Heute schon geschrieben #5

Heute schon geschrieben? Band 5

Dialoge schreiben

Ich habe vor einigen Jahren die Weltbild-Reihe „Heute schon geschrieben?“ abonniert und sehr gerne mit den Büchern gearbeitet. Kann man auch in meinem Blog nachlesen. Leider war nach dem vierten Band Schluß mit der Printausgabe. Aktuell versuche ich wieder ins Schreiben hinein zu finden. (Neues Manuskript, get shorties Lesebühne) Corona hat mich, was das angeht völlig verstummen lassen. (Aus Gründen.) Solche Phasen habe ich hin und wieder mal. Wenn ein Buch fertig geschrieben und veröffentlicht ist, habe ich diese Schwierigkeiten schon mal, und dann nehme ich einen Schreibratgeber samt Übungen her und schreibe mich wieder frei. Mit neuen Aufgaben zu neuen Herausforderungen, das klappt (fast) jedes Mal. Hier liegen noch vier oder fünf Schreibratgeber herum, aber ich erinnerte mich plötzlich an die Reihe von damals. 10 Bände hat die. Und ich besitze nur vier. Richtige Buchliebhaber verstehen mich: Ich habe die Reihe noch nicht voll. Wie sieht das denn bitte aus, im Regal? 

Nun habe ich die anderen Bände als eBooks entdeckt und beschlossen: Ich mache damit weiter. 

Jedenfalls. Heute lautet die Antwort „Ja.“

Übersicht:

tbt – Im Aufzug

#ThrowbackThursday

Carolin Header

Kurzgeschichte/Schreibübung

Richard vermied es Aufzug zu fahren. Wenn er nicht gerade in den 26. Stock eines Gebäudes musste, nahm er die Treppe. Heute musste er Aufzug fahren, es gab keine Treppe. Jedenfalls keine öffentliche, für Touristen. Die Werbung pries an, dass der Aufzug sie in 30 Sekunden in schwindelnde Höhen befördern würde, und da Marie ihn um dieses Date gebeten hatte, bestimmte auch sie wo es hingehen sollte: Romantisches Essen auf dem Fernsehturm, in einem Restaurant, das sich einmal um sich selbst drehte pro Stunde. Ihm war jetzt schon schlecht. Kneifen ging nicht. Er mochte sie, und würde, als Feigling, nie zu einem zweiten Date kommen.

Die Türen schlossen sich. Die matt-versilberten Wände und Türen wirkten auf Richard wie ein Spiegelkabinett-Gefängnis. Sein Vater hatte ihn als Kind auf einen Jahrmarkt mitgenommen und ihn durch das Spiegellabyrinth geschleift.

„Guck mal hier – und hier – und dort!“, hatte sein Vater gerufen und ihre verzerrten Spiegelbilder bewundert. Sie waren groß und klein, dick und dünn, alles urkomisch.

Im selben Jahr war sein Vater verschwunden.

Richard stand im Aufzug, neben ihm plapperte Marie etwas von der tollen Aussicht, ganz oben, und Richard hörte die Kettenkarussell-Melodie dudeln, roch verbranntes Popcorn und Zuckerwatte. Er fühlte die schweißnasse Hand des Vaters in seiner, dabei steckten seine Hände im hier und jetzt in seinen Hosentaschen. Sein Rücken war verspannt, als würde er einen Schlag in den Nacken erwarten. Die Augen hatte er fest geschlossen.

Marie berührte seinen Arm. „Alles ok?“, fragte sie leise. Sie hatte aufgehört zu plappern.

„Jaja“, presste er hervor. Da hielt der Aufzug, ruckelte sie beide durch, einem Erdbeben nicht unähnlich. Richard hatte mal eins erlebt, im Süden, im Urlaub.

Die Türen blieben geschlossen. Er öffnete seine Augen, starrte sich selbst ins Gesicht, und griff mit der linken Hand nach Marie, fest, als befürchtete er, sie würde sich augenblicklich in Luft auflösen.

„Du magst keine Aufzüge“, stellte sie nüchtern fest. Sie drückte den Tür-öffnen-Knopf.

Nichts passierte. Sie drückte auf die Klingel, gleich daneben.

„Weißt du, das ist völlig unnötig sich hier Sorgen zu machen.“ Sie fand ihn süß, wie er da so angstvoll stand. So fühlen sich wohl Männer, wenn ein vermeintlich hilfloses Ding ihren Beschützerinstinkt weckt. Interessant, dachte sie und drückte die Klingel erneut.

„Aufzüge können gar nicht abstürzen, falls dir das Sorgen macht.“

Machte es nicht. Sein Alptraum bestand aus Spiegeln und Irrwegen und nie-mehr-heraus-finden. Verloren gehen. Dennoch nickte er. „M-hm.“

„Wir warten einfach, bis uns jemand findet“, sagte sie. Richard brach der Schweiß aus, er schloss die Augen und hielt die Luft an. Ich geh´ hier drin verloren, dachte er, verhungere, verdurste, sterbe, ungesehen. Wir stinken vor uns hin. Touristen und Angestellte benutzen die inoffizielle Treppe und sie beide hier drinnen werden vergessen. Die anderen Menschen vergessen, dass der Aufzug überhaupt existiert; dieses Paralleluniversum, aus dem sie nicht mehr entkommen können.

Marie drückte die Klingel, unaufgeregt und routiniert. Sie machte sich überhaupt keine Sorgen, so als wäre ihr das schon tausend mal passiert.

„Moment“, knisterte eine Männerstimme aus der Gegensprechanlage, „die Tür klemmt. Wir holen Sie da gleich heraus.“

Marie grinste. Siehste!, sagte ihr Blick.

Richard sah es nicht. Sein Gesicht war eine schmerzverzerrte Grimasse. Marie stellte sich direkt vor ihn, ohne seine Hand los zu lassen, ihre Gesichter waren nah beieinander. Wäre das ein romantischer Augenblick, sie würden den typischen Nasentanz vor dem ersten Kuss aufführen. Es war nicht romantisch.

„Du magst Aufzüge wirklich nicht.“

Richard schüttelte fast unmerklich den Kopf.

„Sie mich an“, flüsterte sie. Er öffnete die Augen, und statt sich selbst sah er ihr Gesicht, wie eine Rettungsboje auf offenem Meer.

„Alles ok“, sagte sie. Keine Frage, eine Feststellung.

„Ok“, sagte er. Der Aufzug ruckelte, einem Erdbeben nicht unähnlich, und die Türen öffneten sich wie die Tore einer Schleuse. Sie hatten den Höhenunterschied gemeistert.

„Alles klar – Guten Appetit“, wünschte die knisternde Männerstimme.

tbt – Auf dem Dachboden

#ThrowbackThursday

Kurzgeschichte von Carolin Hafen

Ich war auf dem Dachboden. Wenn ich meinen Freunden erzähle, „Ich war auf dem Dachboden“, dann meinen sie immer, ich sei in einem staubflirrenden Albtraum, in dem man nicht aufrecht stehen kann und sich jeden Meter an einer Kiste anstößt. Ich habe ein Talent dafür mich überall zu stoßen, den Zeh am Bettpfosten, die Wade am Couchtisch, den Ellenbogen am Türgriff, den Kopf an Dachschrägen. Sehr gerne klemme ich mir den Finger ein, zwischen Tischplatte und Armlehne meines Schreibtischstuhls. Nicht so auf diesem Dachboden. Meine Oma hat hier gewohnt. Obwohl sie eine komplett eingerichtete Wohnung hier oben hatte, als sie noch lebte, sagte bis zum Schluss „mein kleiner Dachboden“, als würde sich in dem Ausdruck ein magischer Schatz verbergen. Meine Oma glaubte an Magie – sie war auch sonst nicht wie andere Omas. Zumindest nicht wie die Omas meiner Freundinnen.

Sie hatte schlohweißes schulterlanges Haar. Weil ihr das aber zu langweilig war und sie keine von den lila gefärbten Dinosauriern sein wollte, ging sie alle 6 Wochen zum Frisör und ließ sich exakt eine Strähne grün färben. Grün war nämlich ihre Lieblingsfarbe. Weil sie die Farbe Grün so gerne mochte, hatte sie auch kein normales Haustier. Keine Katze, keinen Hund, keinen Wellensittich, keinen Hamster.

Sie hatte eine Landschildkröte namens Berti. Berti war sehr klein, musikalisch und verschmust. Vermutet man jetzt nicht unbedingt , wenn man ihn so sieht. Wenn meine Oma das Radio einschaltete, wurde Berti plötzlich hektisch. Er stemmte seine vier „Stampferfüßle“ gegen den Boden, hob seinen Panzer an und watschelte los. Aufs Radio zu. Das Radio stand im Wohnzimmer auf dem Boden und Berti durfte sich in der Wohnung meiner Oma frei bewegen. Meine Oma hatte keinen Garten und sie wollte nicht, das Berti dick wurde, wenn er nur in seinem Terrarium herum marschierte.

„Wir lassen ihn ein bisschen rennen“, sagte meine Oma zu mir, wenn ich sie besuchen kam. Dann musste ich das Schild „Berti hat frei“ an die Türklinke zum Wohnzimmer hängen, damit auch kein Besuch unachtsam war und versehentlich auf ihn trat.

Es war nicht ungewöhnlich, dass meine Oma aus heiterem Himmel schrie: „Vorsicht, Berti kommt!“

Das Radio stand nämlich deshalb auf dem Boden, damit Berti – wenn ihm die Musik nicht zusagte, mit dem Kopf gegen den Sendersuchlaufknopf stupsen konnte. Meine Oma war der festen Überzeugung, er würde das ganz bewusst machen und er hätte einen sehr ausgewählten Geschmack was Klassik anging. Ich fand, dass meine Oma spinnt, weil Berti auch gern gegen Wände und Möbel lief, und wild mit dem Kopf anstupste, was ihm gerade im Weg war.

Meine Oma hatte eine Schuhschachtel mit Knöpfen darin. Sie liebte diese Knöpfe und verbrachte Stunden damit sie in den Fingern hin und her gleiten zu lassen. Sie hatte auch einige Zaubertricks drauf und holte noch Knöpfe aus meinem Ohr, als ich schon weit über zwanzig war. Ich tat überrascht und sie freute sich. Irgendwann machten die Hände nicht mehr mit. Von da an übernahm Berti das Knöpfe-spielen. Er schob sie mit dem Kopf über den Teppichboden und Oma tat überrascht, wenn sie einen zu ihren Füßen fand, während sie fern sah, und das musste an Zauberei genügen.

Meine Oma ist gestorben. Berti lebt nun bei mir.

Ich war bei einem Antiquitätenhändler – eigentlich um ein paar Dinge zu verkaufen. Ich habe die Schachtel mit den Knöpfen und das alte Radio behalten. Die anderen Möbel, ihre Kleider, viele Bücher, Geschirr und Dinge, die sie selbst nie haben wollte, habe ich weggegeben oder verkauft. In diesem winzigen, vollgestopften Laden fand ich in einer Kiste einen sehr großen Knopf. Der Verkäufer versicherte mir, dass es kein Schildpatt sei, sondern Plastik. Er ist leuchtend weiß, mit einem grünen Farbklecks in der Mitte. Der Knopf stammt von einem Clownskostüm und ist im Durchmesser größer als Berti. Ich habe ihm den Knopf geschenkt. Er liegt da drauf, wenn wir gemeinsam Radio hören. Als Erinnerung muss das reichen.

tbt – Twin Bed Room

#ThrowbackThursday

Short short Story von Carolin Hafen (#Schreibübung)

Bei uns hatte sich diese Routine eingeschlichen, die sich zwangsläufig einschleicht, wenn man lange zusammen ist. Nacktheit ist dann nichts besonderes mehr, und man zieht den Bauch nicht mehr ein, man schämt sich nicht mehr für die schlabbrige Unterhose, da wird gecremt, rasiert, gewaschen, im hellen Neonlicht des Badezimmerspiegels, unaufgeregt.

Und dann bezogen wir dieses winzige Zimmer in diesem winzigen Hotel. Es war spät, wir waren müde, und wir waren es leid zu suchen. Wir waren einander leid, und die lange Fahrt, die Hotelsuche, der eine schimpfte auf den anderen wegen der schlechten Planung, wegen der Reise überhaupt, unnötig war ein häufiges Wort.

Das Zimmer war ein Alptraum. Direkt unter dem Dach, nur in der Mitte konnte man aufrecht stehen. Wir bekamen kein Doppelbett, sondern zwei Einzelbetten, die sich in die Ecken unter den Dachschrägen drückten. Zwei hässliche Nachttische standen direkt nebeneinander, zwischen den beiden Betten, die Badezimmertür ließ sich nicht ganz öffnen, und stieß gegen das Fußende vom linken Bett. Die Eingangstür gegen das rechte. Da standen wir, fassungslos, mit zwei Taschen, und kaum Platz zum atmen. Ich schmiss meine Tasche auf das rechte Bett, wie um mein Revier zu markieren, und drückte mich ins Bad. Die Blase schmerzte schon.

Als ich wieder heraus kam und die Tür lautstark an das Bettgestell knallte, schrak er zusammen. Er lag schon im Bett, unter weißen Laken, wenigstens sauber war es.

Beide Türen geschlossen, stellte ich unsere Taschen wie die beiden Nachttische, keusch neben einander und zog mich aus. Kurz haderte ich mit mir.

Zuhause, da hatten wir Platz, vielleicht zu viel. Wir lasen im Bett, oder krümmelten noch, während der Fernseher lief. Klamotten und Habseligkeiten, an denen man vermeintlich hing, lagen zuhauf herum, das Bett, obwohl es ein Doppelbett war, bot jeweils Platz wie ein Floß auf offenem Meer, jeder für sich. Wir waren Einzelkämpfer geworden.

Hier sollte ich in ein winziges Bett steigen und er schien so weit weg. Dabei hätte ich mich hinlegen und die Hand ausstrecken können – er wäre nicht weiter weg gewesen als daheim im Ehebett.

Er beachtete mich gar nicht, dabei stand ich nur im Slip da. So stieg ich in sein Bett, überrascht öffnete er die Augen. Plötzlich waren wir wieder jung und unerfahren, in diesem winzigen Bett, und mussten Ellenbogen und Knie sortieren. Meine Füße waren kalt und sein Gesicht kratzte, es war vertraut und doch ganz anders. Das Bett quietschte.

Es machte mir nichts aus, dass es quietschte, dass er mich fast platt drückte, dass wir keinen Platz hatten und das, was wir waren, unter weiße Hotellaken quetschen mussten.

Wir küssten uns wie schon lange nicht mehr. Auf dem Boden war genug Platz für unsere Klamotten. In dem Bett war genug Platz für unsere Liebe.

tbt – Radtreff

#Throwbackthursday

Wenn sich circa dreißig erwachsene Menschen in sehr knappen, aber gepolsterten Hosen, hautengen Trikots und Sonnencreme auf der Nase, treffen, dann nennt man so ein Ereignis „Radtreff“. Ich bin, konditionstechnisch, in der Gruppe von Jürgen und Regina gelandet, einem verheiratetem Paar, das schon zweiundzwanzig Jahre auf dem Buckel hat. Ehetechnisch. Wenn man die Ehe mit einer lebenslänglichen Haftstrafe vergleicht, wären beide inzwischen wegen guter Führung entlassen worden.

Er radelt, richtungsweisend, ganz vorne, während sie die Nachhut bildet und so verhindert, dass keiner verloren geht, unterwegs. Falls doch einer schwächelt oder Jürgen ein zu strammes Tempo vorgibt, brüllt sie von hinten:

„Wenn ich ein Mal klingle, fährst du langsamer!“

Er antwortet dann, eloquent wie es nur Männer können:

„Wenn ich zwei Mal klingle, leckst du mich am Arsch“.

Verheiratet zu sein, muss echt toll sein.

Der Rest der Gruppe strampelt, meist schweigend, zwischen den Parteien. Je nachdem, ob die Route ansteigt, oder abfällt, rückt ein Ehegesponst näher an uns heran. Das sieht für Außenstehende dann so aus, als würde sich ein Schäferhund unter seine Herde mischen um einen Plausch abzuhalten. Die Autofahrer hupen uns immer begeistert an, wenn drei Radler nebeneinander herfahren um einer Jürgen-Regina-Geschichte zu lauschen.

Ein Beispiel. Jürgen beschwert sich in Hanglage darüber, dass er kein Nudelsieb beim Kochen benutzen darf. Regina meint, dass müsse nach Gebrauch gespült werden und sei grundsätzlich unnütz. Ein richtiger Mann kann Nudelwasser abgießen ohne Hilfsmittel, sagt Regina. Diese Definition eines richtigen Mannes kannte ich bisher noch nicht, und schlage ihm vor, einen Tennisschläger zu benutzen. Unterstreicht sicher seine Männlichkeit. Hat bei Steffi Graf auch funktioniert.

Man stelle sich die zwei Mal diskutierend im Bett vor. Hui.

Bergab erfahre ich dann von Regina, dass Jürgen beim Crêpes backen zuerst den Schinken und dann den Käse auf den Teig wirft. Sakrileg! Sie meint, jeder Vollidiot würde wissen, dass man das anders herum macht. Auf meinen Einwand (und ja, ich bin ein Klugscheißer!), dass mit Jürgens Methode aber der Schinken nicht trocken werden würde, schaut mich Regina so böse an, dass ich beinahe tot vom Rad falle. War aber nur ein Schachtdeckel, nicht ihre Gedankenmacht.

Neulich sind wir dann noch eingekehrt, nach getanem Sport. Was hat man denn von so einer Leistung, wenn man nicht irgendwo schwitzend und stinkend protzen kann: Seht her, wie Vital ich bin.

Sie legte mir drei eiskalte Finger auf den Oberarm, verschwörerisch, irgendwo zwischen Garderobe und Damentoilette und flüsterte „Das nächste Mal fahr ich nur mit dir alleine“. Mein Schinken-Kommentar muss sie schwer beeindruckt haben.

Er fummelte zum Schluss an seinem Fahrradschloss und sah beschäftigt aus, drehte sich umständlich nach den anderen um, damit ja keiner mitkriegt, dass er zu mir genau dasselbe sagt. Nächstes Mal, nur wir zwei.

Ich fahre inzwischen dienstags mit Jürgen und donnerstags mit Regina. Meine Kondition ist supi, sie sparen sich die Eheberatung und falls du dir Sorgen machst, dass mir mal die Beziehungsgeschichten ausgehen; Niemals! Nicht bei der Quelle.

 

© Text: Carolin Hafen

tbt – Einen dunklen Weg beschreiben

#tbt #throwbackthursday

Einen dunklen Weg beschreiben

Schreibübung. Text von Carolin M. Hafen

Es ist nicht schwer bei Sonnenuntergang zum Grillplatz zu laufen. Man weiß wo was ist, freut sich auf sein Grillwürstle, die Gespräche und sogar auf die albernen Lieder, die später am Lagerfeuer gesungen werden. Erst auf dem Rückweg, nachts wird mir und so manchem meiner Kollegen klar: Es ist finster und der Weg zum Parkplatz zwanzig Minuten weit.

Beim Hinweg ist jedem klar, rechts ist der Wald als große bunte Masse, und links der Rand. Der Randweg, an der Klippe entlang ist durch ein Holzgeländer gesichert, hin und wieder läd eine Holzbank zum Verweilen ein – mit atemberaubendem Ausblick auf unser Städtle. Da und dort wartet ein abgesägter Baumstumpf, in Form eines Stuhls mit Lehne und Plumpsklo-Herzle in der Mitte auf einen müden Wandrer.

Beim Hinweg betrachtet man die Sonne, wie sie ganz kitschig den Horizont küsst und abtaucht für die Nacht. Man sagt, „Oh wie schön, diese Farben“ und hat gar keinen Sinn für die Steine unter den Schuhen, für die Furchen im Weg, ausgespült – auch ganz kitschig – von tausend Himmelstränen die zurück wollen in den Grund. Ach ist das alles idyllisch hier. Man sieht ja alles, jede Stolperfalle, jede Wurzel, die trockenen Blätter, die man durch die Luft kicken kann, als wäre man Ronaldo im Herbstteam. Es ist aber noch gar nicht Herbst, die Blätter rascheln lange nicht so schön wie im Oktober, also lässt man es, und freut sich über den August– der Herbst ist noch weit weg.

Beim Hinweg ist alles schön. Für den Rückweg spart man keine Kraft auf. Wozu? Gesättigt und guter Dinge verlässt man den warmglühenden Schein des Lagerfeuers und stellt fest: Taschenlampe vergessen. Das Feuer wärmt nicht mehr, der Mond hat sich hinter einer Wolke versteckt und grinst hämisch. „Find´ du nur den Weg zurück – ohne mich, Menschlein.“

Die Lichter der Stadt, die Straßenlaternen, die Wohnzimmerlichter, die Autos leuchten so sehr sie können, doch nicht genug, den Berg herauf. Der Kalkstein am Randweg hält alles auf. „Nicht bis hier, kleiner Freund. Neinnein.“ Die Stadt lebt weiter, weit weg, getrennt vom Wald, von diesem Oben, getrennt von der Dunkelheit der Nacht, als stünde eine Glaskuppel wachend über ihr.

Da ist eine Wand aus gelbem Stein, und ich balanciere am obersten Rand, die Dunkelheit zu meiner Linken, wie ein atmendes Monster. Ich spüre den Wald als ein lebendiges Wesen. Die Bäume machen das Dunkel noch dunkler, der Wind in den Wipfeln rauscht wie das Meer, aber nicht beruhigend – ich meine, eine Welle könnte mich über den Rand spülen. Die Furchen im Weg erschweren meinen Heimweg, ich stolpere mehr als ich gehe, fange mich selbst, greife nach dem taunassen Geländer, kalt und spröde ist es unter meinen Fingern. Es hält mich.

Die Kiesel knirschen, springen unter meiner Sohle weg wie ängstliche Hasen. Ich will ihnen gerne folgen. Die Blätter knistern und rascheln wie ein Feuer und laden nicht mehr zum Kicken ein, wer weiß was sich darunter verbirgt? Sie bedecken die Welt, es ist nicht meine, heute Nacht.

Es kommt mir vor als hätte die Nacht Augen, aber nicht der Mann im Mond sieht mir zu wie ich zu meinem Auto eile. Mein Atem ist das einzige Geräusch das ich höre, und mein Herzschlag in meinem Ohr. Vielleicht ist es auch der Puls derer, vor denen ich flüchte? Ich glaube an Bären und Wölfe und Geister der Nacht. Gerne möchte ich mit Gebrüll ins Dunkel laufen – weg vom Rand – und sie fangen, gerne wäre ich dran bei diesem Spiel. Aber es ist nicht meins, heute Nacht. Ich laufe weiter. Ich will ja nicht erwischt werden.

Im Auto atme ich tief durch.

Gewonnen. Diesmal.

Falls du jetzt Lust bekommen hast, diese Übung selbst zu versuchen, dann verlinke mich oder lass mir einen Kommentar da, damit ich deinen Beitrag finde.

Caro

Haul im März

Ich war in der Buchhandlung meines Vertrauens, dann in der örtlichen Bücherei und schließlich noch beim Bücher-Flohmarkt. Und jetzt ist auf dem Foto gar nicht alles drauf, was ich diesen Monat mit nach Hause getragen habe. Drei der Bücher, die auf dem Bild zu sehen sind, habe ich obendrein beim BvjA-Stammtisch in Tübingen getauscht. Wir haben hitzig über Schreibratgeber diskutiert und ich war ganz erstaunt über das, was da zutage kam. Aber der Reihe nach.

Ganz oben, da siehst du einen Roman von Rosamunde Pilcher. Die ist vor kurzem verstorben und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch keinen ihrer Romane gelesen habe. Das will ich jetzt ändern. Ich stand vor einer Kiste mit Pilcher-Liebesromanen. Kisten auf Flohmärkten haben ja sowas von Ramsch. Schade eigentlich, ich habe in solchen Kisten schon manchen Schatz gefunden. Und seit ich selbst einen Liebesroman geschrieben habe, werde ich mit einem interessanten Phänomen konfrontiert. Es ist völlig egal was IN dem Buch drin steht. In meinem oder in den Büchern von anderen Autor*Innen. Menschen haben ihre Meinung zu Qualität und Wertigkeit eines Romans. Am Beispiel von Rosamunde Pilcher: „So ein Kitsch. Aber die Filmaufnahmen sind immer so schön!“

Ich weiß nicht genau woher das kommt. Bei einem Krimi ist die Wertigkeit der Unterhaltung eine andere. Ich persönlich lese/sehe lieber eine nette Geschichte, die mich anrührt, als Mord und Totschlag. Aber das ist Geschmackssache. Chick-Lit. Den Begriff habe ich inzwischen oft gehört. Da steckt viel Wertigkeit drin oder eben nicht drin. Hühner-Literatur. Und dann noch: Ein Buch über Befindlichkeiten.

Ich will den Roman von Rosamunde Pilcher lesen und mir selbst ein Bild machen, damit ich mitreden und mitbewerten kann. Man kommt ja nicht drum rum. 😉

#Kurt von Sarah Kuttner habe ich inzwischen gelesen. Ein Buch über Befindlichkeiten. Diesen Ausdruck las ich irgendwo, in einem Interview oder einer Besprechung, es ist auch egal. Ich habe beschloßen diese Beschreibung völlig neutral anzunehmen. Das Buch selbst habe ich inzwischen gelesen, in einem Rutsch und Dreiviertel davon mit Pipi in den Augen. Meine Befindlichkeiten waren arg mitgenommen, aber die Geschichte, die Leichtigkeit trotz des schweren Themas waren genau das, was ich gebraucht habe. Ganz wunderbar!

Da ich die Polly-and-the-Puffin-Reihe so sehr mag, musste ich jetzt auch mal ein Buch der Autorin kaufen, dass für Erwachsene gedacht ist. Auch eine Liebesgeschichte. Yeah. #JennyColgan

Harry Quebert habe ich abgebrochen, ich bin nicht in der Zielgruppe.

Und die Schreibratgeber habe ich, wie schon gesagt, beim BvjA Stammtisch getauscht. Vier Leute brachten je einen großen Stapel Bücher mit. Ich nicht, ich war faul. Und nur zwei Bücher waren doppelt da. Allein das fand ich erstaunlich. Ich habe erwartet, dass wir nur eine kleine Auswahl haben würden, weil alle die gleiche Lektüre zum Thema Schreiben gekauft hätten. Haben wir aber nicht. Und jeder guckt ganz anders in so ein Buch rein, obwohl wir in der gleichen Zielgruppe sind. Die einen mögen einen Lexikon-Charakter zum nachschlagen, andere ausschweifende, fast literarische Erklärungen. Ich zum Beispiel stehe auf Übungen. Für mich ist das völlig logisch: Wenn ich Klavier lernen will, muss ich jede Woche ein paar Stunden mit üben verbringen. Schach spielen, tanzen, Mathe. Es ist egal. Üben bedeutet lernen. Lernen bedeutet Fehler zu machen. Und ich brauche einen sicheren Ort um Fehler machen zu dürfen. Die anderen waren anderer Meinung. Es klang so, als wäre jeder Text für die Öffentlichkeit geeignet. Schreiben, überarbeiten, veröffentlichen.

Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Texte in meinen Notizbüchern und auf meiner Festplatte sind, die ich nie jemandem gezeigt habe, die nie das Licht der Welt erblickt haben… es ist gut so. Ich bin seit Jahren mit der get shorties Lesebühne unterwegs. Schreibe für jeden Auftritt eine neue Kurzgeschichte. Manchmal passt das auf Anhieb. Andere lese ich, Gags verrecken, und ich überarbeite, zwei oder gar drei Mal, bis es passt. Ich lerne, aber ich scheitere auch vor Publikum. Ich lerne viel. Vielleicht habe ich von den Auftritten mehr als das Publikum.

Aktuell befasse ich mich auch damit das Zeichnen zu lernen. Ich probiere verschiedene Materialen und Motive aus. Aquarell, Acryl, Tusche. Wer auf Anhieb ein Meisterwerk schafft, ist wohl ein Genie. Ich bin keins. Ich muss üben.

Fazit: Ich finde, man müsste die Zeit zum lesen der Bücher, dazu kaufen können.

Stay tuned.

tbt – Kino

Einer der Kinosäle war braun. Wände und Sessel, selbst die Lampen an den Wänden gaben schummrig-braunes Licht ab. Der andere Saal, der kleinere, war rot. Die Sessel im roten Saal waren größer, man hatte richtige Beinfreiheit, es war fast gemütlich dort, wenn man statt den Film zu sehen, rum knutschen wollte. Meine Brüder behaupteten, der rote Saal wäre Abends das Porno-Kino. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, dass es in unserem Kaff Menschen geben sollte, die Abends ins Kino gingen um sich einen Sexfilm anzusehen. Gemeinsam. Wie seltsam.

Meine Eltern gingen selten ins Kino. Meine Mutter mochte Schnulzen und mein Vater schnarchte laut, sobald er eingeschlafen war, so blieben sie zuhause. Meine Mutter sah fern, der Vater schlief auf dem Sofa, sie stellte den Ton lauter. So ging das schon.

Mein Vater gab mir Sonntags immer ein Fünf-Mark-Stück. Das war ein großes Stück Geld, schwer in der Hand. Mit zwei davon konnte man auf dem Rummel noch viel erleben, mit einem, am Sonntagmittag einen Film schauen.  Er legte mir dieses Stück Freiheit immer feierlich auf den Handteller, genau in die Mitte, zwinkerte mir zu und sagte: Viel Spaß.

Ich brauchte kein Popcorn, keine Fanta, kein Eis. Nur mein Fahrrad und fünf Mark. Und dann klackte ich der alten Frau hinter der Scheibe mein Geld auf den Tisch. Sie kannte mich, ich sah sie nie lächeln.

Die alten Schaukästen gibt es noch, in denen die Filmposter angepinnt waren. Den Schriftzug über den Schautafeln gibt es auch noch, Rex und Roxy, aber sie leuchten schon viele Jahre nicht mehr, wenn es Dunkel wird. Ich habe gesehen, wie die Besitzer die Bespannung von den Wänden gerissen und die alten Kinosessel zum Sperrmüll an die Straße gestellt haben. Die beiden Räume sind nun Lagerhallen, ganz gewöhnlich. Ich traute mich nicht, einen der Sessel zu nehmen – was hätte ich auch anfangen sollen, mit einem alten rot-abgewetzen Porno-Sessel, der seine besten Tage schon hinter sich hatte, als ich noch ein Kind war.

Ich wünschte, ich hätte ein einziges Fünf-Mark-Stück behalten, nur wegen dem Geräusch, dass es auf einer Tischplatte macht.

Schreibbuden-Nachlese

Schreibbude Collage von Regine
© Foto: Regine Bott

Am Samstag waren wir wieder im Schreibbuden-Einsazt, direkt vor der Stadtbibliothek Stuttgart. Mit dabei waren Regine Bott, Dorothea Böhme, Rainer Bauck und ich. Bei Facebook fragte jemand, warum wir auf Schreibmaschinen schreiben, statt Laptop und iPad zu nutzen. Von dem Aufwand die Texte dann auszudrucken oder gar per Mail zu verschicken (OGottogott DSGVO!!) fange ich jetzt gar nicht an. Meine Antwort lautete:

Weil wir es können.
Es geht darum, das Handwerk sichtbar zu machen. Raus aus dem Elfenbeinturm rein in die Menge. Ohne TippEx, ohne Durchschlag, ohne Copy & Paste. Jeder Text ist einzigartig.

Autorenwahnsinn – Sommer Edition – Tag 31

Tag 31: Wie geht es weiter? Was sind deine Schreibziele für den Rest des Jahres?

 

Pläne. Das ist ja eine putzige Sache. Erzähl dem Universum, was du vorhast, und es wir dir einen Strich durch die Rechnung machen. Ich bin ein Listen-Mensch, das bedeutet, ich schreibe in allen Lebenslagen auf, was ich wann tun möchte, oder getan habe, oder niemalsnicht tun will. Ich hab sogar eine Liste, die all meine Listen beinhaltet, Konsequenz ist mir wichtig. Das Problem ist, dass ich mir immer mehr auflade, als ich leisten kann. Oder will. Wie so ein dummes Kamel, dass vor lauter Last nicht los laufen kann, und einfach erschöpft in der Wüste liegen bleibt, was soll der Terz, hier ist es doch hübsch… Muss das alles, wirklich!?

Erschwerend kommt hinzu, dass ich wahnsinnig phlegmatisch bin, und den lieben langen Tag nur auf der Nase liegen möchte… wenn da nicht dauernd jemand was von mir wollen würde. Ich befinde mich gerade in einem Prozess, der ist noch nicht abgeschlossen. Meine To-Do-Liste ist lang und umfangreich, aber am Ende der Kraft ist noch so viel Tag übrig. Menno.

Also muss ich Abstriche machen: Das wichtige Zeug: Ja. Das unwichtige Zeug: Nö.

Die Kunst ist, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ich neige dazu, mir die To-Do-Liste picke packe voll zu laden, und dann die leichten, unwichtigen Dinge zuerst zu erledigen, um dann theatralisch zu sagen: „Ich hab ja gar keine Zeit für die wichtigen Dinge, ich armes Ding. Tja, dann bleibt´s halt unerledigt.“

Selbstmitleid, auch so eine putzige Sache. Eins meiner vielen Talente. 😉

Ich möchte also, für den Rest des Jahres, den unwichtigen Kram beiseite legen, nur Sachen machen, auf die ich wirklich Bock habe, und die ich auch schaffen kann. Das bedeutet: Realistische Ziele setzten. Das übe ich derweil. Ich sage dir am Ende des Jahres, wie es gelaufen ist.

 

Der Masterplan:

  1. Realistisches Ziel setzten (ProjektLondon)
  2. Unwichtiges sein lassen (zu viel Internet/Ablenkung/Zeitfresser/Offline Scheißdreck, den ich nicht weiter ausführe)
  3. Dinge tun, die gut für mich sind. (Was ist gut? – ernstes Gespräch mit  Schwester Innerlich!)
  4. — Jetzt lass gut sein, das ist genug.
  5. Huch. Gewohnheit, sorry.

~Caro

 

.

.

.

 

Masterplan 2:

  • Alle Listen abarbeiten
  • Literarische Weltherrschaft an mich reißen (Muhahahahah)
  • Opus Magnum schreiben (ich vermute, damit werde ich nicht reich, schade.)
  • Im Lotto gewinnen
  • Haus am Meer kaufen
  • In Rente gehen
  • 25 Tage andauerndes Nickerchen machen
  • Kuchen essen (Viel. Marmorkuchen oder Marzipan-Kirsch)
  • Diät.  Nö. Es gibt Särge in Übergröße.

 

Marzipan-Kirsch-Torte