Das Damengambit

Walter Tevis – Das Damengambit

Ich hab die Serie auf Netflix gesehen und nun das Buch auf Deutsch gelesen. Ich kann das gut, Geschichten in allen Formen genießen, auch doppelt und dreifach. Als Buch und Hörbuch und dazu dann Film bzw. Serie. Gut, ich maule auch regelmäßig den Fernseher an: „Das war im Buch aber ganz anders!“ Aber das gehört zur Performance dazu, sonst weiß doch keiner, dass man ein Klugscheißer ist. 😉

Jedenfalls.

Beth Harmon kommt, nach dem Tod ihrer Mutter ins Waisenhaus. Dort werden die Kinder mit Beruhigungspillen vollgestopft. Nicht auszudenken, die Kinder würden in ihrem elternlosen Dasein auch noch übermütig spielen. Durch Zufall landet die 8-jährige Beth im Keller, beim Hausmeister Mr. Shaibel. Der spielt dort Schach. Beth ist sofort fasziniert, aber Mr. Shaibel ist nicht der einzige Mann der meint, Schach sei nichts für Mädchen. In Beths Leben ist er einfach nur der Erste. Sie lernt schnell, bleibt hartnäckig und auch wenn sich da keine innige Freundschaft entwickelt, so immerhin eine Art Zuneigung und Respekt. Das Mädchen kann ja doch was. Beth lernt also zwei Süchte kennen: Die Beruhigungspillen ohne die sie nicht Schlafen kann, und Schach. Ein Ausweg aus der Tristesse. Ihr Leben ist bald davon geprägt darüber nachzudenken, wie sie an mehr Tabletten heran kommt und wie sie die Figuren über 64 Felder schiebt. Später wird sie adoptiert, sie bleibt den Pillen und dem Schach treu und legt eine Karriere hin. Mit Höhen und Tiefen.

Der Roman ist 1983 erschienen und Walter Tevis konnte nicht ahnen, dass sein Stoff mal zu einer Netflix-Serie werden würde. Man könnte aber meinen, er hätte den Roman genau dafür geschrieben. Ich bin selten mit einer Verfilmung 100-prozentig zufrieden. Hier schon. Die Sprache von Walter Tevis ist bildhaft und schlicht. Seine Figuren entstehen nicht durch lange, ausführliche Beschreibung, sondern durch Handlung. Was sie tun, lässt sie lebendig werden. Das ist schön, das hat Tempo.

Nur weil ich als Kind gelernt habe, welche Figur wie über das Brett marschieren darf, bedeutet das nicht, dass ich irgendeine Ahnung vom Schach spielen hätte. Das macht aber nichts. Die Partien die Beth spielt, ihre Siege und ihre Niederlagen sind im Buch sowie in der Serie so anschaulich dargestellt, dass es wie ein Krimi wirkt. Spannend. Schach, das klingt ja eigentlich erst Mal langweilig. Ich denke an die Zeit zurück, als ich meinem Vater, mit baumelnden Beinen, gegenübersaß und genervt darauf wartete, dass er endlich den nächsten Zug macht. Beth lässt mich nicht warten.

Es geht aber natürlich nicht nur ums Schach spielen. Beth, die wahnsinnig viel Talent hat und intuitiv spielt, hat mehrere Probleme. Zum einen ihre Sucht, ihre eigenen Dämonen in Form vorn Selbstzweifel und Einsamkeit. Mrs. Wheatley, also die Frau, die Beth adoptiert, unterstützt ihre Stieftochter. Allerdings nicht aus Überzeugung, sondern weil ihre Lebensumstände es erfordern. Sie müssen sich beide durchkämpfen. Und schließlich trifft Beth auf einen Gegner, den sie nicht bezwingen kann. Borgov.

Ich habe die Serie mit Begeisterung geschaut, und auch das Buch in vollen Zügen genoßen. Beth ist kein gefälliges, hübsches Mädchen. Schach ist kein Metier, das „Herzlich Willkommen“ ruft. Anya-Taylor Joy hat Beth ein ausdrucksstarkes Gesicht gegeben. Walter Tevis hat eine faszinierende Frau in eine Männerwelt geschubst. Ich hab das herzlich gerne gelesen/geguckt. Und möchte es hiermit weiter empfehlen. Beides. In Bild und Text.

★ ★ ★ ★ ★

Walter Tevis – Das Damengambit

Roman / Diogenes Verlag

Übersetzer: Gerhard Meier

ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257071610

Immer noch wach

Immer noch wach – Fabian Neidhardt

Alex bekommt die Diagnose Krebs. Noch nicht mal 30, gerade im Leben angekommen. Er ist mit seiner Freundin zusammen gezogen, hat mit seinem besten Freund ein Café eröffnet und jetzt das.

Fabian Neidhardt erzählt diese Geschichte lakonisch, mit leichten Andeutungen und sehr wenig schmückendem Beiwerk. Ich mag diesen Stil und weiß es zu schätzen. Für Geplänkel habe ich keine Zeit, ich bin eine ungeduldige Leserin. Alex hat auch keine Zeit (mehr). Die einzelnen Szenen kommen daher wie ein Film, mit harten Schnitten. Es gibt keine Übergänge, keine ausschweifenden Beschreibungen, die bildhafte Sprache untermalt das noch. Alex hat also Magenkrebs, genau wie sein Vater. In seiner Reaktion schwingt ein gewisser Todeswunsch mit. Als der Vater nach langem Leiden stirbt, ist Alex gerade mal 7 Jahre alt und er weiß zwei Dinge:

  1. Auch ihn wird der Krebs eimal erwischen.
  2. Er will nicht, dass seine Angehörigen seinen letzen Kampf mitansehen müssen, in einem Krankenzimmer, dass nach Scheiße stinkt.

Nach der Diagnose will er keine Behandlung, keine weiteren Untersuchungen, es schwingt ein unterschwelliges „Endlich“ mit. Als hätte er schon lang darauf gewartet, dass es ihm wie seinem Vater ergeht, und er sich in diese Situation hineinfallen lassen kann. Er erinnert sich an das Sterben und auch an das danach. Wie seine Mutter in ihrer Trauer beinahe verschwand. Nur sein Freund Bene war ihm Halt und Trost. Jetzt, Jahre später hat Alex Mühe, seiner Freundin Lisa und seinem besten Freund Bene begreiflich zu machen, was ihn umtreibt. Warum er egoistisch sein, in ein Hospiz gehen und ohne „Zeugen“ im Sinne von Leidtragenden sterben möchte.

Ich verstehe Alex in seinem Wunsch; wenn man beim Sterben nicht egoistisch sein darf, wann denn bitte dann? Aber auch die Position der Freunde ist verständlich, die ihn anschreien: „Kämpfe. Wehr dich gegen den Krebs. Lass das nicht so geschehen.“ Sie möchten für ihn da sein, ihn begleiten.

Doch Alex setzt sich durch. Er hat eine Löffelliste, gut, die ist sehr kurz, aber immerhin. Er regelt seine Angelegenheiten, verabschiedet sich, feiert eine letzte Party, wohnt seiner eigenen Beerdigung bei. Eine Beerdigung ist für die Angehörigen, nicht für den Verstorbenen. Sind wir nicht alle neugierig, wie sich unsere Lieben von uns verabschieden? Was sie am Grab sagen?

Alex steigt in einen Zug, fährt kilometerweit, um in einem Hospiz, allein und ohne Trost oder Beistand seiner Freunde zu sterben. Aber wie heißt es so schön: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Hier nimmt die Geschichte nochmal eine Wendung, Alex geht in eine Richtung, die ich vermutet habe, gleichzeitig überrascht er mich. Spoilerfrei kann ich sagen, dass er eine ganze Menge lernt. Über sich, über Abschiede, über das Leben und das Für-jemanden-dasein-wollen. Im Hospiz lernt er Kasper kennen, der ist auch allein. Allerdings unfreiwillig. Die beiden freunden sich an, während sie auf ihr Ende warten. Sterben, das geht nicht so schnell. Alex ist für Kasper da, aber nicht nur das. Alex erweitert seine Löffelliste. Kurz dachte ich, ach das wird jetzt wieder so eine Das-Beste-kommt-zum-Schluß-Geschichte. Ja und Nein. Es ist eine Geschichte über Zeit. Über geschenkte Zeit und darüber, was man damit anfangen kann und will und mit wem.

Ich hab das Buch gern gelesen und mit einem Seufzen und einem guten Gefühl in der Magengegend zugemacht. Ein bisschen Zeit ist noch.

★★★★★

Stephen King – ES

Hello!

Lass uns über Bücher reden. Ich habe „ES“ von Stephen King gelesen und inzwischen auch die Verfilmung gesehen. Also die neue Version von 2017 und 2019. 

Aber zuerst das Buch: Achtung, ich muss spoilern. Falls du das Buch also noch nicht gelesen hast, das aber noch tun willst, dann lass dir das Ende von mir nicht verderben und klick woanders hin. Wenn du es schon kennst, dann diskutier´ mit mir. Sind wir uns einig? Das Buch ist großartig, aber das Ende ist Mist!? Aber der Reihe nach. 

Stephen King kann, meiner Meinung nach, großartige Anfänge schreiben. Wie die Geschichte beginnt, mit dem kleinen Papierboot, das Billy für seinen kleinen Bruder Georgie bastelt, damit der das draussen im Regen, im Rinnstein „in See stechen“ lassen kann. Ich habe das Buch als Hörbuch, gelesen von David Nathan, wochen- und monatelang gehört. Es ist episch. Wenn es die Kombination aus King und Nathan nicht gäbe, man müsste sie erfinden. Das Buch hat allein 7 Hauptfiguren, die Gruppe Kinder rund um Billy, die sich nach Georgies Tod dem ultimativen Bösen stellen (müssen). Aber es gibt auch noch unzählige Nebenfiguren und Schauplätze und Handlungsstränge in alle Richtungen. Wenn mir jemand sagt, dass er die Bücher von Stephen King nicht mag, dann weiß ich genau warum das so ist: Er folgt den einzelnen Geschichten immer bis tief ins Wurzelwerk, alles ist verwoben und gleich wichtig, es gibt viele Figuren und viele Details. Es ist überwältigend, manchmal. Wer solche Dinge, also diese Fülle, nicht zu schätzen weiß oder gar lästig findet, hat hier keine Freude. Während ich ganz gespannt den Brotkrumen folge und mich ins Hexenhaus locken lasse. Ich liebe diese Weite. Ich tauche ab, in diese Welt und meine mich in Derry zu befinden. Ich weiß wie die Straßen heißen, wie es riecht, wer wo wohnt und wenn eine Nebenfigur, in einem dramatischen Augenblick auftaucht, nur um dann im richtigen Moment zu sterben, weil das gerade zur düsteren Stimmung gehört, dann erkenne ich den Kniff den King anwendet, ich zwinkere ihm verschwörerisch zu: Ich hab´s kapiert, Buddy. 

Ich wüsste zu gern, wie er das macht, also ein solch monumentales Werk zu planen, alle Details im Blick zu haben und dann noch das schriftstellerische Können alles zu verbinden, zu entfalten und aufeinander aufbauen zu lassen. Wahnsinn. Da ist also Billy, dessen kleiner Bruder von ES getötet wird. In Derry verschwinden viele Kinder. Das Böse kehrt alle 27 Jahre zurück und mordet, bis es satt ist. Die Gruppe um Billy muss erst zueinander finden. Alle haben ihre eigenen Probleme. Beverly hat einen gewalttätigen Vater, Ben wird vom Schulhof-Tyrann Henry drangsaliert, Eddie wird von seiner Mutter überbehütet, sie alle sind auf ihre Art Verlierer. Am Schluß treffen, fast wie vorbestimmt sieben Kinder aufeinander, die der Welt nur zusammen etwas entgegensetzen können. Jede Figur wird von King eingeführt, mit Backstory und Konflikt und Mangel. Selbst der Ort ist wie ein Charakter. Und die Geschichte entwickelt sich, die Kinder stellen sich dem Bösen, müssen aber, als Erwachsene wieder zurück kehren. Sie haben ES verletzt, nicht getötet. Das Gedächtnis ist eine merkwürdige Sache. So wie die 7 zurück kehren, kommen auch ihre Erinnerungen zurück. 

ES muss sich an die Regeln des Körpers halten, den er bewohnt. Aber er kann das Böse steuern. Einen wie Henry, der schon durch und durch schlecht ist, lenkt ES wie eine Marionette um sein Werk zu tun: Töten. Die Kinder sind erwachsen geworden, die Schlechtigkeit der Welt auch. Beverlys Mann, der ihrem Vater so sehr ähnelt, dass es körperlich weh tut, macht sich auf den Weg nach Derry. Henry bricht aus der Anstalt aus, in die man ihn als Jugendlicher gesteckt hat. Alles Schlechte macht sich auf den Weg. Die Gefahr verdichtet sich, bündelt sich, die Spannung baut sich ja gerade durch die Ahnung auf: Was kommen könnte. 

Ich staune also, wie sich die Geschichte ausbreitet, nach vorn und zurück. Mike, der in Derry geblieben ist und Nachforschungen angestellt hat, über die Zyklen von ES, findet heraus was ES ist und was ES alles angerichtet hat. Er ist das Gedächtnis der ganzen Gruppe und sich bewußt, dass ihre Geschichte praktisch mitten drin anfängt, weil ES schon sehr alt ist, weltfremd und über ein kurzes Menschenleben nur schäbig lacht. Mike forscht in der Vergangenheit. Die Kinder stellen sich ES 1958 und, kein Zufall, 1985 wieder. In einem Zyklus treffen wir den Koch aus „The Shining“ wieder und solche Cameos freuen mich immer ungemein. Jedenfalls. Irgendwo mitten in dem ganzen Schlamassel haben 7 minderjährige Kinder Sex miteinander. Ich verstehe, warum King das so geschrieben hat, und warum dieses „Zusammen“ seiner Meinung nach sein musste. Ich finde es aber unnötig und grenzwertig und ach. Einfach nein. Ihr junges Alter, die ganze Gruppe, ach. Ich verstehe nicht, wie das durch einen Verlag abgesegnet werden konnte. Das da niemand gesagt hat: „Schreib das um, das ist zu krass.“ Es ist also so veröffentlicht worden, und diese Szene ist mein einziges Manko in dieser großen und umfänglichen Lobeshymne. Ich finde den Roman trotzdem großartig und werde ihn nochmals lesen bzw. hören. David Nathan, als Pennywise… kein Film, keine Bilder können mich so gruseln. Der Film hatte Szenen zum fürchten, und ich bleibe trotzdem dabei: David Nathan ist der Mann mit den tausend Stimmen. Er hat mich noch mal ganz anders das Fürchten gelehrt. 

Inzwischen habe ich also auch die Verfilmung gesehen. Stephen King spielt im Film mit und nimmt sich selbst auf die Schippe, was ihn unheimlich sympathisch macht. Ich mag ihn eh, das lässt sich kaum steigern. Aber hier war es nochmal möglich. Der erwachsene Billy ist Schriftsteller geworden und trifft in einem Trödel-Laden auf einen Verkäufer, der ihn für seine Bücher kritisiert. Der Verkäufer (King) sagt also sinngemäß: „Das Buch war toll, nur das Ende ist Mist.“ Und das hört sich Stephen King vermutlich schon seit 30 oder 40 Jahren an. Offensichtlich kann er damit gut umgehen. Im Film wurde das Ende abgewandelt. So, dass es zur Geschichte passt, ohne ihren Sinn zu verhunzen und ohne, dass 7 Teenager Sex miteinander haben müssen. Ich kann mit der Film-Version gut leben. Ich finde sie gut gelungen. Es gibt am Schluß sogar eine Erklärung dafür, warum Stanley sich umgebracht hat. Hätte ich persönlich nicht gebraucht. Aber das war wohl auch ein Punkt, den LeserInnen nicht verstanden haben und worauf man nun, etwa 30 Jahre später reagieren kann. 

So, jetzt du. 


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Merci mit Knicks.

Nina in Love

Taschenbuch

11,99 €

Mein Lese-Monat April

Lese-Monat April 2021

Mein Lese-Monat April 2021

Katharina Hartwell – Die Silbermeer Saga 1 „Der König der Krähen“ ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Fantasy wie sie meiner Meinung nach sein sollte. Edda erinnert sich nicht an ihre frühe Kindheit, lebt an der Küste, wo sie eindeutig nicht hingehört und als ihr Bruder verschwindet, beginnt ihre Reise. Das Buch zeichnet sich durch Einfallsreichtum aus, ohne Effekthascherei, es hat diesen Sog, schon ab der ersten Seite. Ich fiel in diese Welt rein, es war schön und poetisch, spannend und nicht vorhersehbar – für mich ein wichtiges Kriterium. Nicht zu wissen oder zu ahnen wie das ausgeht. Ich freu mich sehr auf Band 2. Der liegt hier schon bereit.

Melissa Dinwiddie – The Creative Sandbox Way ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ich habe das Buch gelesen, aber noch nicht alle Aufgaben bearbeitet. Nach jedem Kapitel kommt ein „Writing Prompt“ und die Aufforderung zu doodeln. Ich habe den Blog von Melissa Dinwiddie vor einigen Jahren schon entdeckt und ihre abstrakten Doodle-Bilder sprechen mich sehr an. Bei jedem Motiv denke ich wehmütig: Ich wünschte, das wäre von mir. Auf Instagram schaue ich mir immer wieder ihre Videos, die sie „Doodle-Cam“ nennt, an. Das ist quasi Meditation auf Papier. In ihrem Buch setzt sie sich ausführlich mit dem „creative hunger“ auseinander. Ich übersetze das jetzt mal ganz plump: Kreativer Hunger. Also das Bedürfnis sich in irgendeiner Form auszudrücken. Damit einher gehen aber auch Ängste: nicht gut genug/wer will das sehen? So in der Art und mehr. Ich kenne das sehr gut. Ich will ja, bin aber manches Mal blockiert. Melissa schildert also die Probleme und schlägt Lösungen vor, damit umzugehen. Auch da holt sie mich vollkommen ab. Aber es ist ja nicht damit getan, ein einzelnes Buch zu lesen, und dann hat man nie wieder Probleme. Sie schreibt das auch so. Das ist eine lebenslange Aufgabe. Das zu wissen hat etwas sehr Tröstliches, ich lerne das gerade: Wenn ein Bild/Text/Kreativ-Dings vermeintlich missraten ist, dann blättert man eben um und fängt neu an. Nicht jedes Werk, dass man anfängt, wird ein Meiserwerk. Aber wenn man nichts macht und die „Gremlins“ gewinnen lässt, kommt auch dabei kein Meisterwerk heraus. Dranbleiben bedeutet: Üben, besser werden, umgehen lernen mit dem eigene kreativen Hunger. Und dabei hat mir dieses Buch sehr geholfen. Das gibt es leider nicht auf Deutsch, aber es liest sich so sympathisch und leicht, dass ich auch die englische Ausgabe herzlich empfehlen kann.

Start fresh!  

Harry Rowohlt erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ringelnatz und ich werden wohl keine sehr guten Freunde mehr werden. Ich hab schon mehrfach versucht ihn zu lesen und wurde aber nicht warm mit Daddeldu und co. Wenn mir Harry Rowohlt vorliest, dann gefällt es mir doch, er macht das so gut mit seiner Brummstimme, da höre ich gern zu. Christian Maintz ist mir, in diesem Arrangement zu humorlos, zu trocken. Ich glaub, dass ist ein ganz ernsthafter Mensch. Und wenn ich mir die CD so anhöre, klingt er, als stünde er sich selber im Weg. Aber so ist das vermutlich, neben Harry. Da wirkt wohl jeder ein bissle steif. Da kann der Maintz gar nichts dafür. 😉

Stephen King – Der Dunkle Turm Graphic Novel Band 6 „Die Reise beginnt“ ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

R. M. Rilke – Das Stunden-Buch (eBook) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

C. S. Lewis – Über die Trauer ⭐️⭐️⭐️⭐️

Vor Jahren war ich mal bei einem Schreibseminar und jede*r hatte, wie das so ist, Bücher dabei, über die wir dann gesprochen haben. Nun trieb mich die Suche nach einer bestimmten Textstelle um und ich las „Über die Trauer“ um diese zu finden. Ich fand sie nicht im Buch, sondern im Internet, weil besagter Text von Epikur ist und nicht von C. S. Lewis. Sei‘s drum, jetzt hab ich das Büchlein vom SUB runter gelesen, das ist doch auch was. Ich weiß aber nicht, ob ich diesen Text jemandem weiter empfehlen würde, der gerade in Trauer ist. Vielleicht etwas später. Lewis betrachtet sein eigenes Leiden, und ist genervt von sich selbst und versucht eine andere Perspektive zu finden. Ich habe einige Textstellen markiert, weil sie mir gut gefielen und weil ich auch schon so empfunden habe. Es ist ein großes Glück, wenn man sich in Büchern wiederkennt, das macht das Lesen (unter anderem) für mich aus.

Walt Whitman – Grashalme / abgebrochen

Aus Gründen.

Und was hast du gelesen?

Lese-Monat März

Mein Lese-Monat März 2021

Für meine Verhältnisse habe ich nicht viel gelesen. Aus Gründen. Ich arbeite viel, stressbedingt ist mir konstant schwindelig und die Gesamtsituation setzt mir zu. Ich will keine Nachrichten mehr gucken, ich habe den Eindruck, dass alle Informationen nur noch ein paar Stunden gültig sind. Dann spielen unsere PolitikerInnen Maßnahmen-Roulette und plagen mich (uns) mit neuen Beschlüssen ohne Sinn und Verstand. Jedenfalls.

Ich höre immer noch „ES“ gelesen von David Nathan. Wenn es die Kombination aus Stephen King und David Nathan nicht gäbe, man müsste sie erfinden. Ganz dringend. Das Buch ist großartig. Selbst, wenn King jetzt auf der Schlußgeraden noch das Ende verkackt, kann ich sagen, dass „ES“ das Potenzial zum Lieblingsbuch hat. Bisher sind auf dieser Pole-Position alle Romane von John Irving, aber dieses Podest wackelt gerade gehörig. Ich hab jetzt einige Sachen von King gelesen bzw. gehört und die ganze Sache wurde besser und besser. Ich meine die Bill-Hodges-Trilogie, als Beispiel. Oder „Das Institut“. Und „Der dunkle Turm“ sowieso. Und meine aktuelle Lektüre ist spannend und vielschichtig. Sie ist komplex und authentisch. Ich staune und bin völlig begeistert wie King diese sieben Persprektiven der Hauptfiguren aufeinander aufbaut und die Geschichte in zwei Handlungssträngen nebeneinander herlaufen lässt: 1958 und 1985 und alles ist verbunden. Und dann noch David Nathan, der Pennywise seine Stimme verleiht. Es ist kein Hörbuch, viel mehr ein Hörspiel. Jeder Charakter hat seine eigene Stimme. Und wenn ich mit dem Buch durch bin, fange ich einfach noch mal von vorne an. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Jedenfalls.

Ich habe nicht viel gemalt oder gedoodelt in letzter Zeit. Der Schwindel, der meine Rübe beherrscht, hat das verhindert. „Wenn mir der Helm kreiselt“, wie wir in meiner Familie dazu sagen, weil von 5 Personen 3 daran leiden, dann dreht sich das Zimmer und auch mein Hirn um die eigene Achse. Allerdings in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Deshalb bin ich auch mit den Draw-with-Rob-Videos nicht auf dem Laufenden. Aufs Handy oder nach unten auf ein Buch zu gucken, macht die Sache schlimmer. Aber ich habe das Activity-Book fertig ausgefüllt. Das Buch ist noch letztes Jahr erschienen, ich glaube, es gibt inzwischen drei oder vier Nachfolge-Bände. Allerdings habe ich hier noch zwei Malen-lernen-Bücher von Kritzelpixel und ein Kreativ-Buch von Sinah Birkner hier. Und ich werde erst die ausmalen, bevor ich wieder was Neues kaufe. Wer meinen Instagram-Feed verfolgt, weiß wie gern ich die kleinen Motive von Rob nach doodle. Ich hatte und habe immer noch viel Spaß mit seinen Videos und fand auch das Buch gelungen. Das Papier ist dick genug um die Übungen im Buch mitzumachen. Da es für Kinder gedacht ist, die ihre fertigen Werke gern an die Kühlschranktür hängen wollen, ist das Papier auch perforiert, damit sich die Seiten leicht heraus trennen lassen. Die Anleitungen sind, wie auch in den Videos schlicht und leicht nachzuvollziehen.

Ich werde ja regelmäßig gefragt, was denn meine Bilde sollen und ob ich anstrebe, meine Bücher irgendwann selbst zu illustrieren, ob ich damit Geld verdienen will. Letzteres Frage klingt immer etwas mitleidvoll, so als ob ich ganz schlechte Chancen hätte, das zu verwirklichen mit meinen Talenten. Ich sehe das so (und das gilt für alle meine Hobbys): Ich mache Sachen. Lesen, malen, puzzeln, Origami falten. Was auch immer. Ich mache sie, weil sie mir Spaß machen. Ich kann nicht genau erklären, warum es mich in bestimmte Richtungen zieht, warum ich mich für Japan interessiere, für Vulkane, für Bonsai-Bäume und Kampfkunst. Ich weiß, dass es so ist, und gebe dem nach. Häkeln finde ich total fad. Kann ich nichts mit anfangen, interessiert mich nicht, daher werde ich es auch nicht lernen. Ich bin wohl nicht zu doof dafür, nur zu wenig interessiert. Unter allen Sportarten, die ich schon ausprobiert habe, und allen Dingen, die ich regelmäßig mache, ist mir Joggen die liebste Bewegungsform. Das bin ich, das kann ich gut. Ich bewege mich, bin an der frischen Luft, gebe meinem Drang mich zu bewegen und meiner inneren Unruhe nach. Aber ich muss an keinem Wettbewerb teilnehmen, ich muss mich nicht mit jemandem messen, ich brauche keine Medaille, ich muss nicht die Beste sein. Weder beim Origami falten, noch beim Joggen und auch nicht beim malen. Ich habe keinen Leistungsdruck, ich mache ihn mir auch nicht. Meine einzige Motivation ist der Spaß an der Sache. Ich muss keine Profession daraus machen, kein Geld verdienen. Wenn ich ein Puzzle zusammen gelegt habe, kommt es am Schluß, wenn ich fertig bin, wieder in die Schachtel. That´s it. Falls es dir ähnlich geht, und du einfach aus Spaß an der Freude malen möchtest, dann empfehle ich herzlich die Videos und Bücher von Rob Biddulph. Einfach so.

Rob Biddulph – Draw with Rob ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Erich Kästner hatte Geburtstag. Im Februar. Da habe ich festgestellt, dass mir „Das fliegende Klassenzimmer“ im Regal fehlt. Kästner mag ich seit meiner Kindheit, jetzt habe ich das wieder aufgefrischt. Ich bin überrascht wie akkurat das Buch verfilmt würde, aber das nur am Rande. Kästner hat in seinen Büchern das (für mich) richtige Maß an kindlicher Magie. Eine Welt, in der die Kinder zusammen halten, alles noch eine Art Zauber innehat und ich meine jetzt nicht das Genre Fantasy oder magischen Realismus. Ich meine die Art Geschichte, in der das Gute am Schluss siegt. In diesem Fall, beim fliegenden Klassenzimmer wird es am Schluß kurz kitschig. Das verzeihe ich ihm aber, weil es so gehört. Eine zeitlose, schöne Geschichte über kluge und mutige Freundschaften. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Die Erfindung der Sprache“ erinnert mich ein bisschen an „Was man von hier aus sehen kann.“ Letzteres hat auch Lieblingsbuch-Potenzial. Ich liebe es sehr, habe es mehrfach gelesen (und gehört), kann man auch nachlesen, hier nämlich. Die Geschichte um Adam, der seinen verschwunden Vater sucht, und dessen schrullige Familie hat viel Schönes. Anja Baumheier erklärt ihren LeserInnen, Achtung, das hier ist die Heldenreise und so läuft das ab. Wenn man mit dieser Erzählform vertraut ist, weiß man, was auf einen zukommt. Ich fand die Schrullen von Adam liebenswürdig, als Figur kriegt er und seine Familie mein ganzes Herz. Ich bin selber im Asperger Apektrum, seine Listen und seine Liebe zu bestimmten Zahlen kann ich nachfühlen, vielleicht sogar besser als gut für mich ist. 😉 Mit den Wortkreationen, mit den sehr langen Erfindungen und Neuschöpfungen hatte ich ein bisschen Kummer, aber das ist Geschmackssache, das ist kein wirklich objektiver Kritikpunkt. Einzig das Ende kam mir etwas zu wohlgefällig daher. Das kann ich aber nicht spoilerfrei erklären. Ich hab es gern gelesen, kann es auch herzlich weiter empfehlen, gebe aber aus Gründen nur vier ⭐️⭐️⭐️⭐️.

Der Fänger im Roggen

Ich habe das Buch in meinen Zwanzigern zum ersten Mal gelesen. Damals habe ich Holden nicht verstanden. In meiner Erinnerung ist er ein unsympathischer Jammerlappen. Nun, mit über dreißig Jahresringen am Leib (man wächst ja, nech?) sehe ich das anders. Und bleibe dabei: Bei manchen Büchern lohnt sich das wieder-lesen. Holden Caulfield als unreifes Bübchen zu bezeichnen greift zu kurz, es ist zu leicht. 

Allein der Name. Holden – to hold – festhalten. 

Caulfield – der Netzfänger. 

Der Name spricht, er sagt mir viel über die Figur. Und über die Gründe, warum „Der Fänger im Roggen“ eine zeitlose Geschichte ist. 

Holden ist von der Schule geflogen. Er ist nicht dumm, daran liegt es nicht. Er weiß, was von ihm erwartet wird. Er weiß es genau. Aber er hat keine Lust diesen Erwartungen zu entsprechen. Er hat den (wiederholten) Rausschmiß provoziert. Es ist Freitag Abend, seine Eltern erwarten seine Rückkehr vom Internat erst am Mittwoch. Und so treibt er wie ein Blatt im Wind durch New York. Verzeih mir das kitschige Bild, aber Holden würde es wohl gefallen. 

Ihm ist alles verhaßt, seine Gejammer und seine Klagen haben alle eine Adresse: Die verlogene, unechte Erwachsenen-Welt. Er ist 17 Jahre alt und in einer Zwischenebene. Zu alt, für die Kinderwelt, an der er noch fest hält, noch nicht alt genug um sich zu beugen und einzufügen. Unreif? Hm… er klingt wie ein zynischer alter Mann, aber er ist im Grunde noch ein kleines Kind. Nicht unreif, eher… schockiert. Ihm gefällt nicht was er sieht, wie die Welt funktioniert. Und er fühlt sich ihr nicht verbunden. 

Am Mittwoch werden seine Eltern erfahren, dass er wieder geflogen ist. Er erwartet ein Donnerwetter, einen neuen Lösungsversuch aus ihm einen anständigen Menschen zu machen. Er weiß was auf ihn zukommt. Und anständig meint im Sinne von: wie die anderen produktiven Menschen, die tun, was von ihnen erwartet wird. Holden hat ein bisschen Geld in der Tasche und macht sich davon. Er hat eine Gnadenfrist bis Mittwoch. 

Er versucht Anschluß zu finden, eine Seele, die ihn versteht. Statt dessen: Dumme Gänse, die nicht zuhören, ein Hotelpage, der ihm eine Prostituierte aufzwingt. Und ihn übers Ohr haut. Holden verweigert sich dem Mädchen. Sex? Nein, so nicht.

Das Mädchen, das er wirklich mag, erreicht er nicht. Und das ist gut so. Auf die Distanz enttäuscht sie ihn ja auch nicht. Jane geht mit Holdens Zimmergenossen aus, und Holden weiß, dass dieser Bursche nicht aufhört, wenn ein Mädchen sagt „Nein, bitte nicht.“ 

Er findet alles unerträglich. Es gibt nur eine Person, die ihm nicht verhasst ist: Phoebe, seine kleine Schwester. (Wieder ein sprechender Name: Mondgöttin). Sie ist zehn Jahre alt und durchschaut ihren Bruder ziemlich genau. Nach einer Odyssee durch New York, einem Streifzug wie ein Gedankenstrom, hier hin und dort hin, belanglos und doch gewichtig, aufschlußreich und völlig sinnfrei, landet er mit Phoebe im Park. Er kauft ihr Karten fürs Kinderkarussell. Sie ist noch nicht zu alt dafür. Und er sieht ihr zu. Er hat noch eine Gnadenfrist, bis Mittwoch. 

Es ist (mir) völlig klar, dass er heim gehen wird, sich die Standpauke anhören, fügen, eine neue Schule besuchen und irgendwann ein gräßlicher, verlogener Erwachsener werden wird. Aber heute noch nicht. Ich würde mich gern ein Weilchen zu ihm setzen. 

★★★★★

Autorenselfie 2021

Autorenselfie 2021

Das neue Jahr fängt schon gut an. Ich habe endlich ein T-Shirt, das meine ambivalente Seele vollkommen zum Ausdruck bringt und mein Sammelband macht sich gut da draussen. Nun bin ich gefragt worden: „Caro, was kann ich für dich tun?“

Ich kann keine Lesungen veranstalten, kann nicht raus um von meinem Roman zu erzählen, und so bleibt mir – wie allen Kreativ-Schaffenden nur eins: Mir ein riesiges Ausrufezeichen über den Kopf zu halten und online zu verkünden: „Du weißt es noch nicht, aber mein Roman ist genau das Richtige für dich! Wirklich.“ 

Also, falls du auch wissen willst, wie du mich oder deine LieblingsautoInnen generell, unterstützen kannst, so ist das relativ einfach:

  1. Kauf und lies die Bücher.
  2. Erzähl anderen davon.
  3. Verteile im Netz ein paar Sterne, egal wo. Und wenn du ganz fleißig sein willst:
  4. Schreib eine Rezension. Wenn´s dir gefallen hat, erzähl´s weiter. Wenn es dir nicht gefallen hat, sag es der AutorIn. Nach dem Buch ist vor dem Buch und wir lernen stetig dazu. Das funktioniert besser mit Austausch und Feedback. 

Und allen, die das schon gemacht haben sage ich: Herzlichen Dank. Ich weiß das sehr zu schätzen!

Caro 

tbt – Der Trick

2016-03-22 19.45.11Ich habe an anderer Stelle schon erzählt, wie toll ich die Lesung von Emanuel Bergmann fand. Nun habe ich das Buch endlich ausgelesen und bin sehr glücklich, dass mein anfänglicher Eindruck rundherum bis zum Schluss anhält. Ich möchte „Hach“ sagen und „Es ist so schön“. 🙂

Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt, da ist einmal der alte Zauberer Zabbatini, desillusioniert und grantig, dann der 10-jährige Max, der unter der Scheidung seiner Eltern leidet.

Zabbatini hat nichts mehr zu erwarten, er ist im Altenheim, und niemand mag den alten Grantler. Max wird unsanft in die harte Welt der Erwachsenen geschubst und kommt dort überhaupt nicht zurecht. Er findet eine alte Schallplatte vom großen Zauberer Zabbatini und verspricht sich davon einen Liebeszauber, ein Happy End für seine Eltern. Also sucht er den Zauberer und bittet ihn um Hilfe.

Nebenbei wird der Werdegang von Zabbatini aufgedröselt, ich als Leser folge dem roten Faden hinein in die Kindheit von Zabbatini, der als Mosche Goldenhirsch geboren wurde und als Sohn eines Rabbis aufwuchs. Mosche läuft seinem strengen Vater davon und schließt sich dem Zauber-Zirkus an um sich dort neu zu erfinden. Doch mit jedem Trick, den er lernt, schwindet die Magie aus seinem Leben. Der Krieg und diverse Wirrungen machen aus dem kleinen Mosche Goldenhirsch, der mit leuchtenden Augen zum ersten Mal eine Vorführung gesehen hat, einen verbitterten alten Zauberer, der nicht mehr an Magie glaubt.

Und da kommt Max, platzt in sein Leben und bitten ihn genau darum: Einen letzten Trick. Mehr noch, um etwas Zeit. Max´ Eltern sowie der Zauberer sind sich einig, Max braucht noch etwas Zeit um Kind zu sein. Es geht also gar nicht so sehr um ein Happy End. Für wen auch immer.

Vielleicht sind es nur die leuchtenden Augen der Zuschauer, die glauben wollen.

Ein tolles Buch, eine wirklich schöne Geschichte mit ganz feinem Humor. Ich mag die bildhafte Sprache, das spricht mich sehr an. Man merkt, der Autor kommt vom Film. Vielleicht verfilmt ja jemand irgendwann diese Geschichte. Wundern würde es mich nicht.

Klare Empfehlung.

  • Autor: Emanuel Bergmann
  • Taschenbuch : 400 Seiten
  • ISBN-13 : 978-325724400
  • ISBN-10 : 3257244002
  • Herausgeber : Diogenes
  • Sprache: : Deutsch

#tbt – Unsere Seelen bei Nacht

„Unsere Seelen bei Nacht“ ist eine echte Perle. Aber, ich muss kurz meckern, bevor ich zur Lobeshymne ansetze.

  1. Satzzeichen

Was ist an Satzzeichen verkehrt? Derartige Spielereien verstehe ich nicht. Kent Haruf verzichtet völlig auf Anführungszeichen, was bei mir dazu führt, dass ich nie weiß, wann gesprochen wird und wann nicht. Es gibt im Buch direkte Rede, auch wenn sie nicht so gekennzeichnet ist. Ja, jeder gesprochene Satz ist eingerückt. Ja, man kann unterscheiden, wann welche Person spricht (wenn man penibel darauf achtet), aber ich finde es unnötig mühsam. Vor allem, wenn die direkte Rede mitten in der Zeile aufhört und der nächste Satz schon wieder Erzählstimme ist und ich es nicht sofort bemerke. Das bedeutet für mich (Nenn mich Doofling, wenn du willst), zurück springen, noch mal lesen. Mein Lesetempo, mein Lesefluß holpern, ich falle jedes Mal, wenn das passiert regelrecht aus dem Buch.

  1. Telling

Wenn man sich mit dem Schreiben beschäftigt, hört man unweigerlich irgendwann den Satz „Show, don´t tell.“ Das bedeutet, Telling ist böse. Ich persönlich habe nichts gegen Telling, ganz grundsätzlich. Aber hier ist die Geschichte zu 80 % im Telling erzählt und das ist der Grund, warum ich einen Stern abziehe. Kent Harufs Schreibstil wirkt auf mich, als würde er mich eine Armlänge von seinen Figuren fern halten. Auch das ist mühsam, unnötig. Schade. Weil, es sind tolle Figuren, zum Gernhaben und näher hinsehen. Das Buch ist trotz meiner Einwände eine Perle, ein Glücksgriff.

Addie und Louis sind beide um die 70, verwitwet und einsam. Sie ist die Mutigere von beiden und klingelt bei Louis um ihm ein Angebot zu machen. „Willst du bei mir übernachten?“ Damit beginnt die Geschichte, Addie geht es explizit um die Nachtstunden, wenn sie das Licht schon ausgeschaltet hat, aber noch nicht eingeschlafen ist. Diese Zeit ist die Schlimmste. Sie will Nähe, jemanden zum reden, einfach nicht allein sein. Louis muss nicht lange überredet werden. Wen müsste man bitte dazu überreden? Ich erinnere mich gern an die Schulzeit; Landschulheim, Stockbetten, geflüsterte Geheimnisse und viel albernes Gekicher. Jedenfalls.

Louis willigt ein, duscht, packt Pyjama und Zahnbürste ein und macht sich auf den Weg zu Addie. Da sie keine Heimlichkeiten will, geht er zur Vordertür hinein. (Warum auch nicht? Sie sind beide erwachsen undsoweiter) Sie teilen sich ein Bett, die Nacht, ihre Erinnerungen. (Vielleicht ist die Distanz, die ich beim Lesen empfinde, Absicht. Schließlich habe ich in dem Schlafzimmer nichts verloren.) Addie und Louis halten Händchen, erzählen sich ihr Leben: Die Ehe mit ihren Höhen und Tiefen, die Kinder, der Alltag. Eben alles. Und dann: Addies Sohn Gene trennt sich von seiner Frau und parkt den 6-jährigen Sohn bei ihr. Der Junge ist fix und fertig, die Streitereien seiner Eltern haben ihn mürbe gemacht, er ist verängstigt, verloren. Louis und Addie erhalten eine zweite Chance. Nachdem ihr Leben, ihre Ehen, ihre Kinder Vergangenheit sind, spielen sie jetzt noch mal Vater-Mutter-Kind. Entspannter, empathischer, geduldiger. Jamie blüht auf.

Aber. Während sich die beiden gegenseitig aus der Einsamkeit helfen, haben diverse Leute Probleme damit. Wie sollte es auch anders sein. Die zwei leben in einem kleinen Dorf und schließlich hat ja jeder Mensch eine eigene Meinung, ein eigenes Urteil und das Bedürfnis all das kund zu tun. Jaja. Ich habe auch eine Meinung, ein Urteil: Wenn sich zwei gefunden haben und einander gut tun, sollte sich da keiner einmischen. Liebe für alle. 🙂

Eine feine, kleine, leise Geschichte, die ich gern gelesen habe. Trotz der Umstände.


Eckdaten

  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 2 (22. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257069863
  • ISBN-13: 978-3257069860

Klappentext

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.

Work in Progress

Für meine Verhältnisse habe ich dieses Jahr sehr wenig geschrieben. Wenn das Bauzeichnen mein Brotberuf ist, dann ist das Schreiben mein Kuchen-Beruf. Normalerweise kann ich von Zuckerkram nicht genug kriegen, das ist etwas, dass ich mir täglich gebe. Eigentlich. Nicht 2020. Aus Gründen. Aber ich habe keine Lust mehr auf meinen selbst gemachten Marmorkuchen zu verzichten. Daher mache ich Pläne, setze mir Ziele und dokumentiere meine (kleinen) Schritte im Bullet Journal. Heute sah ich einen TEDTalk von Carol Dweck mit der Zauberformel „Not yet“. Und das spricht mich sehr an.

Hast du es geschafft?

Noch nicht. Aber ich bin dran. Da ist eine Lernkurve, da sind Zwischenziele, ich verfolge mein Anliegen, ich bin motiviert. Das wird super.

Jedenfalls. Was passiert hier?

Work in Progress. Ich arbeite an:

  • eine neue Kurzgeschichte für die get shorties Lesebühne
  • an einem neuen Manuskript (Neues aus Leotrim). Saublöder Arbeitstitel, ich weiß. Das ist aber egal. Es geht darum, überhaupt wieder nach Leotrim zurück zu kehren.
  • An ein paar Zeichnungen für den neuen Sammelband „In Love“.

Und dann? Was noch? Ja, es passieren Dinge. Und ich will dich auf dem Laufenden halten, aber auch schreibend nachdenken und sichtbar machen, dass eben nicht alles still steht. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt.

Coming soon:

  • Veröffentlichung: Der Sammelband „In Love“ wird am 27. Dezember 2020 als eBook erscheinen und beinhaltet „London in Love“ und „Nina in Love„. Hast du Lust diesen Sammelband vorab zu lesen und zu rezensieren? Dann melde dich bei mir.
  • Zur Veröffentlichung werde ich auch eine Leserunde bei Lovelybooks veranstalten.
  • Veröffentlichung: Wortreich Anthologie des Stuttgarter BvjA-Stammtischs
  • Veröffentlichung: Das Get Shorties Weihnachtsbuch

Bist du fertig? Noch nicht. 🙂

Und du? Was macht dein WIP? Was kommt, was passiert?

~Caro