Letzte Nacht in Twisted River

Väter und Söhne

Irving setzt seine Figuren immer grotesken Zufällen und Unfällen aus. Erst ertrinkt der  15-jährige Angel, und später stirbt die Geliebte des Kochs. Der Sohn des Kochs, der 12-jährige Daniel verwechselt die stämmige, schwarzhaarige Frau mit einem Bären und erschlägt sie mit einer Bratpfanne, im Glauben sie würde seinen Vater angreifen. Leider ist die Frau auch die Freundin des Sheriffs, der sich rächen will, am Koch und dessen Sohn. Eine lebenslange Flucht beginnt.

Eintauchen, sich treiben lassen

Vater und Sohn leben allein, Rosie die Ehefrau und Mutter, ertrank, als Daniel zwei Jahre alt war. Lange Zeit erfährt Daniel nicht die Umstände ihres Todes. Die Ereignisse; der Unfalltod der Mutter, die erschlagene Bären-Frau, die Flucht, machen aus Daniel einen Schriftsteller. Schon als Teenager fängt er an zu schreiben, sieht in sich selbst einen zurückgebliebenen Jungen, der die Lücken seines eigenen Lebenslaufs mit seiner Fantasie stopft. Einzig sein Lehrer Mr. O´Hara liest seine Geschichten. Gerade dieser Umstand ist für mich, und für den Leser, besonders spannend. Daniel sammelt Informationen über seinen Vater, seine Mutter und ihre gemeinsame Vergangenheit wie Puzzlestückchen. Er legt sie zusammen, und so wie er die Umstände erfährt, bekommt sie auch der Leser.  Den Rest muss sich Daniel selbst zusammen reimen. Irving lockt uns, seine Leser mit Brotkummen ins Hexenhäuschen, lässt uns schmoren. Wenn er will, dass wir leiden, und aufgeregt das dicke Ende kommen sehen, dann haut er uns nochmal eins über. Immer gespickt mit seiner Detailverliebtheit. Ich kann gut verstehen, warum manche Leser überhaupt keinen Zugang zu Irvings Bücher finden. Entweder man liebt ihn für seine Details, für seine Ausschweifungen und Längen, oder man legt das Buch frustriert beiseite, doch so legt man nie das ganze Puzzle zusammen. Denn alle Details sind wichtig.

Ich persönlich finde es, beispielsweise, großartig, dass Irving uns Leser auf seiner Reise der Geschichte immer genau erklärt, was passieren wird, warum, und wie. Ich sehe es immer kommen, und bin dann doch überrascht. Er lässt uns an seinen Kniffen teilhaben und ist dabei sein größter Kritiker. Kein einziger Kritiker, könnte ihn so sehr auseinander nehmen, wie er es selbst tut. Die ersten 200 Seiten handeln davon, wie es zur Flucht kommt.  Der Leser erfährt die wichtigsten Dinge, das Leben des Kochs, bevor er heiratete und Daniel geboren wurde, das Leben der Mutter, alles über die Bären-Frau und auch über den besten Freund vom Koch; Ketchum. Die zentrale Figur des Romans, und meiner Meinung nach, verdammte Elchscheiße, auch der liebenswerteste Kerl weit und breit.   Ketchum begleitet die beiden, als Beschützer und Freund. Anfangs dachte ich, Ketchum wäre ein Stereotyp, ein absolutes Klischee. Nur Iving schafft es, aus einem Klischee etwas wundervoll Individuelles zu machen.

Daniel beginnt also zu schreiben, das was er kennt, was er erlebt hat. Der Lehrer O´Hara hält diese Geschichten natürlich für grotesk, und absolut erfunden (Wem passieren schon solche Dinge?). O´Hara sagt und denkt und vermittelt dem Leser all das, was er beim Lesen vielleicht selbst gedacht hat. Mit O´Haras Stimme zerpflückt Irving seine eigene Geschichte, bis ins Kleinste, liefert die Gründe warum man ihm kein Wort glauben sollte, und dann doch jedes Wort für bare Münze nehmen kann (wenn man will), und sorgt dafür, dass man all die Figuren, Daniel und seinen Vater, die Bären-Frau und Ketchum, noch liebenswerter noch realer, empfindet. Während O´Hara die Geschichte, die Daniel schreibt, zerpflückt und bewundert, stehlen sich die Figuren ganz heimlich ins Herz der Leser. An diesem Punkt glaubt man schon, sie persönlich zu kennen.

Die Leser werden es für ein Kochbuch halten

Daniel schreibt weiter, stopft die Lücken, verändert die Details, kommt der Wahrheit sehr nahe, und doch ist alles erfunden. O´Hara ist noch verwirrter und wir als Leser können es uns nun aussuchen: Ist die Geschichte, die uns Irving erzählt die eigentliche Geschichte? Oder die Geschichte, der Daniel nachspürt, die Geschichte seines Lebens? Wer ist der Autor von Letzte Nacht in Twisted River?

Er wird älter, schreibt noch mehr, noch mehr Details, er wird Vater, und er flieht vor dem Sherriff, vor seiner Vergangenheit.

she bu du

Einen Irving-Roman zu lesen ist für mich immer ein wenig so, als würde ich mich in den Schreibschuppen von Irving schleichen, seinen Hund Dickens ein bisschen hinter dem Ohr kraulen und mich in eine stille Ecke setzten, und ihm bei der Arbeit zusehen. Er spielt mit dem Leser, vermischt Fiktion und Autobiografisches, wobei für mich die Frage danach, was „echt“ und was erfunden ist, unerheblich ist.  Ich glaube, die Frage ist auch für Irving unerheblich. Details erlebter Dinge wandelt er so um, wie er es für die Geschichte brauchen kann, und so sind auch autobiografische Dinge erfunden. In dem Buch steckt Iving, vielleicht mehr, als er selber weiß, und doch überhaupt nichts von ihm. Was macht es schon, wenn man es nicht so genau weiß, wenn man sich als Leser einfach in die Figuren verliebt? Die Gefühle ändern sich dadurch ja nicht.

Ich persönlich mache immer wieder Zwangspausen, ich lese eine Irving-Geschichte nicht in einem Rutsch.  Am Anfang bin ich aufgeregt, will die Figuren kennen lernen, mitten drin, wenn ich dann Gefühle für sie habe und mit fiebere, leg ich das Buch beiseite. Ich weiß, sie werden viel verlieren. Gliedmaßen, geliebte Menschen, so ziemlich alles. she bu de schreibt Irving, und übersetzt es mit Ich kann es nicht ertragen loszulassen. So geht es mir auch. Kaum war ich über die 500ste Seite hinaus, dachte ich; Oh, er leitet das Ende schon ein.

Ich will nicht, dass es endet!

Aber es endet. Und alle Details sind wichtig. Alle Rezepte und Gerichte, schließlich geht es um einen Koch und seinen Sohn, um ihre Reise, das Überdauern von fünf Jahrzehnten, und wie sie das Leben ausgekostet haben, trotz aller Widrigkeiten. Mein persönlicher Lieblingsroman ist immer noch Zirkuskind, aber der hier, Letzte Nacht in Twisted River kommt dem verdammt nahe.

Eindrücke einer Lesung; John Irving

Meine Eindrücke zur John Irving Lesung in Stuttgart

Im Vorfeld war ich sehr nervös. Man sieht ja nicht alle Tage das eigene literarische Idol, den Mentor im Geiste; den Mann, wegen dem ich überhaupt angefangen habe zu schreiben.  2003 war das, als ich „Gottes Werk & Teufels Beitrag“ las und dachte, wenn ich doch nur so schreiben könnte!?

In der Zwischenzeit habe ich alle Irving-Romane inhaliert. Mehrfach. Als könnte ich mir was abgucken. Kann ich nicht, die Lektion hab ich gelernt, ich muss meine eigene Stimme finden, als Autorin, als Mensch. Und trotzdem ist und bleibt Irving bzw. seine Bücher was Besonderes für mich.

Nun sah ich ihn also in echt, in Natura, nur drei Meter von mir entfernt. Im ersten Augenblick bin ich erschrocken, man, ist der klein. Ich hatte einen Ringer erwartet, kräftig, mit sehnigem Auftreten. Aber da kam John Irving, klein und zerbrechlich, in zu weiten, typisch amerikanischen Hosen, blaues Hemd, auch ein bisschen weit, und setzt sich hin. Einfach so. Ich kenne seine Romane, ich kenne seinen Humor (und teile ihn),  ich weiß, dass er klein ist (für einem Mann, der in meinem Kopf und meinem Schreiberling-Herz einen so großen Platz einnimmt) und bin tatsächlich überrascht wie witzig er ist.

Im Theaterhaus sitzen tausend Leute, die wohl alle so wie ich empfinden, sonst wären sie nicht da. Der Applaus ist laut, herzlich, überbordend. Das Interview, die Lesung wird für die Sendung „Literatur im Foyer“ aufgezeichnet, die Moderatorin macht Smalltalk durch den Soundcheck, bis alles soweit ist, für Mister Irving, den großen Schriftsteller. Doch er ist ganz unscheinbar, bodenständig, tut, was man ihm sagt (sitz ein bisschen weiter rüber), macht Witze, unterhält einen vollen Saal, ohne Arroganz, ohne Attitüden.

Mittags, bevor ich los fuhr, hatte ich mir noch Sogen gemacht. Was ist, wenn das voll der Schnösel ist, wenn heute mein Bild, das ich mir durch seine Bücher von ihm gemacht habe, zerstört wird? Egal, dachte ich, wischte die Sorgen weg. Du liebst seine Bücher, das ändert sich doch nicht!

Im Gegenteil, jetzt, nachdem ich ihn über seine Arbeit reden hörte, seinem feinen, gut artikulierten Englisch gelauscht habe, seinen Worten, die er mit den Händen untermalt, dirigiert wie ein Musiker und dabei seiner eigenen Melodie folgt, bin ich noch mehr fasziniert. Irving ist ein Unterhalter – in seinem Interview, mit wohl überlegten Antworten, mit den Details, die ich so sehr schätze, hat er die Zuhörer schon gefesselt, anschließend, bei der Lesung begeistert. Mit Blick auf seine Zuhörer, nicht aufs Buch, erzählte er die Geschichte „Letzte Nacht in Twisted River“. Na ja, Auszüge daraus. Das Buch habe ich schon gelesen, nun aber nochmals anders, von ihm betont, mit seiner Stimme, erlebt.

Ich besitze nun ein signiertes Exemplar. Heute war ein besonderer Tag, ich habe mein Idol gesehen (und wurde nicht enttäuscht), habe eine fantastische Lesung erlebt, und das Buch mit Autogramm ergattert. Autorenherz was willst du mehr?

Was für ein Abend!

Felicitas von Lovenberg im Gespräch mit John Irving

Gespräch und Lesung mit deutscher Übersetzung von Patrick Blank

http://www.john-irving.com/