Die Woche in Worten (KW3)

Es ist Montag. Montage sind super. Ich weiß, alle Welt schimpft über den Wochenbeginn. Ich nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, ich bekomme Montags mein Energie-Kontingent für die ganze Woche, was dazu führt, dass ich am Auszahltag die Weltherrschaft an mich reißen will. Meine Pläne und Vorhaben sind sehr umfangreich, aber jeden Tag nimmt die Lust, die Motivation und die Kraft ein bisschen ab. Und am Sonntag liege ich wie ein altersschwacher Köter auf dem Boden vor dem Kamin und bin froh, wenn keiner was von mir will. Ich schnaube mich halbwach durch den Tag, unfähig auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Netflix betäubt den Kopf, weil alles weh tut – die bloße Existenz ist mühselig. Und am Montag dann wieder: Hallo Welt. Dann entstehen sogar Blogtexte. Hui. Ich will ja eigentlich immer bloggen. Nein, eigentlich will ich immer schreiben. „A page a day“ lautet der Vorsatz. Das schaffe ich, vielleicht bis Mittwoch. Und dann sind schon wieder so viele Dinge los, dass die guten Vorsätze der Müdigkeit weichen. Will ich zu viel? Vermutlich. Mach ich genug? Nein. Definitiv nicht. Was ist genug, wann ist Viel viel und wann nicht? Keine Ahnung. Was ich weiß: Heute ist Engergie-Auszahltag und ich will dir von meiner letzten Woche erzählen. Ich war beim Mal-Workshop.

Balsam für die Seele

Ich habe mir ein Acryl-Motiv bei Pinterest ausgesucht und zu dem Workshop mitgenommen. Eigentlich würde ich gerne intuitiv malen, einfach drauf los. Aber das funktioniert aus zwei Gründen nicht. Erstens, ich will mich nicht dreckig machen. Das ist so tief verwurzelt und diesem Umstand komme ich auch nicht wirklich bei. Keine Ahnung, ob ich als Kind mal einen Anschiss bekommen habe, weil ich es gewagt habe, als Dreckspatz nach Hause zu kommen… ich erinnere mich nicht an eine solche Begebenheit. Es ist mir zutiefst zuwider mich schmutzig zu machen. Meine Workshop-Leiterin hat mir, aus purer Lust (nein, nicht Verzweiflung, es war Spaß und so habe ich es auch verstanden!) ein Schwämmchen mit Farbe auf meine Schürze gedrückt und wie der Zufall es wollte, habe ich nun ein kleines, buntes Acryl-Herzle auf meiner Malerschürze, genau auf dem Bauch, wie ein Glücksbärchi. 

Und zweitens, wenn ich planlos irgendwas zusammen pansche, kommt am Schluß Dreck heraus. Also die gemischte Farbe sieht dann nach Kotz-Durchfall-Braun aus und das finde ich nicht schön. Ich brauche eine Vorlage, ein bisschen Anleitung, eine Ahnung wohin die Reise gehen soll. Beim Schreiben, zum Beispiel, muss man auch erst das Alphabet lernen, bevor man sich an Wörtern und Sätzen versuchen kann. Ich mag das Spiel mit Farbe. Klare Linien, ein bisschen Struktur muss schon mit rein, Farbverläufe sind toll und wenn ich noch ein paar Wörter im Bild unterbringen kann, macht mich das sehr glücklich. Das Ding soll ja Balsam für die Seele sein. Andere können das: Farbe hin klecksen und dann ein Bild kreieren. Ich schaue mir das unheimlich gerne an. Aber selber machen? Nope. Nun habe ich mein Werk nach Vorlage gestaltet und bin fast zufrieden. Irgendwas fehlt noch, aber mein Bauch weigert sich, mit der Sprache raus zu rücken, was genau. Aber es ist interessant: Da passiert was auf einer Ebene, die ich nicht mit Worten fassen kann. Ich spüre, wenn es passt oder eben nicht. Und das ist ja dann auch intuitives Malen. Ich würde gern mehr auf diese Stimme hören, sie wahrnehmen, verstehen. Wörter, das ist so verkopft. Farben; diese Sprache würde ich gerne beherrschen. Ich bleibe dran. 

BvjA Stammtisch in Tübingen

Dann war ich wieder einmal bei BvjA Stammtisch. Wir treffen uns ein Mal im Monat, das ist sehr lose und doch wieder fix. Ich mag unsere kleine Runde. Wir machen jedes Mal ein Thema aus, alle sind irrsinnig engagiert die Themen vorzubereiten und den anderen etwas zu bieten. Fast wie ein Skript in einer Vorlesung. Wir sprechen über Bücher, was uns begeistert und warum. Und wir sprechen über Schreibthemen. Ich finde das ganz erstaunlich und enorm, wie viel es ausmacht, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein, hitzig und leidenschaftlich seine Meinung zu vertreten ohne dass es in Streit ausartet. Wir sind uns in vielen Dingen einig, aber manchmal auch ganz gegensätzlich. Aber jede*r bekommt die Zeit und den Raum seine Gedanken zu formulieren, darzulegen und zu begründen. Und dann: Selbst wenn wir uns nicht einig werden, in der Sache sind wir alle Autor*Innen mit dem Wunsch gute Texte zu schreiben. Das wie und was kann da völlig auseinander gehen, das macht überhaupt nichts. Ich finde es großartig, wenn wir, jeder mit einem Stapel Bücher vor sich, Beispiele finden, Für und Wider, und uns am Schluß aufs nächste Treffen freuen, weil der Abend wieder zu kurz war. Ich gehe da unheimlich gerne hin. E. meint manchmal zu mir „Du bist zu laut, mit deiner Bühnenstimme“ und es stimmt. Sie lacht dann. Die anderen Gäste im Lokal müssen das dann halt aushalten. 

Pouring

Ich war letztes Jahr mal bei einer ArtNight. Allerdings ist mir die Fahrerei nach Stuttgart lästig. Nun habe ich ein Angebot in Tuttlingen gefunden, mit einem ganz ähnlichen Konzept. Ob es jetzt ArtNight oder KunstNacht heißt, ist mir persönlich egal. Es ist schön, wenn ich mal nicht eine Stunde Auto fahren muss, um was mit Farbe zu machen. Und da das gerade mein Thema ist, experimentiere ich mit der Pouring-Technik herum. Es stimmt eigentlich nicht, aber ich denke von mir selbst, dass ich nicht gut zeichnen kann. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin und genau auf das Thema drauf schaue, dann finde ich ein Zeitproblem und eine große Faulheit dazu. Ich nenne das liebevoll „Faulzeit“.

Ich will viele Dinge machen, aber manche sind wichtiger als andere und am Ende muss man sich entscheiden, was man mit den 24 Stunden, die einem pro Tag zur Verfügung stehen, anstellt. Schlafen muss ich ja auch noch. Das tue ich gern, aber es ist mir oft lästig. Vermutlich hängt das mit dem Energie-Kontingent zusammen. Ich baue mir die ganze Woche ein ordentliches Schlafdefizit auf, wie ein kleines Kind, das Bauklötze aufeinander stapelt. Irgendwann fällt der Turm halt um. Jedenfalls. Ich war mit zwei Freundinnen beim Pouring. 

Ich schaue mir gern Videos auf YouTube an und sehe Leuten dabei zu, wie sie sehr viel Farbe verschwenderisch auf eine Leinwand kippen. Ich bin Schwabe und ganz das Klischee: geizig. Daher sehe ich es mir gern an, bin aber zurückhaltend, wenn es darum geht, das selber zu machen. Auch hier kann ich nicht genau benennen, warum ich gern der Farbe beim fließen zusehe, oder warum ich die dabei entstehenden Zellen schön finde. Kunst ist das ja nicht; Farben zusammen schütten. Ja, die Muster, die Struktur und die Zellen sprechen mich an. Vielleicht ist das schon wieder dieses Mach-dich-nicht-dreckig-Thema. Die Farben fließen ineinander und ergeben etwas, dass ich gern ansehe. Da es anderen Leuten wohl auch so geht, schließlich ist das Internet voll von diesem Trend, muss es tiefenpsychologisch einen Grund dafür geben, er ist mir aber im Moment herzlich egal. 

Hier im Rahmen der KunstNacht, mit der richtigen Anleitung und netter Gesellschaft hat es endlich geklappt. Jetzt muss mein Werk nur noch trocknen. Ich hoffe, es sieht dann immer noch so glänzend aus, wie frisch gegossen. Ich habe überlegt, ob ich meine Farbklecksereien ins Büro hänge. In irgendeinem Buch habe ich gelesen, dass man sich seinen Arbeitsplatz so einrichten soll: Mit Blick auf etwas, dass einen froh macht. Ich teste das. 

Lesung in Marbach

Wir Shorties waren erst in Böblingen, dann eine Woche später in Marbach. Beide Male hatten wir „Volles Haus“ und Leute, die in guter Stimmung bei der Sache waren. Ich weiß gar nicht, ob sich jemand, der im Publikum sitzt, darüber Gedanken macht, wie das auf die Akteure auf der Bühne wirkt. Ich für meinen Teil, denke da kaum darüber nach… aber Anfang Januar besuchte ich ein Programm das sich „Moving Shaddows“ nannte. Also ein Schattentheater. Ich saß da, wie alle anderen auch und freute mich, dass ich alle Gebäude und Wahrzeichen die dargestellt wurden, erkannte. Es gab auch eine kleine Geschichte dazu, ganz ohne Worte – das Erzählen funktioniert ja prima in Bildern. Aber darum geht es mir gar nicht. Da fand eine Steigerung statt, der ganze Saal vibrierte und als die Schauspieler in Afrika ankamen und einen Elefanten darstellten, entlud sich diese Anspannung in einem spontanen Applaus. Ich glaube, das ist das schönste Geschenk, das jemand auf der Bühne bekommen kann. Applaus, der nicht warten kann bis die Szene zu Ende ist, oder bis zur Pause. Diese Begeisterung ist das tollste überhaupt. Und das hatten wir, in Böblingen und auch in Marbach. Musik und neue Texte und ein Publikum, das nicht warten konnte. Großartig. 

Und weil ich wieder so viel mit dem Auto unterwegs war, hatte ich mir zwei Hörbücher von Stephen King ausgeliehen. 

Doctor Sleep / Mr. Mercedes

Er hat mich wieder gekriegt, der gute Mr. King. Das klingt, als wäre das schwer gewesen. Es klingt, als wäre ich davon gerannt und er mir hinterher. Keuchend, mit brennender Lunge. Knapp – und dann: gefasst. Erwischt. Hab ich dich. 

Aber so war das nicht. Vor ein paar Jahren lernte ich Roland, den Revolvermann kennen. (Wer ihn nicht kennt, ach, dem ist nur durch einen Buchgutschein zu helfen.) Jedenfalls. Sieben Bände umfasst die „Der dunkle Turm-Reihe“. Stephen King hat mich damals schon gekriegt und ich musste über 20 Bücher von ihm, hintereinander weg lesen. Dann hörte die Phase einfach auf. Ich wollte noch andere Autoren, andere Autorinnen kennen lernen. Es kann sich ja nicht alles um Roland drehen. Wobei er oft irgendwo im meinem Hinterkopf herum stapft. Ohne es zu merken, hat er mich als Leserin und auch als Schriftstellerin geprägt, damals in meiner Anfangszeit. Nun sind schon ein paar Jahre eins Land gezogen. Neulich war ich in der Bücherei. Dort lachte mich das Hörbuch „Doctor Sleep“ an. Kurz zuvor habe ich den Trailer für den Film gesehen. Zufall? Ich glaube nicht an Zufall. Ich bin mit „Doctor Sleep“ und mit „Mr. Mercedes“ nach Hause gegangen. Beide Hörbücher werden von David Nathan gelesen. Vermutlich ist auch das jetzt eine prägende Zeit, denn David Nathans Stimme hat sich tief in mein Gehör eingebrannt. Ein paar Meiner Gedanken klingen inzwischen wie er. Ich lerne gerade so viel. 

Kennst du das? Wenn etwas passiert, etwas, dass dich verändern wird, aber in dem Moment ist dir noch nicht klar, wie sehr es dich verändern wird. Nur das es so ist, das weißt du sicher. Ich höre also Stephen King zu, wie er ausschweifend seine Geschichte erzählt. Mit Details, die alles so real werden lassen. „The Shining“ kenne ich natürlich. Als Buch und als Film. Doch es ist in meinem Bewusstsein weit nach Hinten gerückt. Nun traf ich Danny Torrence wieder und … meine Güte. Er hat mich wieder gekriegt. Vermutlich muss ich jetzt wieder 20 Bücher hintereinander weg lesen. Oder anhören. Auf meiner Wunschliste ist nun „Der dunkle Turm“ als Hörbuch, diese Reise muss ich auf jeden Fall noch einmal antreten. Aber zurück zur Gegenwart. Wenn man als angehender Schriftsteller etwas über das Schreiben lernen will, dann ist es nicht verkehrt, sich Stephen King als Lehrer auszusuchen. Ich mag wie er seine Details entfaltet. Da ist nichts zu viel oder verschwendet. Alles gehört und passt zusammen. Er ist, meiner Meinung nach, ein Menschenversteher. Die Fehler und Schwächen einer Figur machen den Charakter authentisch, aber auch liebenswert. Nach all den Büchern, die ich von ihm gelesen habe (und es sind laaange noch nicht alle), hatte ich bisher nie den Eindruck, er würde sich wiederholen.   

Ich lerne von David Nathan wie man einen Text spricht. Ich lerne von Stephen King wir man eine Geschichte erzählt. Und bin bestens unterhalten dabei. 

~Caro

PS: Ich kann jetzt nicht versprechen, dass es hier einen wöchentlichen Rückblick gibt. Aber der Wunsch ist da. Mal sehen, wie mein Energie-Kontingent und ich miteinander auskommen. 😉

Die Wahrheit über Harry Quebert

Nachdem ich fest gestellt habe, dass es nur wieder eine neue Variation der Lolita-Geschichte ist, hab ich mir die Mühe gemacht, mal auf die Hörbuch-Hülle zu gucken. Der Unsinn geht 20 Stunden. Und 20 Stunden meiner Lebenszeit ist mir die Wahrheit über Harry nicht wert. Ich habe abgebrochen. 

Unser Start war schon schwierig, die Geschichte hat mehrere Anfänge, der Autor konnte sich wohl nicht entscheide in welchem Jahr und mit welcher Figur er anfängt, also hat er drei oder vier Anfänge wild durcheinander geworfen. Natürlich könnte ich zurück gehen, mir die ersten Kapitel noch mal anhören, aber ich will nicht. Die Dialoge vom Erzähler Marcus mit seiner Mutter oder auch die mit seinem Freund Harry sind so grauenvoll kitschig und konstruiert, teilweise bemüht aber unfreiwillig komisch, das will ich mir nicht noch mal antun.

Alles wiederholt sich – die Gespräche von Marcus und Harry drehen sich ewig darum wie man ein gutes Buch schreibt (ohne zu definieren, was ein gutes Buch ist) und nachdem ich diesen Blödsinn zum dritten Mal angehört gabe, wünschte ich mir sehr, ich hätte ein gutes Buch im CD-Spieler. Meine Güte. 

Die Wahrheit über Harry Quebert lautet; Ich bin nicht in der Zielgruppe. Wir werden keine Freunde. Nach zweieinhalb Stunden habe ich abgebrochen. 

Arbeit und Struktur

2016-06-16 18.02.19

 

 

Neulich stellte Mara das Buch „Arbeit und Struktur“ in ihrem Blog vor und ich bin gleich los geflitzt um das Buch zu kaufen, weil das alles sehr gut klang, was sie da schrieb. Ich muss zu meiner Schande gestehen, das „Tschick“ und alles rund um Wolfgang Herrndorf, also seine Bücher, sein Blog und seine Krankheitsgeschichte zur damaligen Zeit völlig an mir vorbei gegangen sind. Irgendjemand Schlaues hat mal über das Internet gesagt, dass man immer nur das findet, was man sucht. Stöbern, Ungeahntes entdecken geht nicht. Das stimmt, und gleichzeitig auch nicht. In meiner Filterblase und in meiner Welt mit Scheuklappen, habe ich das alles nicht mitbekommen. Aber jetzt hole ich es ja nach.

Jedenfalls. Wolfgang Herrndorf schrieb, an einer Stelle, dass dieses Tagebuch, dass er da führt, für seine nächsten Angehörigen eine Zumutung sein muss. Ich dachte im ersten Moment, ja, so ist das wohl, fragte mich aber gleich: Wie wäre es, wenn jemand, der mir Nahe steht, einen Hirntumor hätte? Oder ich selbst? Wie viele Menschen kennt man denn wirklich? Ich meine wirklich, mit allen Ecken und Kanten, alle verborgenen Winkel und dunklen Flecken. Gerade heute, mit unzähligen Filtern, stellen wir uns so gut dar wie möglich, die unschönen Sachen werden wegretuschiert. Ich brauche nur eine Hand um abzuzählen, wie viele Menschen ich in all ihren Facetten kenne. Ich würde all das, was WH da geschrieben hat, wissen wollen, auch wenn es hart und schwer zu ertragen ist. Und so dachte ich beim lesen:

  • Wie gut gehts mir eigentlich? Caro, lass das Jammern sein.
  • Ich muss genauer hinsehen. Überall, alles um mich herum.
  • Ich will schreiben. Vielleicht nicht derart manisch. Aber nicht mehr so faul und zeitverschwenderisch wie jetzt. Wer weiß wie viel Zeit ich (noch) habe?
  • Es ist krass wie genau er sich selbst beobachtet, schonungslos beschreibt was mit ihm passiert, wie es ihm damit ergeht. So wenig Selbstmitleid, so viel Arbeitswut. Er hätte sich auch zusammen rollen und das elendige Ende abwarten können.
  • Ich würde gern, nur einen Tag lang, so viele kluge Dinge denken wie er. 

Ich bin tief beeindruckt davon, wie er sich selbst reflektiert, immer wieder hinterfragt, mit gnadenloser Präzision hinschaut, als wär er ein Kind mit einer Lupe und sein Leben ein kleiner Käfer im Einmachglas. Er schüttelt das Glas nicht, er zermanscht den Käfern nicht. (Noch nicht) Er schaut mit klarem Blick, neugierig, er urteilt auch nicht, stopft sein Tun nicht in Schubladen „Gut“ oder „Schlecht“ oder „Sonstiges“. Er handelt noch etwas Zeit aus und arbeitet. Dieser Käfer, das ist sein Eigentum, darüber will er die Kontrolle behalten, er will entscheiden, wie es mit ihm zu Ende geht.

Ich mag nicht über das Buch urteilen. Auch nicht über seinen letzten Schritt. Üblicherweise lese ich fiktive Geschichten über fiktive Menschen, denen fiktive Dinge passieren. Aber hier ist das anders. Ich habe bewusst wahr genommen; Der Mann ist tot, ich lese sein Vermächtnis. Ich weiß vorher schon wie die Geschichte ausgeht, ich lese „Wolfgang Herrndorf und wie er den Tod kommen sieht“. Darf ich das gut, darf ich das großartig finden? Ist das nicht merkwürdig, wenn ich begeistert Freunden erzähle, das beste Buch seit Jahren gelesen zu haben?

Weil, hier kommen drei fundamentale Dinge zusammen.

  1. WH hat einen Hirntumor.
  2. WH hat die Worte, die Mittel auszudrücken, was ihm passiert.
  3. WH teilt sich mit. Allen, die es lesen wollen. Schonungslos. Ehrlich. Klug.

Ich kann verstehen, dass er seine Tagebücher vernichtet hat. (Würde ich auch tun). Ich kann seine Arbeitswut verstehen; Dinge beenden. Irgendwas beenden, hinterlassen. Nicht untätig herum sitzen. Und dann: In einem Pinguin-Kostüm in der Klapse auftauchen, erscheint mir sehr vernünftig, normal. Wie soll man sich da sonst anmelden?

Himmel, wer bin ich, das zu beurteilen? Ich folge ihm in sein Ende, weniger ängstlich, denn neugierig. Er fragt ja selber: Warum nicht hingucken? Er erlaubt mir den Blick. Und ich bin dankbar, so nah, so intensiv schauen zu dürfen, erfahren zu dürfen wie das ist – ohne selber krank zu sein.

Es gibt Bücher, die ich alle paar Jahre wieder lese. Um meinen Eindruck zu prüfen – ich werde älter, ändere mich, der Blickwinkel auf die Welt verändert sich auch und ich frage mich: Was macht ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, fünf Jahre, zehn Jahre später mit mir? Ich kann sagen, dass ich große Geschichten immer wieder neu erlebe, neu verstehe, anders verstehe, mit den Jahren. Dieses Buch gehört jetzt dazu. Ich bin gespannt darauf diesen Blickwinkel, diese Art die Dinge anzupacken in meinen 40ern, in meinen 50ern noch einmal zu lesen. Es gibt noch viel zu entdecken.

Als nächstes lese ich „Tschick“.

Klosterbräu – Silke Porath

Ich finde das Buch mehr witzig den spannend. Das stört mich allerdings nicht, ich lese nur wenige Krimis, und mag es nicht besonders, wenn man vor Aufregung mit klopfendem Herzen da sitzt und meint, sein Lieblingsermittler geht gleich Hops. Wer sowas möchte, ist hier ganz falsch und wird mit dem Buch wenig Freude haben. Hier gibt es keine Grausamkeiten oder viel Blutvergießen. In der schwäbischen Pampa geht es gemächlich zu. Beim Morden, wie beim Ermitteln.

Ich kann mit der gemächlicheren Form, hier, sehr viel mehr anfangen. Ich mag die Figuren, allen Voran Pater Pius und seine naive & liebenswürdige Art. Ich mag die Details, das Menschliche. Da wird noch vor dem Zahnarzt-Termin gebetet, da hat der Fischkopf „Männerschnupfen“, und da wird geschwäbelt. Es ist herrlich. Silke Porath schaut den Leuten aufs Maul, und ich finde es sehr amüsant und unterhaltend, das zu lesen.

Kurzbeschreibung

„Und jetzt ein kühles Spöttinger Bräu!“ Die Leute lieben das Spaichinger Bier, den Inhaber der Brauerei aber offensichtlich nicht: Er wird erwürgt. Mitten in der Klosterkirche. Pater Pius detektivischer Verstand arbeitet auf Hochtouren und als Kommissarin Verena Hälble einen Undercover-Mann braucht, schickt sie kurzerhand den Ordensmann nach Berlin. Und der gerät mitten hinein in einen Strudel aus Bier, Bonzentum und bitteren Wahrheiten.

Peter Pan – J. M. Barrie

Mit Peter Pan habe ich das zweite Buch meiner Weihnachtslektüre abgeschlossen. Leider war ich erkältet und das Lesen mühselig, daher kam ich nicht so schnell mit dem Buch voran, wie ich eigentlich wollte. Da habe ich eine große Klappe, ich will ein dickes Buch für den Weihnachtsurlaub, und dann bin ich ausgeknockt und komme gar nicht dazu 🙂

Das dritte Buch; „Ein unendlicher Spaß“, habe ich auch schändlich vernachlässigt. Bis ich dazu komme, darüber zu schreiben, wird wohl noch so einiges Wasser dem Fluss hinabfließen.

Zurück zu Peter.

Ich habe das Buch das erste Mal mit sieben Jahren gelesen, zwischenzeitlich noch ein oder zwei Mal, und nun muss ich zugeben, obwohl mich das Buch als Kind so beeindruckt hat, und ich es zu meinen Lieblingsbüchern zähle, konnte ich mich nun, mit 29 nicht mehr daran erinnern, das da Indianer vorkamen, und das die Meerjungfrauen so gemein sind. Ich weiß aber noch, dass mir die Vorstellung, das Nimmerland würde genau so aussehen wie ich es mir vorstelle, sehr gefiel. Ich freute mich imens, dass jedes Kind, Wendy, John und Michael, genau das vorfanden, was sie nachts über des Nimmerland erträumt hatten.

Es gibt aber noch mehr Dinge, die ich damals und heute schön fand.

Zum Beispiel den Umstand, dass J. M. Barrie direkt aus dem Buch zu sprechen scheint; Er spricht den kindlichen Leser an und es kommt mir so vor, als würde er auf meiner Bettkante sitzen und mir gerade jetzt diese Geschichte erzählen. Der Ton des Buches ist unglaublich herzlich, die Geschichte sehr einfallsreich. Als Kind wollte ich ein Kindermädchen wie Nana haben, auf meinem Bett rum springen und fliegen. Heute hätte ich gern ein Kindermädchen wie Nana für meine zukünftigen Kinder, ich springe auf dem Bett rum und will immer noch fliegen.

Klar, mein Eindruck dieses Buches ist heute ein ganz anderer. Ich will euch das Buch also nicht einfach bloß empfehlen (falls es da draußen wirklich noch Leute gibt, die das Buch nicht kennen!) sondern euch auch anstiften, es in ein paar Jahren nochmals zu lesen. Mit jedem Mal entdeckt man mehr und anderes, was einem in einer anderen Lebenssituation nicht aufgefallen ist. Am besten: Lest es euren Kindern vor. 🙂

Fünf Sterne.

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Peter Pan [Gebundene Ausgabe]

James Matthew Barrie (Autor), Hans G. Schellenberger (Illustrator)

Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 228 Seiten
  • Verlag: Arena (2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3401065734
  • ISBN-13: 978-3401065731
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 8 – 10 Jahre

Kurzbeschreibung

Es geschah in einer Freitagnacht. Wendy und ihre Brüder John und Michael sind allein zu Hause. Da taucht Peter Pan auf. Er ist ein kleiner Junge, der nicht erwachsen werden will und auch nicht erwachsen wird. er kann die wunderlichsten Dinge, zum Beispiel fliegen. Peter Pan nimmt die Kinder mit in das Niemandsland. Hier treibt der gefährliche Käptn Hook und Tiger Lilly mit ihren Rothäuten ihr Unwesen. Und dann gibt es noch die Fee Tinker Bell. Sie ist eifersüchtig auf Wendy und bringt sie in große Gefahr. Obwohl doch die ‚verlorenen Jungen‘ sehnsüchtig auf Wendy warten.

Über den Autor

James Matthew Barrie, geboren 1860 in Kirriemuir / Schottland schrieb Erzählungen über seine schottischen Heimat und Theaterstücke. Barrie besuchte die Dumfries Academy und machte 1882 seinen Abschluss als Master of Arts an der Universität Edinburgh. Anschließend arbeitete er als Journalist für das Nottingham Journal und ab 1885 als freier Schriftsteller in London. Seine Ehe mit der Schauspielerin Mary Ansell endete kinderlos in einer Scheidung. 1913 wurde Barrie der Titel Baronet verliehen. Er starb 1937 in London.