Der Trick

2016-03-22 19.45.11Ich habe an anderer Stelle schon erzählt, wie toll ich die Lesung von Emanuel Bergmann fand. Nun habe ich das Buch endlich ausgelesen und bin sehr glücklich, dass mein anfänglicher Eindruck rundherum bis zum Schluss anhält. Ich möchte „Hach“ sagen und „Es ist so schön“. 🙂

Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt, da ist einmal der alte Zauberer Zabbatini, desillusioniert und grantig, dann der 10-jährige Max, der unter der Scheidung seiner Eltern leidet.

Zabbatini hat nichts mehr zu erwarten, er ist im Altenheim, und niemand mag den alten Grantler. Max wird unsanft in die harte Welt der Erwachsenen geschubst und kommt dort überhaupt nicht zurecht. Er findet eine alte Schallplatte vom großen Zauberer Zabbatini und verspricht sich davon einen Liebeszauber, ein Happy End für seine Eltern. Also sucht er den Zauberer und bittet ihn um Hilfe.

Nebenbei wird der Werdegang von Zabbatini aufgedröselt, ich als Leser folge dem roten Faden hinein in die Kindheit von Zabbatini, der als Mosche Goldenhirsch geboren wurde und als Sohn eines Rabbis aufwuchs. Mosche läuft seinem strengen Vater davon und schließt sich dem Zauber-Zirkus an um sich dort neu zu erfinden. Doch mit jedem Trick, den er lernt, schwindet die Magie aus seinem Leben. Der Krieg und diverse Wirrungen machen aus dem kleinen Mosche Goldenhirsch, der mit leuchtenden Augen zum ersten Mal eine Vorführung gesehen hat, einen verbitterten alten Zauberer, der nicht mehr an Magie glaubt.

Und da kommt Max, platzt in sein Leben und bitten ihn genau darum: Einen letzten Trick. Mehr noch, um etwas Zeit. Max´ Eltern sowie der Zauberer sind sich einig, Max braucht noch etwas Zeit um Kind zu sein. Es geht also gar nicht so sehr um ein Happy End. Für wen auch immer.

Vielleicht sind es nur die leuchtenden Augen der Zuschauer, die glauben wollen.

Ein tolles Buch, eine wirklich schöne Geschichte mit ganz feinem Humor. Ich mag die bildhafte Sprache, das spricht mich sehr an. Man merkt, der Autor kommt vom Film. Vielleicht verfilmt ja jemand irgendwann diese Geschichte. Wundern würde es mich nicht.

Klare Empfehlung.

Lesung: Emanuel Bergmann

2016-03-22 19.45.11„Der Trick“ verspricht ein zauberhaftes Lesevergnügen zu werden.

Huch, jetzt hab ich doch tatsächlich dieses platte Wort verwendet. Mea Culpa. Ich verspreche, das bleibt der einzige Zauber-Bezug. Aber es stimmt, es ist zauber… ach. Lassen wir das. Ich habe eine Lesung von Emanuel Bergmann besucht – wobei Lesung so nicht ganz richtig ist. Es war ein Literatur-Ereignis, etwas besonders, eine richtige äh… Show. Ich lasse die Zauberwörter nun weg. Ich wollte schon wieder… Jedenfalls.

Ich habe ganz bewußt keine Rezensionen und Buchbesprechungen gelesen, ich wollte mir mein eigenes Bild machen. Ich wusste aber soviel: „Der Trick“ ist sein Roman-Debüt und bei Diogenes unterkommen ist ein 6er im Lotto. Der Mann muss also was können, weil im Lotto gewinnt man nicht ohne Ticket.

Ich habe schon einige Lesungen besucht und ein paar mal die Erfahrung machen müssen, dass es Menschen gibt, die hervorragend schreiben können, das aber nicht automatisch bedeutet, dass diese Menschen auch ihre eigenen Texte entsprechend toll vorlesen können. Autoren sind introvertierte Menschen, wenn sie gut reden könnten, würden sie wohl alle andere Berufe ausüben und nicht einsam und allein Zeit damit verbringen, Wörter auf Papier zu bannen. Ich spreche aus Erfahrung, ich musste auch erst lernen, über einige Jahre hinweg, mich vor eine Gruppe Menschen hin zu stellen, zu reden, zu lesen und nicht die Nerven zu verlieren. Wer schreibt, lernt und scheitert vor Publikum.

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Emanuel Bergmann

Hier stand ein Autor, erfrischend selbstbewußt, der erst noch gemütlich einen Apfel futtert und sich nicht streßen läßt. Der frei redet, über sich, das Buch, dessen Entstehungsgeschichte. Ich ziehe meinen Hut – 180 Seiten in 6 Wochen in die Tasten zu hauen, das ist mal eine Leistung. Und das Ergebnis lässt sich sehen. Herr Bergmann führte durch seinen Roman, stellte mit musikalischer Begleitung seine Figuren und deren Geschichte vor, er sprach nahezu frei, von „Lesung“ kann eigentlich keine Rede sein. Er erzählte die Geschichte fulminant von Max und dem großen Zabbatini. Die Geschichte kommt ganz leicht daher (und wir wissen alle: Dinge die leicht aussehen, waren harte Arbeit) und lässt mich in die Karten sehen; Schau an, kein doppelter Boden, keine Karten im Ärmel versteckt, alles ganz echt!

Ich habe die meiste Zeit gelächelt oder leise vor mich hin gegluckst. Ich weiß jetzt schon, völlig egal wie das Buch ausgeht: Ich mag Max. Und ich mag den grummligen alten Zabbatini. Und eine Lesung von Emanuel Bergmann – das muss man gesehen haben.

Ich bin dann mal weg… lesen. 

~Caro

 

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn

2016-03-19 20.15.05Was ist passiert? Was wird passieren?

Vergangenen Samstag waren wir shorties endlich mal wieder im Blauen Haus in Böblingen. Ingo hat mal wieder gesucht und nichts gefunden, derweil Jole die Wiederauferstehung probte. Rainer fand keinen Parkplatz, keiner wusste wo Volker steckt und Heiko mag tatsächlich Döner Hawaii. Schlimm. Und ich disste die Yoga-Tante. Also alles wie immer.

Abgesehen davon habe ich noch zwei gute Filme gesehen, von denen ich dir erzählen will.

Sieben verdammt lange Tage (This is where I leave you)

Die Story: Der Vater stirbt und die vier erwachsenen Kinder kehren zur Beerdigung heim. Soweit so gut. Obwohl der Vater nicht religiös war, lautet sein letzter Wille darauf, dass die Familie Schiwa sitzen soll. Ich kannte diesen Brauch bisher nicht, habe nie davon gehört und musste das erst Mal googeln. Mir gefällt die Idee dahinter, wirklich Zeit zum Trauern zu haben, mir kommt es so vor, dass wir in unserer schnelllebigen Zeit nicht einmal mehr dafür Zeit haben, aber das ist ein anderes Thema und gehört hier nicht her.

Die vier Kinder, sehr unterschiedlich natürlich, sitzen also auf diesen niedrigen Hockern und sollen sieben Tage lang um ihren Vater trauern. Die Mutter verhängt ihnen sozusagen Hausarrest, als wären sie noch kleine Kinder. Jeder kommt mit seinem Koffer voller Probleme an. Da ist Judd (Jason Bateman), der kurz bevor sein Vater stirbt, raus findet, dass seine Frau eine Affäre hat. Er schmeißt kurzerhand seinen Job hin und suhlt sich schon im tiefen Loch des Selbstmitleids. Er ist derjenige, der am meisten Schwierigkeiten hat: als alle beieinander sitzen und sich alte Geschichten, liebevolle Erinnerungen an den Vater erzählen, ist er derjenige, der keine einzige Anekdote zu erzählen hat. Er braucht seine Zeit…

Die anderen haben es natürlich auch nicht leicht. Wendy trauert ihrer Jugendliebe nach, Paul schafft es nicht seine Frau zu schwängern und Philip ist alles andere als erwachsen. Natürlich knallt es ganz gewaltig, als sie aufeinander treffen, da werden alte Wunden aufgerissen, ungeklärte Konflikte neu angefacht – es ist alles dabei für ein schönes kompliziertes Familien-Tohuwabohu. Ich mag diese Sorte Film. Meine Familie kommt mir dann nicht völlig verrückt vor, und ich mag, wenn am Schluss deutlich wird:

Wir sind zwar alle bekloppt, wir haben unsere Probleme, aber eigentlich, ganz eigentlich sind wir froh aneinander.

Hier gefällt mir besonders gut, dass ausnahmsweise mal nicht so viel gebrüllt wird. Bei amerikanischen Filmen und Serien nervt mich enorm, wenn die ganze Story und auch die Schauspielkunst der Darsteller nur darauf gründet besonders laut zu sein und gefühlt 90 Minuten lang gleichzeitig zu reden. Das ist so ein Stilmittel oder die hohe Kunst, die ich Banause nicht verstehe – sich ins Wort zu fallen und mit viel Geschrei mühevoll witzig zu sein. Hier nicht. Besonders Jason Bateman gefiel mir in seiner beherrschten, zurückhaltenden Art. Er hätte allen Grund auszuflippen… es gibt da eine ganz wunderbare Szene. Ich will nicht zu viel verraten, jedenfalls. Sie sagt zu ihm:

„Dreh jetzt nicht durch!“

Und er antwortet: „Ich drehe nicht durch.“

Sie: „Doch, ich sehe dich.“

Das ist nur eine ganz winzige Szene, wenig Text, und doch steckt ganz viel darin. Ich finde, in Filmen geht so viel von der Gefühlswelt einer Figur unter, weil man nur sieht, und der Darsteller muss dann all das Gefühl dazu in seiner Körperlichkeit oder im Gesicht ausdrücken. Wer schon mal einen Film mit Kristen Stewart gesehen hat, weiß, das kann so und so aussehen.  Jason Bateman erinnert mich in diesem Film sehr an den jungen Robin Williams und ich sehe Bateman mit Vergnügen zu – sein zurückhaltendes Schauspiel, mit enormer Ausdruckskraft. Ich mag den Typen, den er darstellt: Judd Altmann. Er hat mein ganzes Herz.

Ich mag die Entwicklung Batemans, die ich die letzten Jahre gesehen habe, vom Clown zum richtigen Darsteller. Ich denke die ganze Zeit; der kann ja was! Ich habe also mitgefühlt und mitgelitten, eine nette Geschichte über eine schrullige Familie, ohne dieses typische Vater-Mutter-Kind-Happy-End. Hollywood ist wohl drauf gekommen, das es noch mehr gibt.

Ich bin mit „Unsere kleine Farm“ aufgewachsen und kenne Bateman als James Ingalls, das niedliche Bübchen. Mir gefällt was die Zeit mit seinem Gesicht gemacht hat. Er ist schön gealtert.

Dann habe ich noch „Albert Nobbs“ gesehen. Das Aussehen des Films erinnert mich ein wenig an Downton Abbey. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Glenn Close spielt Albert Nobbs; eine Frau, die sich als Mann ausgibt und deren ganzes Leben auf einer Lüge basiert. Er arbeitet als Butler in einem Hotel – und eines Tages soll er sich das Zimmer mit einem anderen Mann teilen. Alberts Lebensgrundlage scheint aufzufliegen…

Es wird nicht gesagt und spielt eigentlich keine Rolle, ob Albert ein Mann sein will oder der umständehalber einer sein muss. Ich mochte Glenn Close bisher schon, sie hat mich in all ihren Rollen überzeugt. Aber das toppt noch mal alles bisher Gesehene. Der Film ist furchtbar traurig, das ist wirklich nichts für einen unterhaltsamen Abend. Das Thema ist schwer, die Geschichte ist schwer. Aber ich bin sehr froh, dass ich Albert Nobbs entdeckt und gesehen habe. Glenn Close war umwerfend.

Die kommende Woche wird auch umwerfend, mindestens. Ich habe Karten für eine Lesung von Emanuel Bergman (Der Trick) und am Mittwoch erscheint das neue Buch von John Irving, das bedeutet, ich werde Ostern offline und lesend verbringen. Mit verdammt guter Lektüre.

Ach, und meine Release-Party geht am Mittwoch los. Die Drachen kommen!

Wir lesen uns!

~Caro