Wortreich-Impressionen

Ich bin eine lahme Schnecke. Die Lesung ist auch schon wieder Wochen her und ich komme erst jetzt dazu, dir davon zu erzählen. Mea culpa. Der Stuttgarter Autorenstammtisch, das ist mal ein engagierter Haufen. Meine Güte. Ich kann das beurteilen. Ich war schon in verschiedenen Gruppen. Manchmal stimmt die Chemie, manchmal nicht. Und dann gibt es Zusammenschlüße wie diesen, aus dem dann kreative Projekte hervorgehen UND! die funktionieren. Auch das habe ich schon erlebt: Gemeinsam eine Anthologie basteln und dann die Lektorats-Anmerkungen im Text vergessen und für die Leser mitdrucken. Geilo! Nicht.

Jedenfalls.

Hier waren Profis am Werk. Aus einer Idee wurde ein Projekt, aus einem Autorenstammtisch eine Anthologie. Ich bin sehr froh, ein Teil davon sein zu dürfen. Ich halte mich nicht für einen einsamen Wolf im Elfenbeinturm. (Das Bild des verschrobenen Schriftstellers im Elfenbeinturm halte ich grundsätzlich für falsch und bescheuert, aber das ist eine andere Geschichte.) Meine Sozialkompetenz reicht oft nicht aus für Gruppen. Inzwischen weiß ich, dass ich im Asperger-Spektrum stecke, und alles über drei Personen überfordert mich. Daher bin ich darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, wie hier geschehen, die ein Projekt in die Hand nehmen und organisieren. Und ich meine nicht nur Inhalt, Lektorat, Satz und Veranstaltungen dazu, sondern eben auch den menschlichen Aspekt. Zusammenhalt, Zugehörigkeit, Wertschätzung. Ich bewege mich in der Gruppe und empfinde keinen Konkurrenzkampf, sondern ganz klar: Zusammen sind wir stark.

23 Autoren kommen hier zusammen. Das ist mal ne Hausnummer. Kurzgeschichten und Gedichte; das ganze Spektrum, was die Autor*Innen rund um Stuttgart zu bieten haben. Der Erlös des Buches kommt dem Verein trott-war zugute. Und das hier sind die Eindrücke der ersten Lesung und offiziellen Buchvorstellung im Hospitalhof in Stuttgart.

Die Herausgeber des Buches sind Marc Bensch und Joachim Speidel. Dorothea Böhme hat durch den Abend moderiert. Insgesamt 6 Autoren haben ihre Beiträge vorgelesen. (Oliver Kern, Rainer Bauck, Tanja Roth, Wolfgang Haenle, Jutta Weber-Bock und meinereiner.) Die Fotos machten Regine Bott und Wolfgang Haenle. Merci mit Knicks.

Link: (W)ortreich

Wörtchenbude!

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Wir Autoren der get shorties Lesebühne waren wieder in Ludwigsburg. Die Stadtbibliothek lud zum Tag der offenen Tür und zum „9. Ludwigsburger Literaturfest“ ein. Wir veranstalteten (wie schon letztes Jahr) die „Wörtchenbude“. Wir haben echt geschuftet und viele Texte an den Mann gebracht. An die Frau auch. Und an ein paar Kinder. Es wurden Liebesgedichte gewünscht, ein Märchen mit Zentauren, ein Text zum Thema „Let´s have a party“. Aber auch die Limericks waren sehr gefragt, Jörg und Jole schrieben sogar einige Haikus. Um Aliens sollte es gehen, oder um das Thema Schuld. Es war also ziemlich viel dabei. Wir hatten echt Spaß.

Eine Frau fragte „Was soll das? Die Schreibmaschinen, dieses Retro. Wozu?“

Ich sagte „Weil es Spaß macht.“ Das reichte ihr als Antwort nicht. Ich musste mir also etwas mehr mühe geben. Ich arbeite nun schon über dreizehn Jahre an eigenen Texten. Davor redete ich gern darüber Schriftstellerin zu sein, aber wirklich angefangen habe ich erst 2003. Damals noch mit Papier und Stift, obwohl ich im Jahr 2000 meinen ersten Computer bekommen habe. Muss man sich mal vorstellen… während meiner Schulzeit hatte ich kein Handy, keinen PC, ich habe meine Hausaufgaben, Hausarbeiten und meine Arbeit für die Theater-AG mit einem College-Block und einem Lamy-Füller gemacht. Für mich hat das was sehr ursprüngliches, noch heute habe ich den Eindruck, näher am Wort zu sein, wenn ich von Hand schreibe. Natürlich ist es bequem am PC zu arbeiten, ich habe auch ein Tablet, unterwegs tippe ich Ideen und Entwürfe ins Handy. Oft kommen mir Nachts die besten Ideen, da mache ich kein Licht an, ich setzte mich nicht hin, schreibe ordentlich, was mir so im Kopf herumschwirrt. Nein, ich tippe wild auf dem Smartphone herum, gerne mal tausend Wörter. Und dann schlafe ich selig. Das ist alles praktisch, gut, hat sich bewährt. Trotzdem. Ich fühle mich als „Wortwerkerin“, mit einem Stift, einem Notizblock, einem Wörterbuch. Dann bin ich ganz bei mir, dann kommt mir der Satz „Ich bin Schriftstellerin“ leicht über die Lippen. Eine Schreibmaschine hat für mich einen ähnlichen Effekt. In der 8. Klasse habe ich die Schreibmaschinen-AG in der Schule besucht. Ein Jahr lang. Das 10-Finger-System kann ich heute noch nicht – Herr B. konnte es mir nicht beibringen. Was an mir und meiner Legasthenie liegt, nicht an seinen Lehrmethoden. Er hat versucht uns Rhythmus beizubringen. Er gab uns jede Woche neue Aufgabenblätter, die Welt der Wörter wurde von Woche zu Woche großer. Erst vier Buchstaben, dann sechs, dann acht und so weiter. Er stellte ein Metronom auf und im Takt tippten wir Stunde um Stunde, Zeile um Zeile. Das hatte etwas meditatives, unheimlich schön. Wie gesagt, ich habe das 10-Finger-System nicht gelernt, aber ich mochte die Nachmittage im Klassenzimmer, das Metronom, den Rhythmus, unsere Buchstaben-Zeilen, die alle gleich aussahen – vorausgesetzt man schrieb fehlerfrei. Fehler stachen in der Gleichmässigkeit hervor, wie ein knallrotes Schaf in einer Herde.

Bis wieder zwei Buchstaben mehr dazu kamen. Und noch zwei.

Als wir das erste Mal die Wörtchenbude zum Leben erweckten, dachte ich: Schreibmaschine? Kein Problem. Kann ich. Ich habe so ein altes Ding vom Flohmarkt. Ich bekomme nur noch bei Ebay Farbbänder dafür. Das Ding ist alt, und schwerfällig. Man muss die tasten richtig nach unten drücken, nix mit Gefühl. Brachial! Ich habe damals also meine Entwürfe mit Füller auf Papier geschrieben und wollte dann einen Reinschrieb an der Schreibmaschine tippen – dieses Werk auf hübschem Papier sollte der Kunde kriegen, der den Text beauftragt hat. Ich haute aber erst mal jede Menge Fehler rein, vertippte mich – und wir haben kein Tipp-Ex, kein Durchschlagpapier. Hier wird nicht mit Copy & Paste gearbeitet. Wir könnten ja auch einen Laptop hinstellen, und einen kleinen Drucker, wär ja kein Problem. WLAN gäbe es ja auch. Texte per Email?

Nein, wir schreiben mit Schreibmaschine. Im Leben muss man auch weiter machen, wenn man einen Fehler gemacht hat. Erst habe ich mich geärgert, über die Schreibmaschine, dann über mich, dann über die Situation. Am Schluss habe ich meinen Text übergeben, so wie er war. Meine Gedanken, mein Text, meine Fehler. Alles, so wie es aus mir raus kam. Und dann stellte sich eine Zufriedenheit ein. Dem Mann, der den Text abholte, gefiel es, er lächelte. Und ich auch. Das alles hatte was ursprüngliches, etwas intimes. So wie Briefe schreiben. An einen Fremden.  Nur, dass er ja bekommen hatte, was er bestellt hatte. Es war also gar nicht fremd.

So war das. Beim nächsten Mal ging es schon leichter. Das Tippen. Das Denken beim tippen. Nach der vierten Wörtchenbude möchte ich das Wort „Routine“ noch nicht verwenden. Aber dem Kopf gefällt es. Den Fingern auch. Und bis jetzt hat sich noch kein Wörtchenbuden-Kunde beschwert.

Mal ehrlich, wie viele Briefe kriegst du denn noch, hm?

~Caro

 

 

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© Fotos: Carolin Hafen

 

Nachlese; Heilbronn

Letzten Freitag waren wir „Shorties“ in Heilbronn, im Botanischen Obstgarten zu Gast. Meine Kollegen waren, in früheren Jahren, regelmässig hier, aber für mich war es das erste Mal. Das Wetter machte glücklicherweise auch mit, im Vorfeld hatte ich große Sorge, dass uns ein Sommergewitter die Lesung verdirbt. Apropos Glück. Ingo ging gemächlich spazieren, zupfte hier einen Klee und dort noch einen. Am Schluss legte er seinen Fund in unsere Kasse. Die ersten Bücher wechselten den Besitzer und ich dachte noch: Wer legt den da Grünzeug in unsere Kasse? Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich dann: Oh, vier Blätter? Ich erkundigte mich; wer hat den da so viel Glück?

Ingo grinste und meinte lapidar: „Das da hat sogar fünf Blätter! Ich hab ein Auge dafür – soll ich dir noch mehr sammeln?“ Ich staunte, weil fünfblättrigen Klee habe ich noch nie gesehen und lehnte dankend ab, ich befürchte immer, Glück hebt sich auf, wenn man zu viel davon hat. Jedenfalls, ich habe alle drei Funde mit Heim genommen. Ich presse die Kleeblätter derzeit. Vielleicht kann ich die später laminieren und ein hübsches Lesezeichen daraus basteln.

Jedenfalls. Die Lesung war gut besucht, der botanische Garten ist ein wirklich schöner Flecken in Heilbronn – ich kenne mich da nicht aus. Wenn es da noch mehr schöne Dinge zu sehen gibt, dann möge man mir das bitte mitteilen. Danke.

Open Air Lesungen sind für mich immer was besonderes. Drinnen, das kann ja jeder. Ich bin, um Fotos zum machen, um die ganze Besucherschar herum gegangen und stand am Schluss unter einer Linde. (Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Linde war.) Um mich und über mir summte es wie verrückt, ich mag das Geräusch ganz grundsätzlich. Das sage ich, obwohl ich immer ausflippe, wenn mir eine Fliege/Schnacke/Bremse direkt am Ohr vorbei surrt. Aber das ist ja auch was anderes. Als ich ein Kind war, wuchs an unserer Hauswand eine Kletterpflanze empor. Ich weiß nicht mehr, was das für eine Sorte war. Im Sommer war die ganze Hauswand grün, im Herbst dunkelgelb bis tief rot. Wenn ich im Sommer Abends im Bett lag und das Fenster gekippt war, da hörte ich dieses wohlige Gesumm, und stellte mir vor, unser Haus wäre ein lebender Organismus, etwas, das weg fliegen könnte, wenn es denn wollte. Noch heute verbinde ich dieses Geräusch mit Geborgenheit und Zuhause.

Ich stand also unter der Linde, sah nach oben und lausche dem Gesumm um mich herum, während meine Kollegen im dämmernden Abendlicht ihre Geschichten lasen. Da können andere Lesungsorte einfach nicht mithalten.

Diese Woche stehen noch zwei Open Air Lesungen an. Rutesheim und Stuttgart. Das wird super.

~Caro

 

Hier ein paar Eindrücke aus Heilbronn.

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Eindrücke einer Lesung; John Irving

Meine Eindrücke zur John Irving Lesung in Stuttgart

Im Vorfeld war ich sehr nervös. Man sieht ja nicht alle Tage das eigene literarische Idol, den Mentor im Geiste; den Mann, wegen dem ich überhaupt angefangen habe zu schreiben.  2003 war das, als ich „Gottes Werk & Teufels Beitrag“ las und dachte, wenn ich doch nur so schreiben könnte!?

In der Zwischenzeit habe ich alle Irving-Romane inhaliert. Mehrfach. Als könnte ich mir was abgucken. Kann ich nicht, die Lektion hab ich gelernt, ich muss meine eigene Stimme finden, als Autorin, als Mensch. Und trotzdem ist und bleibt Irving bzw. seine Bücher was Besonderes für mich.

Nun sah ich ihn also in echt, in Natura, nur drei Meter von mir entfernt. Im ersten Augenblick bin ich erschrocken, man, ist der klein. Ich hatte einen Ringer erwartet, kräftig, mit sehnigem Auftreten. Aber da kam John Irving, klein und zerbrechlich, in zu weiten, typisch amerikanischen Hosen, blaues Hemd, auch ein bisschen weit, und setzt sich hin. Einfach so. Ich kenne seine Romane, ich kenne seinen Humor (und teile ihn),  ich weiß, dass er klein ist (für einem Mann, der in meinem Kopf und meinem Schreiberling-Herz einen so großen Platz einnimmt) und bin tatsächlich überrascht wie witzig er ist.

Im Theaterhaus sitzen tausend Leute, die wohl alle so wie ich empfinden, sonst wären sie nicht da. Der Applaus ist laut, herzlich, überbordend. Das Interview, die Lesung wird für die Sendung „Literatur im Foyer“ aufgezeichnet, die Moderatorin macht Smalltalk durch den Soundcheck, bis alles soweit ist, für Mister Irving, den großen Schriftsteller. Doch er ist ganz unscheinbar, bodenständig, tut, was man ihm sagt (sitz ein bisschen weiter rüber), macht Witze, unterhält einen vollen Saal, ohne Arroganz, ohne Attitüden.

Mittags, bevor ich los fuhr, hatte ich mir noch Sogen gemacht. Was ist, wenn das voll der Schnösel ist, wenn heute mein Bild, das ich mir durch seine Bücher von ihm gemacht habe, zerstört wird? Egal, dachte ich, wischte die Sorgen weg. Du liebst seine Bücher, das ändert sich doch nicht!

Im Gegenteil, jetzt, nachdem ich ihn über seine Arbeit reden hörte, seinem feinen, gut artikulierten Englisch gelauscht habe, seinen Worten, die er mit den Händen untermalt, dirigiert wie ein Musiker und dabei seiner eigenen Melodie folgt, bin ich noch mehr fasziniert. Irving ist ein Unterhalter – in seinem Interview, mit wohl überlegten Antworten, mit den Details, die ich so sehr schätze, hat er die Zuhörer schon gefesselt, anschließend, bei der Lesung begeistert. Mit Blick auf seine Zuhörer, nicht aufs Buch, erzählte er die Geschichte „Letzte Nacht in Twisted River“. Na ja, Auszüge daraus. Das Buch habe ich schon gelesen, nun aber nochmals anders, von ihm betont, mit seiner Stimme, erlebt.

Ich besitze nun ein signiertes Exemplar. Heute war ein besonderer Tag, ich habe mein Idol gesehen (und wurde nicht enttäuscht), habe eine fantastische Lesung erlebt, und das Buch mit Autogramm ergattert. Autorenherz was willst du mehr?

Was für ein Abend!

Felicitas von Lovenberg im Gespräch mit John Irving

Gespräch und Lesung mit deutscher Übersetzung von Patrick Blank

http://www.john-irving.com/