippen. Eine Schreibmaschine hat für mich einen ähnlichen Effekt. In der 8. Klasse habe ich die Schreibmaschinen-AG in der Schule besucht. Ein Jahr lang. Das 10-Finger-System kann ich heute noch nicht – Herr B. konnte es mir nicht beibringen. Was an mir und meiner Legasthenie liegt, nicht an seinen Lehrmethoden. Er hat versucht uns Rhythmus beizubringen. Er gab uns jede Woche neue Aufgabenblätter, die Welt der Wörter wurde von Woche zu Woche großer. Erst vier Buchstaben, dann sechs, dann acht und so weiter. Er stellte ein Metronom auf und im Takt tippten wir Stunde um Stunde, Zeile um Zeile. Das hatte etwas meditatives, unheimlich schön. Wie gesagt, ich habe das 10-Finger-System nicht gelernt, aber ich mochte die Nachmittage im Klassenzimmer, das Metronom, den Rhythmus, unsere Buchstaben-Zeilen, die alle gleich aussahen – vorausgesetzt man schrieb fehlerfrei. Fehler stachen in der Gleichmässigkeit hervor, wie ein knallrotes Schaf in einer Herde.

Bis wieder zwei Buchstaben mehr dazu kamen. Und noch zwei.

Als wir das erste Mal die Wörtchenbude zum Leben erweckten, dachte ich: Schreibmaschine? Kein Problem. Kann ich. Ich habe so ein altes Ding vom Flohmarkt. Ich bekomme nur noch bei Ebay Farbbänder dafür. Das Ding ist alt, und schwerfällig. Man muss die tasten richtig nach unten drücken, nix mit Gefühl. Brachial! Ich habe damals also meine Entwürfe mit Füller auf Papier geschrieben und wollte dann einen Reinschrieb an der Schreibmaschine tippen – dieses Werk auf hübschem Papier sollte der Kunde kriegen, der den Text beauftragt hat. Ich haute aber erst mal jede Menge Fehler rein, vertippte mich – und wir haben kein Tipp-Ex, kein Durchschlagpapier. Hier wird nicht mit Copy & Paste gearbeitet. Wir könnten ja auch einen Laptop hinstellen, und einen kleinen Drucker, wär ja kein Problem. WLAN gäbe es ja auch. Texte per Email?

Nein, wir schreiben mit Schreibmaschine. Im Leben muss man auch weiter machen, wenn man einen Fehler gemacht hat. Erst habe ich mich geärgert, über die Schreibmaschine, dann über mich, dann über die Situation. Am Schluss habe ich meinen Text übergeben, so wie er war. Meine Gedanken, mein Text, meine Fehler. Alles, so wie es aus mir raus kam. Und dann stellte sich eine Zufriedenheit ein. Dem Mann, der den Text abholte, gefiel es, er lächelte. Und ich auch. Das alles hatte was ursprüngliches, etwas intimes. So wie Briefe schreiben. An einen Fremden.  Nur, dass er ja bekommen hatte, was er bestellt hatte. Es war also gar nicht fremd.

So war das. Beim nächsten Mal ging es schon leichter. Das Tippen. Das Denken beim tippen. Nach der vierten Wörtchenbude möchte ich das Wort „Routine“ noch nicht verwenden. Aber dem Kopf gefällt es. Den Fingern auch. Und bis jetzt hat sich noch kein Wörtchenbuden-Kunde beschwert.

Mal ehrlich, wie viele Briefe kriegst du denn noch, hm?

~Caro

 

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

© Fotos: Carolin Hafen

 

Wenn ich nicht Ich wäre

Mein Blog

 

„Wer wärst du denn, wenn du nicht schon du wärst?“

Komische Frage, denke ich. Aber dann geht´s schon los, die Gedanken schwärmen aus wie Glühwürmchen in der Nacht und schwupps bin ich eine Frau mit langen schwarzen Haaren und hohen Wangenknochen. Kleider stünden mir unheimlich gut. (Wenn ich ein Kleid trage, sehe ich aus wie der Typ aus „Little Britain“, der immer sagt: „Ich bin eine Lady!“.) Aber ich, wäre ich jemand anderes, würde elegant rauchen, ohne das mir davon schlecht wird. Ich würde bei jeder Gelegenheit „Oh Darling“ sagen und hätte einen wunderbaren britischen Akzent. Aber nicht so einen Nuscheligen. Ich könnte natürlich auch schottisch, schließlich hätte ich ja dann auch schottische Wurzeln. Ich hätte ebenso ein kleines idyllisches Haus am Meer und einen schwarzen Hund. Entweder einen braunen Labrador namens Dickens oder eine schwarze, deutsche Dogge namens Bentley den ich Benny-Ben rufe.

Ich würde dick eingemümmelt auf der Veranda sitzen und Geschichten schreiben, voller Mythen und Waldgeister und alle verlieben sich kompliziert. Es wäre herrlich. Nein, ich tippe nicht auf einer altersschwachen Schreibmaschine, so modern müsste es schon sein. Mit einem Laptop und Wörterbüchern aller Art säße ich da. Meine ausgedruckten Manuskriptseiten beschwerte ich mit Steinen, die ich auf meinen langen Spaziergängen gefunden hätte.

Ich würde das Meer riechen, hätte einen salzigen Atem und der Wind brächte mein Haar durcheinander. Am Schluss, wenn ich geschrieben habe, was zu schreiben war, spränge ich übermütig ins kalte Wasser um mir den Tag abzuwaschen.

Natürlich gäbe es Abends einen selbst gemachten Pie und Rotwein vor dem Kamin wo es sehr gemütlich wäre mit meinem Lieblingsrotschopf. Mir würde der Wein schmecken und wir täten Dinge die man bei Rosamunde Pilcher nicht zu sehen bekommt. Hach. 

„Wieso fragst du?“, frage ich zurück.

„Wenn ich nicht ich wäre, sondern jemand ganz anderes, ich wäre wohl mutig.“

Er macht so eine künstliche Pause, er sucht wohl in sich, nach Worten oder Bruder Innerlich, der ihm einen Schubs gibt.

„Mutiger“, sagt er schließlich und lässt den Rest unausgesprochen.

Was das wohl mit mir zu tun hat?

 

 

Textschnipsel aus der Schublade von Carolin Hafen

Fragen an die Autorin #8

FAQ 8: Was ist eine Lesebühne? Was ist ein Lesebühnentext?

Ich fasse die beiden Fragen mal zusammen. Lesebühnentexte sind eine eigene Textgattung. Unsere Texte klingen erlebt, es ist ein Spiel mit der eigenen Autobiografie und schamlosem Lügen, weil der Protagonist jeder Geschichte mit dem Autor*In verschmilzt. Ich bin die Protagonistin meiner eigenen Texte, und da ich sowieso immer gefragt werde, ob meine Texte erlebt sind, also autobiografisch, selbst wenn ich über Drachenabenteuer schreibe, dann kann ich das ja auch gezielt nutzen. Wenn mich also jemand fragt, ob meine Texte autobiografisch sind, sage ich ganz klar: Jein.

Nehmen wir kurz an, die Antwort lautet Ja. Dann bin ich die Chronistin meines Lebens. Und ganz ehrlich, dass ist stinklangweilig. Und wenn die Antwort Nein lautet, müsste ich sagen: Ätsch, angelogen. Auch unschön. Zuhörer wollen unterhalten werden, sie wollen gute Geschichten hören, aber nicht angelogen werden. Und ich will nicht alles so schildern, wie es passiert ist bzw. bestehe auf die Bezeichnung „Schriftstellerin“ und nicht nur Tagebuchschreiberin. Schließlich habe ich viele Stunden Arbeit in meine Texte gesteckt. Üben, lernen, versagen, besser werden. Bis ich zum Schluss sagen konnte: Hallo, mein Name ist Carolin, ich schreibe. 

Also betrachte die Sache mit einem Augenzwinkern, ich tu´s auch. 🙂

Meine Oma kommt in manch einem Lesebühnentext vor. Sie starb vor einigen Jahren und ich vermisse sie sehr. Seit ein oder zwei Jahren besucht sie mich in meinen Texten, eine jüngere, agilere Version von ihr. Das ist nicht autobiografisch. Aber gut für mein Seelenheil.

Ich gehöre obendrein zu den Menschen, die wenig spontan und schlagfertig sind. Oftmals fällt mir in einer merkwürdigen Situation keine vernünftige Antwort ein und Stunden später, daheim hätte ich sie dann parat: Die perfekte Antwort. In einem Lesebühnentext spielt Zeit keine Rolle. Da kann ich bissige Kommentare von mir geben, dann wenn sie vonnöten sind.

Zum Schluss, wenn sich die Zuhörer in den Texten wiederfinden und sich lachend auf den Oberschenkel hauen, dann habe ich alles richtig gemacht. Mit meinem Lesebühnentext. Wenn die Zuhörer*Innen sich nicht wieder erkennen, ist das auch nicht schlimm. Dann greift immer noch der Bauer-sucht-Frau-Effekt: Sie können mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: Haha, zum Glück bin ich nicht so doof!

Dann ist immer noch alles paletti. 🙂

 

Scheitern. Oder: Was ist ein guter Text?

Ich muss schreiben.

Wenn ich diesen Satz laut sage, sehen mich andere Menschen immer sehr irritiert an. Müssen?

Ja. Schreiben ist eine Reise mit vielen Bergen. Ich habe schon manches Mal verzweifelt gedacht:

Das war´s. Ich schmeiß das hin. Ich will nicht mehr.

Kaum ein paar Tage später erwische ich mich dann dabei, wie ich Gedanken in ein kleines Notizbuch kritzle, wie ich Links abspeichere, weil ich da noch was recherchieren will, wie ich Servietten im Café vollschreibe, weil mir eine schöne Formulierung eingefallen ist. Selbst im Urlaub, wenn ich mich guten Gewissens zurücklegen könnte, arbeitet mein Hirn weiter. Riechst du das? Beschreib mal diesen Geruch… Wie sähe dieser Ort in Worten aus?

Schwupps, bin ich wieder am Notieren. Ja, ich muss. Ich habe die letzten Jahre keine einzige Woche verbracht ohne zu schreiben oder übers Schreiben nachzudenken. Ist das Besessenheit? Ja. Ich habe versucht es sein zu lassen. Und bin gescheitert. 🙂

Und wann ist ein Text gut? Mein Ich, als Leser, meint: Wenn etwas in mir anklingt. Jeder Mensch hat seine Meinung, Eindrücke, Ansichten, Perspektiven. Wenn einem Buch, einem Musikstück, einem Film, einem anderen Menschen gelingt, dass ich eine neue Einsicht gewinne, einen anderen Standpunkt, dann finde ich das gut. Genau das möchte ich auch erreichen, wenn ich selbst schreibe. Ich will nicht die Welt verändern. So hoch sind meine Ambitionen nicht. Aber mal ehrlich: Ein Buch ist doch auch nur eine Form von Voyeurismus. Wir verfolgen Figuren, die wir im besten Fall mögen, bis in den letzten Winkel seines Denkens und Fühlens und Handelns. Echte Menschen wehren sich, wollen ihre Geheimnisse bewahren, aber Buch-Menschen laden uns ein. Sieh her, ich habe schreckliches durchgemacht, ich bin daran gewachsen.

Ein gutes Beispiel für einen guten Text, der sehr in mir geklungen hat, ist dieser unsägliche Amok-Flug. Alle Welt kümmert sich um den Co-Piloten. Das hier ist kurz, prägnant und wahr. Gefunden bei Tumblr.

trueclara:

trueclara:

Forget about the co-pilot who killed everyone. He WANTED everyone to know his name.

Remember the pilot. Remember him. He was kicking that door as hard as he could, he was trying to save everyone.

I want to know his name.

Captain Patrick Sondheimer

Remember this name.

Die Sache mit den Vorsätzen

2015-01-09 13.48.43
Der junge Pianist

 

Meine Klavier-Anmeldung wurde diese Woche dadurch ausgebremst, dass die Musikschule, die ich mir ausgesucht habe, voll ist und keine neuen Schüler aufnimmt. Es gibt ein „Vielleicht“ ab März. Nun muss ich mir überlegen ob ich so lange warte (kommt´s auf zwei Monate an?) oder ob ich nach einer anderen Musikschule schaue. Wer weiß wo meine Vorsätze im März sind?

Ich habe diese Vorstellung von mir, wie ich den Entertainer spiele, das treibt mich an. Vermutlich, weil ich als Kind einen Onkel das spielen sah & hörte, und dabei fand, dass er glücklich wirkte. (Was für ein großes Wort; Glück. Hat nicht jeder seine ganz eigene Vorstellung davon?) Jedenfalls. Ich kann ja nicht mal Noten lesen. Um die Zeit zu überbrücken, so als erster Schritt und gutem Willen, dabei zu bleiben, habe ich mir jetzt eine App gekauft, die genau das tut (hoffentlich). Noten lesen lernen. (Link: Piano Notes Pro)

Ich habe jedes Jahr den selben Vorsatz: Mehr schreiben. 2014 habe ich das sogar geschafft, eine Novelle, diverse Kurzgeschichten, Blogtexte. Während ich meine Blogtext-Übersicht anschaute, stellte ich fest: Viele meiner neuen Texte haben es gar nicht in das Blog geschafft. Für die get shorties Lesebühne brauche ich dauernd neue, unveröffentichte Texte, ich lese nie einen Text zwei mal am gleichen Ort – davon leben wir, dass wir jedes Mal wenn wir in Stuttgart, Böblingen, Göppingen und wo wir uns eben rum treiben, neue Texte haben. Das heißt, diese Texte schaffen es gar nicht in meinen Sudelblog.

Es hat vermutlich wenig mit Neujahr und meinen Vorsätzen zu tun, aber ich wünsche mir schon lange einen Platz für meine Texte, ohne Gesudel wie hier. (Nichts gegen Gesudel, aber manchmal ist weniger mehr). Aus diesem Wunsch heraus habe ich einen neuen Blog erstellt: Hafenlicht.

Manchmal, da fange ich ein neues Notizbuch an, mit dem Vorsatz: da kommen jetzt nur schöne Sachen rein. Mein Tagebuch ist oft hässlich mit all dem Alltag, den Sorgen, dem Weltekel und der Frage, was das noch alles werden soll. Dem eine komische Seite abzugewinnen ist echte Arbeit. Im Hafenlicht soll es also nur Kurzgeschichten und Erzählungen von mir geben. Mal ernst, mal heiter, was so an Text eben aus mir raus will.

Im Hafenlicht wird es kein Gesudel geben.

Selbstgenähtes T-Shirt
Selbstgenähtes T-Shirt

Ich habe das Nähen im letzten halben Jahr vernachlässigt. Ich war mit Schreiben beschäftigt, das ist ein guter Grund, dennoch wünsche ich mir, wieder mehr Zeit für dieses Hobby zu haben, weil es mir gut tut. Ich mag es, mit meinen Händen zu arbeiten, konzentriert zu arbeiten, ohne das es mich erschöpft (wie zum Beispiel der Brotberuf), etwas in Händen zu haben, am Schluss: Meins. Das habe ich gemacht.

Die Zufriedenheit, die daraus entsteht, war mir vorher völlig unbekannt. Ich bin kein Perfektionist, aber gehe oft mit mir hart ins Gericht in Sachen Ordentlichkeit. Fehler erlaube ich mir selbst nicht. Natürlich mache ich sie, keine Frage, aber wie ich dann mit mir selbst umgehe, steht auf einem anderen Blatt. Beim nähen hole ich, wenn ich was falsch gemacht habe, ruhig und ohne Selbstzerfleischung den Trenner, und fange von vorne an. Ich habe beim Nähen Scheitern gelernt. Von einem Fehler geht die Welt nicht unter.

Selbst die Lesebühne gab mir Raum Fehler zu machen und auch zu scheitern. Ich schrieb einen Text, den ich sehr gut fand. Ingo sagte, der würde auf der Bühne nicht funktionieren. Trotzdem ließ er mich auf die Bühne, trotzdem ließ er mich lesen. Der Gag verreckte, aber ich zog es durch. Das war auch gar nicht schlimm – für mich nicht, und fürs Publikum auch nicht. Im Gegenteil. Manch einem Zuschauer ist aufgefallen, dass ich besser geworden bin, ich habe schöne Gespräche geführt. Besagten Text habe ich überarbeitet – Inzwischen schätze ich das Überarbeiten sehr, und Hemingway hat gesagt, die erste Fassung ist immer scheiße. Ich bin mit meinen Texten zufrieden, – nach dem zweiten oder dritten Überarbeiten. Dann sind es meine Texte, mein Ton, mein Witz. Jetzt bin ich angekommen. Aufgenommen und angenommen in der Gruppe, und bin dankbar: Nirgends sonst hatte ich diese Möglichkeiten, so zu lernen und zu wachsen.

Großartig. Wenn man die Sache mit dem Scheitern mal gelernt hat, schätzt man auch seine Erfolge ganz anders, weil sie erarbeitet sind, und kein Zufall.

Überhaupt.

2015-01-09 13.50.02
SUB

Das Prinzip finde ich faszinierend; Menschen, die ihr gemütliches Sofa verlassen um zu uns zu kommen und sich Kurzgeschichten und Musik anzuhören. Mal ehrlich, zuhause haben sie eine Stereoanlage, einen Fernseher, Hörbücher, was zu Essen, ihre Ruhe. Menschen, die vor die Tür gehen, ganz allgemein, beeindrucken mich. Ich, als freundlicher Misanthrop würde mir – wenn man mich ließe –  Essen liefern lassen, das Telefon ausstecken und nie, nie mehr vor die Tür gehen. Dieses Draussen – mit frischer Luft (!) wird völlig überbewertet. Vielleicht lerne ich von diesen Leuten auch noch etwas. Offener sein, ganz grundsätzlich.

Schreiben ist eine Berg- und Talfahrt. Euphorie und der Wunsch sich umzubringen liegen sehr nah beieinander. Weil man als Schreibender immer meint, die Qualität der eigenen Texte sei mit dem eigenen Wert als Person verknüpft. Die Erkenntnis, das dem nicht so ist, jedenfalls nicht immer 🙂 – buche ich auch noch auf dem 2014er-Konto.

Vorsätze sind ne feine Sache. Letztes Jahr, zum Beispiel, habe ich mir vorgenommen fünf Kilo abzunehmen. Das habe ich im Juli auch erreicht gehabt. Damit ich mich nun wieder um gute Vorsätze bemühen kann, habe ich mir vorsorglich im November besagte fünf Kilo wieder angefressen. Es soll keiner sagen, ich sei nicht konsequent; Jedes Jahr das selbe.  Daher steht dieser Punkt auf der alten Liste wie auf der neuen.

Nun sind es nur noch zwei Dinge die fehlen: Mein SUB ist weiter angewachsen, denn geschrumpft. Es gibt viel zu lesen. Und ich will wieder mehr fotografieren.

Willkommen 2015

 

 

Mein erster Text

Notizbuchgedanken

Ich erinnere mich sehr gut an meinen ersten Text. Ich war 18 Jahre alt und zum ersten Mal verreist – mit einer Freundin statt den Eltern. Am Nachmittag waren wir in einem Kaufhaus in Berlin. Sie wollte unbedingt Fußball-Karten kaufen und einen Schal für diesen Nachmittag im Stadion. Mir war das herzlich egal. Wie immer zog es mich in die Schreibwarenabteilung und dort fand ich ein Notizbuch. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Ich habe schon viele Stunden meines Lebens in Schreibwarenabteilungen verbracht und schon viele Notizbücher gekauft. Das Problem bisher war, dass ich da langweilige Tagebucheinträge hinein schrieb, weil ich mein Leben langweilig fand und meinte Bücherschreiben sei so einfach wie Fernsehen. Wenn man wirklich will. Also Zeit hätte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich viel ferngesehen aber noch keine einzige Seite geschrieben, geschweige denn ein ganzes Buch. Ich hatte viel Zeit, das war mir nur nicht klar. Auf meine Naivität war ich sogar stolz. In meinem Zimmer, im Haus meiner Eltern, fuhren also diverse Notizbücher herum, 20 Seiten beschrieben, dann gähnende Leere – Ausdruck meiner Langeweile.

Ich war in Berlin, gefühlt das erste Mal weg von zu Hause, alles Vorherige zählte nicht. Und dort im Kaufhaus entdeckte ich ein weißes Notizbuch DIN A4 liniert und um die Mitte wie ein Gürtel war ein schwarzes Band geschnallt. Die Hülle des Notizbuchs war weiß, irgendwie weich gepolstert und plastikartig. Ich war sicher sollte ich eine Cola darüber schütten, würde es sich leicht abwaschen lassen. Das schwarze Band war angenäht und strahlte Autorität aus – fremde Augen hatten hier drin nichts verloren.

Es war kein kindliches Tagebuch mit Schloss, es war ein Notizbuch für Entwürfe. Für richtige Texte, für Ernsthaftigkeit – Nein nichts Geheimes. Die Schließe war einfach zu öffnen wie ein Kofferband, das man zusätzlich verwendete weil man dem Schloss nicht traute. Ich kaufte das Notizbuch und wartete auf einer Bank vor dem Kaufhaus in der prallen Sonne auf meine Freundin.

Währenddessen schrieb ich das Datum auf die erste Seite – es sah aus als hätte ich das Papier entweiht. Ich war unzufrieden; ich wusste nicht wie ich anfangen sollte. Meine Freundin kam, wir stiegen in die S-Bahn um zurück zu unserer Unterkunft zu fahren. Sie schwieg, selig wegen der Fußballkarten; den Schal trug sie auch schon. Bei 30 Grad im Schatten. Ich schwieg, mit dem Notizbuch auf den Knien.

Mir gegenüber saß ein junges Paar mit Kind. Unverhohlen starrte ich sie an, weil es so etwas wie die drei nicht gab, da wo ich her kam: Vater, Mutter, Kind in zerschlissenen Klamotten, ohne Schuhe, zerzauste Haare, schlechte Zähne.

Und so glücklich wie ich es noch nie vorher gesehen hatte. Ich kannte nur die verhärmten Gesichter der fleißigen Schwaben. Alles ordentlich und korrekt, kein Mensch würde ohne Schuhe aus dem Haus gehen. Kein Mann würde sein lockenköpfiges Kind so ansehen. Lächelnd, verliebt, ohne eine einzige Erwartung. Das Kind, ich kann nicht sagen ob es ein Junge oder Mädchen war, saß auf dem dreckigen Boden der Bahn und zupfte dem Vater an der Cordhose herum.

Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt, und das Gesicht auf seine Hände – Er nahm mich gar nicht wahr. Hin und wieder strich er dem Kind liebevoll über das Haar. Die Frau neben ihm hatte ihre Hand auf seinem Rücken liegen, während sie ihn ansah – ich vermute die zwei waren nicht verheiratet – sie trug keinen Ring, keinen Schmuck, keinen BH.

Ich schlug mein Notizbuch auf und der Titel meines ersten Eintrags lautete „Worte finden“. Ich malte die drei ab, wie ein Maler die Landschaft. Ich schaffte an dem Tag eine Seite. Bis zu meiner ersten richtigen Geschichte dauerte es noch lang; es brauchte viel Übung. Aber das war der Anfang.