Der alte König in seinem Exil – Arno Geiger

Das Buch hat mich tief berührt.

Um Arno Geiger schleiche ich nun schon eine Weile, und bereue nun, nicht eher eins seiner Bücher gekauft zu haben. Erst hörte ich ein Podcast-Interview, und dachte noch: So ein feiner Mensch, wie der sich ausdrückt! Dann sah ich einen Fernsehbericht, in dem das Buch „Der alte König in seinem Exil“ vorgestellt wurde. Ich hab es sofort bestellt, noch am selben Abend. Warum? Weil ich auch einen Alzheimer-Fall in der Familie hatte!? Nein, ich glaube daran lag es nicht mal. Mir gefiel die Formulierung in dem Fernsehbericht, in der Arno Geiger sagte, wenn der Vater nicht mehr in seine Welt könne, müsse er eben zu ihm. Das hat mich neugierig gemacht. Wie geht man über die Brücke zu einem Menschen, der nicht mal mehr weiß, was eine Brücke ist? Was bleibt denn übrig?

Ich habe das Buch am Stück gelesen, das geht mit Leichtigkeit. Trotz des ernsten Themas sprüht der Text vor Leichtigkeit, vor Lebensfreude. Arno Geiger, als Sohn, ist ein exakter Beobachter, und schreibt hier eine Liebeserklärung an den Vater, an das Leben an sich. Trotz des Verlusts, den er erlebt, Tag für Tag beobachtet, freut er sich an kleinen Dingen, an der kleinen Welt, die dem Vater bleibt. Ich glaube, da gehört viel Mut und Stärke dazu, in dieser Situation nicht zu verzweifeln, mit Zorn zu reagieren. Ich habe das Buch mit Freude gelesen, und nehme die Hoffnung, die der Text spendet, fast greifbar, mit.

Alles über Sally – Arno Geiger

Ich mag Sally.

Sie ist so herrlich unvollkommen, hat Kanten und Ecken und ist dabei doch irgendwie rund. Wäre sie eine reale Person, ich würde sie sehr mögen, wäre gern mit ihr befreundet und würde ihr dann sagen, dass sie eine egoistische Kuh ist. Ich würde sie fragen, wer sie glaubt zu sein.

Sally weiß genau wer sie ist, über so eine Frage würde sie nur mit den Schultern zucken. Aber das ist mir egal. Ich würde gern mit ihr streiten und diskutieren und sie fragen, was sie denkt.

Ich mag die Bücher von Arno Geiger.

Ich bin über Umwege auf ihn gestoßen. Erst hörte ich im Literaturcafe ein Interview, dann sah ich ein Portrait im Fernsehen, dann las ich „Der König in seinem Exil“. Und Sally? Als ich nach Arno Geiger suchte, war sie das erste Suchergebnis. So kam sie zu mir.

Alles über Sally.

Die Geschichte ist nicht neu. Zwei Menschen verlieben sich, heiraten, kriegen Kinder. Daran ist nichts spannendes, nichts Aufregendes. Schon eine Million Mal vorgekommen. Und öfter. Es ist Arno Geigers Blickwinkel, seine exakte Beobachtung, seine Sprachgewalt, die dieses Buch zu etwas besonderem machen. Über auktoriale Erzähler stolpere ich nicht mehr oft, in letzter Zeit. Ist diese Erzählweise out? Keine Ahnung, ist auch unwichtig. Arno Geiger erzählt Sallys Geschichte, lässt den Leser aber an allen Figuren und ihren Sorgen und Nöten teilhaben, als wäre man mit allen irgendwie befreundet, als säße man in der Küche dabei, und hörte zu.

Sally und ihr Mann kommen aus dem Urlaub, in ihr Haus wurde eingebrochen, alles ist verwüstet. Nicht nur das Haus ist durcheinander geraten, auch ihre Gefühlswelt, ihre Ehe, ihr Leben. Die Kinder sind groß, die Ehe alt und schal, die Aufregung ist schon so lange dem Alltag gewichen, das beide kaum noch wissen, wie es am Anfang war. Jeder geht seiner Wege, und versucht die Stücke die zu Bruch gegangen sind, wieder zusammen zu setzen. Manches ist unwiederbringlich verloren, nichts von Wert, aber unersetzbar. Und dann nähern sie sich wieder an.

Ein einziges Kapitel fällt aus der gesamten Erzählweise, ein einziges Kapitel bringt die Geschichte, den Leser durcheinander, wie ein Einbruch ins eigene Haus.

Trotzdem oder deswegen ein grandioses Buch!

Books to go #2

Fertig. Gelesen.

Gleich vorweg; Ich dachte bei einem Books to go Büchlein handelt es sich um EINE Kurzgeschichte. Mitten im lesen fiel mir aber auf, es sind mehrere Kurzgeschichten in einem Band. Ich find es ein bisschen schade, ich dachte das Format wäre etwas zwischen der klassischen Kurzgeschichte und einer Novelle. Is es aber nich.

Ich fing mir Charles Bukowski an. Von dem hab ich noch nie was gelesen, ja ich weiß; Asche auf mein Haupt. Ich wusste also nicht, was mich erwartet. Ich bekam vier Geschichten für meine Geld, ob die jetzt zusammen hängen, ist für mich nicht ersichtlich. Ich mag seine Schreibe, also WIE die Geschichten erzählt sind, aber die Figuren; na ja. Immer diese verzweifelten, gescheiterten Randexistenzen.

Arno Geiger ist da schon eher mein Fall. In dem Band sind zwei Kurzgeschichten. Die erste, Im Regen, war der Hammer. Einmal sprachlich, der Mann beschreibt nicht einfach die Befindlichkeiten seiner Figuren, er erzeugt sie. Bisher habe ich zwei Bücher von Arno Geiger gelesen und kann ihn jederzeit, ohne Vorbehalte, weiterempfehlen. Dann inhaltlich: Da bin ich wieder beim Thema „erzeugen“. Die Hauptfigur, Manuela, wurde von ihrem Mann Gerhard nach 16 Jahren Ehe verlassen. Man folgt als Leser erst ihr, wie sie mit der Situation umgeht, dann ihm, wie er meint, sie würde in Schwäche und Sehnsucht nach ihm vergehen. Teilweise war das Geschehen so real für mich, dass ich Gerhard anbrüllen wollte, wie ein Kind im Kasperletheater, das den bösen Wolf kommen sieht. Und zum Schluss war ich dann doch noch überrascht.

Daumen nach oben.