Das Damengambit

Walter Tevis – Das Damengambit

Ich hab die Serie auf Netflix gesehen und nun das Buch auf Deutsch gelesen. Ich kann das gut, Geschichten in allen Formen genießen, auch doppelt und dreifach. Als Buch und Hörbuch und dazu dann Film bzw. Serie. Gut, ich maule auch regelmäßig den Fernseher an: „Das war im Buch aber ganz anders!“ Aber das gehört zur Performance dazu, sonst weiß doch keiner, dass man ein Klugscheißer ist. 😉

Jedenfalls.

Beth Harmon kommt, nach dem Tod ihrer Mutter ins Waisenhaus. Dort werden die Kinder mit Beruhigungspillen vollgestopft. Nicht auszudenken, die Kinder würden in ihrem elternlosen Dasein auch noch übermütig spielen. Durch Zufall landet die 8-jährige Beth im Keller, beim Hausmeister Mr. Shaibel. Der spielt dort Schach. Beth ist sofort fasziniert, aber Mr. Shaibel ist nicht der einzige Mann der meint, Schach sei nichts für Mädchen. In Beths Leben ist er einfach nur der Erste. Sie lernt schnell, bleibt hartnäckig und auch wenn sich da keine innige Freundschaft entwickelt, so immerhin eine Art Zuneigung und Respekt. Das Mädchen kann ja doch was. Beth lernt also zwei Süchte kennen: Die Beruhigungspillen ohne die sie nicht Schlafen kann, und Schach. Ein Ausweg aus der Tristesse. Ihr Leben ist bald davon geprägt darüber nachzudenken, wie sie an mehr Tabletten heran kommt und wie sie die Figuren über 64 Felder schiebt. Später wird sie adoptiert, sie bleibt den Pillen und dem Schach treu und legt eine Karriere hin. Mit Höhen und Tiefen.

Der Roman ist 1983 erschienen und Walter Tevis konnte nicht ahnen, dass sein Stoff mal zu einer Netflix-Serie werden würde. Man könnte aber meinen, er hätte den Roman genau dafür geschrieben. Ich bin selten mit einer Verfilmung 100-prozentig zufrieden. Hier schon. Die Sprache von Walter Tevis ist bildhaft und schlicht. Seine Figuren entstehen nicht durch lange, ausführliche Beschreibung, sondern durch Handlung. Was sie tun, lässt sie lebendig werden. Das ist schön, das hat Tempo.

Nur weil ich als Kind gelernt habe, welche Figur wie über das Brett marschieren darf, bedeutet das nicht, dass ich irgendeine Ahnung vom Schach spielen hätte. Das macht aber nichts. Die Partien die Beth spielt, ihre Siege und ihre Niederlagen sind im Buch sowie in der Serie so anschaulich dargestellt, dass es wie ein Krimi wirkt. Spannend. Schach, das klingt ja eigentlich erst Mal langweilig. Ich denke an die Zeit zurück, als ich meinem Vater, mit baumelnden Beinen, gegenübersaß und genervt darauf wartete, dass er endlich den nächsten Zug macht. Beth lässt mich nicht warten.

Es geht aber natürlich nicht nur ums Schach spielen. Beth, die wahnsinnig viel Talent hat und intuitiv spielt, hat mehrere Probleme. Zum einen ihre Sucht, ihre eigenen Dämonen in Form vorn Selbstzweifel und Einsamkeit. Mrs. Wheatley, also die Frau, die Beth adoptiert, unterstützt ihre Stieftochter. Allerdings nicht aus Überzeugung, sondern weil ihre Lebensumstände es erfordern. Sie müssen sich beide durchkämpfen. Und schließlich trifft Beth auf einen Gegner, den sie nicht bezwingen kann. Borgov.

Ich habe die Serie mit Begeisterung geschaut, und auch das Buch in vollen Zügen genoßen. Beth ist kein gefälliges, hübsches Mädchen. Schach ist kein Metier, das „Herzlich Willkommen“ ruft. Anya-Taylor Joy hat Beth ein ausdrucksstarkes Gesicht gegeben. Walter Tevis hat eine faszinierende Frau in eine Männerwelt geschubst. Ich hab das herzlich gerne gelesen/geguckt. Und möchte es hiermit weiter empfehlen. Beides. In Bild und Text.

★ ★ ★ ★ ★

Walter Tevis – Das Damengambit

Roman / Diogenes Verlag

Übersetzer: Gerhard Meier

ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257071610

Immer noch wach

Immer noch wach – Fabian Neidhardt

Alex bekommt die Diagnose Krebs. Noch nicht mal 30, gerade im Leben angekommen. Er ist mit seiner Freundin zusammen gezogen, hat mit seinem besten Freund ein Café eröffnet und jetzt das.

Fabian Neidhardt erzählt diese Geschichte lakonisch, mit leichten Andeutungen und sehr wenig schmückendem Beiwerk. Ich mag diesen Stil und weiß es zu schätzen. Für Geplänkel habe ich keine Zeit, ich bin eine ungeduldige Leserin. Alex hat auch keine Zeit (mehr). Die einzelnen Szenen kommen daher wie ein Film, mit harten Schnitten. Es gibt keine Übergänge, keine ausschweifenden Beschreibungen, die bildhafte Sprache untermalt das noch. Alex hat also Magenkrebs, genau wie sein Vater. In seiner Reaktion schwingt ein gewisser Todeswunsch mit. Als der Vater nach langem Leiden stirbt, ist Alex gerade mal 7 Jahre alt und er weiß zwei Dinge:

  1. Auch ihn wird der Krebs eimal erwischen.
  2. Er will nicht, dass seine Angehörigen seinen letzen Kampf mitansehen müssen, in einem Krankenzimmer, dass nach Scheiße stinkt.

Nach der Diagnose will er keine Behandlung, keine weiteren Untersuchungen, es schwingt ein unterschwelliges „Endlich“ mit. Als hätte er schon lang darauf gewartet, dass es ihm wie seinem Vater ergeht, und er sich in diese Situation hineinfallen lassen kann. Er erinnert sich an das Sterben und auch an das danach. Wie seine Mutter in ihrer Trauer beinahe verschwand. Nur sein Freund Bene war ihm Halt und Trost. Jetzt, Jahre später hat Alex Mühe, seiner Freundin Lisa und seinem besten Freund Bene begreiflich zu machen, was ihn umtreibt. Warum er egoistisch sein, in ein Hospiz gehen und ohne „Zeugen“ im Sinne von Leidtragenden sterben möchte.

Ich verstehe Alex in seinem Wunsch; wenn man beim Sterben nicht egoistisch sein darf, wann denn bitte dann? Aber auch die Position der Freunde ist verständlich, die ihn anschreien: „Kämpfe. Wehr dich gegen den Krebs. Lass das nicht so geschehen.“ Sie möchten für ihn da sein, ihn begleiten.

Doch Alex setzt sich durch. Er hat eine Löffelliste, gut, die ist sehr kurz, aber immerhin. Er regelt seine Angelegenheiten, verabschiedet sich, feiert eine letzte Party, wohnt seiner eigenen Beerdigung bei. Eine Beerdigung ist für die Angehörigen, nicht für den Verstorbenen. Sind wir nicht alle neugierig, wie sich unsere Lieben von uns verabschieden? Was sie am Grab sagen?

Alex steigt in einen Zug, fährt kilometerweit, um in einem Hospiz, allein und ohne Trost oder Beistand seiner Freunde zu sterben. Aber wie heißt es so schön: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Hier nimmt die Geschichte nochmal eine Wendung, Alex geht in eine Richtung, die ich vermutet habe, gleichzeitig überrascht er mich. Spoilerfrei kann ich sagen, dass er eine ganze Menge lernt. Über sich, über Abschiede, über das Leben und das Für-jemanden-dasein-wollen. Im Hospiz lernt er Kasper kennen, der ist auch allein. Allerdings unfreiwillig. Die beiden freunden sich an, während sie auf ihr Ende warten. Sterben, das geht nicht so schnell. Alex ist für Kasper da, aber nicht nur das. Alex erweitert seine Löffelliste. Kurz dachte ich, ach das wird jetzt wieder so eine Das-Beste-kommt-zum-Schluß-Geschichte. Ja und Nein. Es ist eine Geschichte über Zeit. Über geschenkte Zeit und darüber, was man damit anfangen kann und will und mit wem.

Ich hab das Buch gern gelesen und mit einem Seufzen und einem guten Gefühl in der Magengegend zugemacht. Ein bisschen Zeit ist noch.

★★★★★

Lese-Monat Mai

Mein Lese-Monat Mai

Brian Bagnall – Zeichnen und Malen ★ ★ ★ ★

Dieses Buch besitze ich schon seit 30 Jahren. Mindestens. Als Kind kniete ich gern auf dem Boden, das Buch lag aufgeschlagen vor mir und ich blätterte vor und zurück, beeindruckt von den Motiven und Farben. Über die Jahre habe ich einiges ausprobiert, vor allem Buntstift-Motive und Aquarell. Aber so richtig gelesen habe ich es nie. Also von vorne, ein Mal konsequent durch, so wie man einen Roman lesen würde. Neulich habe ich mein Bücherregal entmistet. Mir geht regelmässig der Platz aus, und Sachen die ich nicht mag, die ich definitiv nicht noch mal lese, oder die halt nicht so wichtig sind, können weg. Sie sparken keinen Joy, wie man neuerdings sagt. Bei der Gelegenheit habe ich einiges aussortiert und gleichzeitig festgestellt, dass in meinem Regal Bücher stehen, die ich nicht gelesen habe. Also legte ich, konsequent wie ich bin, die ungelesenen Sachen auf den SUB. Ordnung muss sein.

„Zeichnen und Malen“ habe ich jetzt nachgeholt. Ich war ziemlich überrascht, wie viele Techniken und Materialien es gibt, wie viel Abwechslung. Das Buch bietet eine gute Übersicht, samt Beispielen und Anregungen für Übungen und Experimente. Das Buch ist jetzt ausgestattet mit kleinen Klebenotizen, überall wo meine Neugier geweckt wurde, bappt einer. Es gibt viel zu tun.

Vor jeder Maltechnik, beispielsweise Aquarell, gibt es eine Übersicht mit Dingen, die man dazu braucht, oder eben auch nicht. Zum Beispiel erklärt Brian Bagnall die unterschiedlichen Papiersorten, also was wofür geeignet ist, macht dann weiter mit den Pinsel-Unterschieden und führt durch die Farbenlehre zu den Mischtechniken. Manche Sachen überschneiden sich, aber Öl-Farben reagieren ganz anders als Acryl. Endlich konnte mir jemand Gouache erklären, so dass ich das kapiere. Ich kam zu dem Schluß, dass ich mit Materialien gut ausgestattet bin. Ich gehöre zu den Menschen, die meinen, wenn sie nur genug Kram daheim haben, ergibt sich das mit der Kunst von ganz allein. Das man auch ein klein bisschen Ahnung haben sollte, von dem was man da tut, weiß ich theoretisch. Im Buch lautet das Credo von Brian Bagnall: Üben und ausprobieren, noch mehr üben, rausfinden, was einem liegt, und weiter üben. Das weiß ich eigentlich auch. 😉 Ich gelobe hiermit mehr zu üben. Was mir liegt und wo meine Interessen liegen, weiß ich. Was ich bräuchte, ist ein ein eigener Brian, der mir im Nacken sitzt und ganz nett fragt: „Hast du heute schon was ausprobiert? Hm?“

Katharina Hartwell – Die Silbermeer Saga Band 2 ★ ★ ★ ★ ★

Trilogien; das ist ja schön und gut. Aber man sollte erst mit lesen anfangen, wenn alle Teile erschienen sind. Meine Meinung. Es ist ätzend, dass ich jetzt, vermutlich ein ganzes Jahr, auf den dritten Teil der Reihe warten muss. Ich will wissen wie es mit Edda weiter geht. Bis hier hin bin ich begeistert von Katharina Hartwells schöner, poetischer Sprache und ihrem Ideenreichtum. Das liest sich sehr angenehm. Das Buch ist kein typischer Pageturner, man jagt als LeserIn nicht von einem Höhepunkt zum nächsten – und das sage ich als Lob und Pluspunkt für die Geschichte. Manchmal, gerade bei Fantasy, ärgere ich mich, dass die innere Logik einer Geschichte der Spannung zum Opfer fällt, weil die AutorInnen meinen immer noch eins und noch eins drauf setzen zu müssen. Ich folge Edda und ihren Weggefährten, ahne und vermute wohin die Reise geht, dann läuft die Sache doch ganz anders, hier sind Brotkrumen für jenes Geheimnis und da ist noch ein Fährte in eine andere Richtung und ich hab Zeit die Schönheit der Sprache und Beschreibungen zu genießen und muss mich nicht hetzen lassen. So mag ich das. Nur net hudeln.

Claudia Haessy – Tagsüber Zirkus, abends Theater ★ ★ ★ ★

QWERTZ 1/2021 – Das Mitgliedermagazin des BvjA

Ray Bradbury – Der Tod ist ein einsames Geschäft ★ ★ ★ ★ ★

Ich mag keine Krimis. Eigentlich. Das ist mir oft zu viel Mord und Totschlag und unglaubwürdiger Unsinn. Ein Buch, mit einem Ermittler, der natürlich allein unterwegs ist, dem Mörder geradewegs in die Arme rennt und am Schluß mit einem Hase-aus-dem-Hut-Trick im letzten Augenblick gerettet wird, machen mich wütend. Da werd´ ich voll aggro. Das will ich nicht lesen, das ist Zeitverschwendung. Nun kenne ich, dank meines Autorenstammtisches, Raymond Chandlers „Der lange Abschied“ und musste meine Meinung revidieren. Solche Krimis mag ich sehr wohl. Das ist Literatur und spannend, das kann ich sehr gut lesen. Von Chandler zu Bradbury ist der Weg nicht weit, zumindest erscheint es mir so. Dieses Buch habe ich vor Jahren schon geschenkt bekommen, es ewig liegen lassen aus den oben genannten Gründen. Nach Chandler dachte ich, versuchste es halt mal. Und Überraschung, ich finde es großartig. In diesem Roman muss der „Ermittler“ quasi beweisen, dass überhaupt ein Mord geschehen ist. Weil, ist es ein Verbrechen, wenn jemand zu Tode kommt, ohne das der Täter einen Finger krümmt? Ich glaube, dass die Hauptfigur Bradbury selbst ist. Oder halt ein schrulliger Alter Ego. Und der sieht Dinge, die schwer zu erklären oder gar zu Bewiesen sind. Mitten drin zweifelt er an sich; ob er überall wo er hingeht, den Tod mitbringt und ich zweifle an ihm, ob da wirklich ein Mörder ist oder er sich alles nur einbildet. Die Sprache ist gewaltig und bildhaft, die Figuren liebenswürdig und schrullig und echt. Der Tod geht um, aber wer glaubt ihm, dem Schriftsteller denn, dass da etwas nicht mit Rechten Dingen zugeht? Das war subtil und spannend und mal ne ganz andere Geschichte. Vielleicht werde ich doch noch eine Krimi-Leserin.

Euripides – Medea ★ ★ ★ ★ ★

Das Buch bzw. das Theaterstück habe ich an einer anderen Stelle schon rezensiert. Link

Harry Rowohlt liest Flann O’Brien (Hörbuch) ★ ★ ★

Der gute alte Harry-Bär. Der kann mir das Telefonbuch vorlesen, und ich hör mir das trotzdem an. Allerdings, Flann O’Obien und ich werden wohl keine Freunde. Das Hörbuch besteht aus mehreren seiner Kolumnen und ich finde es ist absurd bis hin zu langweilig. Ich weiß, Langeweile ist kein richtiges Kriterium. Die Texte sind nicht schlecht. Weder schlecht geschrieben, noch schlecht gemacht. es interessiert mich nur nicht bzw. ich teile diesen Humor nicht. Mea culpa.

Stephen King – Später (Hörbuch) ★ ★ ★ ★

Das ist nicht sein bestes Buch. Und das sage ich mit folgendem Hintergrund: Das letzte Hörbuch, dass ich von King gehört habe, war „ES“ und das ist streng genommen 30 Jahre alt, allerdings habe ich es erst letzten Monat für mich entdeckt. Und nun kommt da „Später“ daher. Zeitlich wirklich später, inhaltlich aber wieder „ES“. Da ist ein Junge, der kann tote Menschen sehen und trifft dabei auf ein Wesen wie „ES“. Allerdings kommt die Geschichte dieses Mal, und das liegt eindeutig an mir, ich bin nicht objektiv, blass und kurz und banal daher. Es hat nicht wie epische Weite, es hat nicht diese Spannung, nicht dieses gewisse Etwas. Ich hab das gern gehört, versteh mich nicht falsch. Ich fand die Story gut, der alte Mann hat mich wieder gekriegt. Aber es war halt nicht ganz so fulminant.

PS: Ich bin nun schon einige Male, privat, auf mein Lese-Pensum angesprochen worden. Das ist von der Pandemie bestimmt. Da ich nirgends hin kann und keine sozialen Verpflichtungen, kein Ausgehen, keine Lesungen habe, kann ich jeden Abend lesen. Täglich zu lesen gehört zwar grundsätzlich zu meiner täglichen Routine, allerdings ist es im Lockdown mit Ausgangssperre einfacher mehr als eine Stunde Zeit am Tag dafür zu finden. Sobald ich wieder unter Leute darf und auch wieder für die get shorties Lesebühne durch die Lande tingele, ändert sich das wieder.

Stephen King – ES

Hello!

Lass uns über Bücher reden. Ich habe „ES“ von Stephen King gelesen und inzwischen auch die Verfilmung gesehen. Also die neue Version von 2017 und 2019. 

Aber zuerst das Buch: Achtung, ich muss spoilern. Falls du das Buch also noch nicht gelesen hast, das aber noch tun willst, dann lass dir das Ende von mir nicht verderben und klick woanders hin. Wenn du es schon kennst, dann diskutier´ mit mir. Sind wir uns einig? Das Buch ist großartig, aber das Ende ist Mist!? Aber der Reihe nach. 

Stephen King kann, meiner Meinung nach, großartige Anfänge schreiben. Wie die Geschichte beginnt, mit dem kleinen Papierboot, das Billy für seinen kleinen Bruder Georgie bastelt, damit der das draussen im Regen, im Rinnstein „in See stechen“ lassen kann. Ich habe das Buch als Hörbuch, gelesen von David Nathan, wochen- und monatelang gehört. Es ist episch. Wenn es die Kombination aus King und Nathan nicht gäbe, man müsste sie erfinden. Das Buch hat allein 7 Hauptfiguren, die Gruppe Kinder rund um Billy, die sich nach Georgies Tod dem ultimativen Bösen stellen (müssen). Aber es gibt auch noch unzählige Nebenfiguren und Schauplätze und Handlungsstränge in alle Richtungen. Wenn mir jemand sagt, dass er die Bücher von Stephen King nicht mag, dann weiß ich genau warum das so ist: Er folgt den einzelnen Geschichten immer bis tief ins Wurzelwerk, alles ist verwoben und gleich wichtig, es gibt viele Figuren und viele Details. Es ist überwältigend, manchmal. Wer solche Dinge, also diese Fülle, nicht zu schätzen weiß oder gar lästig findet, hat hier keine Freude. Während ich ganz gespannt den Brotkrumen folge und mich ins Hexenhaus locken lasse. Ich liebe diese Weite. Ich tauche ab, in diese Welt und meine mich in Derry zu befinden. Ich weiß wie die Straßen heißen, wie es riecht, wer wo wohnt und wenn eine Nebenfigur, in einem dramatischen Augenblick auftaucht, nur um dann im richtigen Moment zu sterben, weil das gerade zur düsteren Stimmung gehört, dann erkenne ich den Kniff den King anwendet, ich zwinkere ihm verschwörerisch zu: Ich hab´s kapiert, Buddy. 

Ich wüsste zu gern, wie er das macht, also ein solch monumentales Werk zu planen, alle Details im Blick zu haben und dann noch das schriftstellerische Können alles zu verbinden, zu entfalten und aufeinander aufbauen zu lassen. Wahnsinn. Da ist also Billy, dessen kleiner Bruder von ES getötet wird. In Derry verschwinden viele Kinder. Das Böse kehrt alle 27 Jahre zurück und mordet, bis es satt ist. Die Gruppe um Billy muss erst zueinander finden. Alle haben ihre eigenen Probleme. Beverly hat einen gewalttätigen Vater, Ben wird vom Schulhof-Tyrann Henry drangsaliert, Eddie wird von seiner Mutter überbehütet, sie alle sind auf ihre Art Verlierer. Am Schluß treffen, fast wie vorbestimmt sieben Kinder aufeinander, die der Welt nur zusammen etwas entgegensetzen können. Jede Figur wird von King eingeführt, mit Backstory und Konflikt und Mangel. Selbst der Ort ist wie ein Charakter. Und die Geschichte entwickelt sich, die Kinder stellen sich dem Bösen, müssen aber, als Erwachsene wieder zurück kehren. Sie haben ES verletzt, nicht getötet. Das Gedächtnis ist eine merkwürdige Sache. So wie die 7 zurück kehren, kommen auch ihre Erinnerungen zurück. 

ES muss sich an die Regeln des Körpers halten, den er bewohnt. Aber er kann das Böse steuern. Einen wie Henry, der schon durch und durch schlecht ist, lenkt ES wie eine Marionette um sein Werk zu tun: Töten. Die Kinder sind erwachsen geworden, die Schlechtigkeit der Welt auch. Beverlys Mann, der ihrem Vater so sehr ähnelt, dass es körperlich weh tut, macht sich auf den Weg nach Derry. Henry bricht aus der Anstalt aus, in die man ihn als Jugendlicher gesteckt hat. Alles Schlechte macht sich auf den Weg. Die Gefahr verdichtet sich, bündelt sich, die Spannung baut sich ja gerade durch die Ahnung auf: Was kommen könnte. 

Ich staune also, wie sich die Geschichte ausbreitet, nach vorn und zurück. Mike, der in Derry geblieben ist und Nachforschungen angestellt hat, über die Zyklen von ES, findet heraus was ES ist und was ES alles angerichtet hat. Er ist das Gedächtnis der ganzen Gruppe und sich bewußt, dass ihre Geschichte praktisch mitten drin anfängt, weil ES schon sehr alt ist, weltfremd und über ein kurzes Menschenleben nur schäbig lacht. Mike forscht in der Vergangenheit. Die Kinder stellen sich ES 1958 und, kein Zufall, 1985 wieder. In einem Zyklus treffen wir den Koch aus „The Shining“ wieder und solche Cameos freuen mich immer ungemein. Jedenfalls. Irgendwo mitten in dem ganzen Schlamassel haben 7 minderjährige Kinder Sex miteinander. Ich verstehe, warum King das so geschrieben hat, und warum dieses „Zusammen“ seiner Meinung nach sein musste. Ich finde es aber unnötig und grenzwertig und ach. Einfach nein. Ihr junges Alter, die ganze Gruppe, ach. Ich verstehe nicht, wie das durch einen Verlag abgesegnet werden konnte. Das da niemand gesagt hat: „Schreib das um, das ist zu krass.“ Es ist also so veröffentlicht worden, und diese Szene ist mein einziges Manko in dieser großen und umfänglichen Lobeshymne. Ich finde den Roman trotzdem großartig und werde ihn nochmals lesen bzw. hören. David Nathan, als Pennywise… kein Film, keine Bilder können mich so gruseln. Der Film hatte Szenen zum fürchten, und ich bleibe trotzdem dabei: David Nathan ist der Mann mit den tausend Stimmen. Er hat mich noch mal ganz anders das Fürchten gelehrt. 

Inzwischen habe ich also auch die Verfilmung gesehen. Stephen King spielt im Film mit und nimmt sich selbst auf die Schippe, was ihn unheimlich sympathisch macht. Ich mag ihn eh, das lässt sich kaum steigern. Aber hier war es nochmal möglich. Der erwachsene Billy ist Schriftsteller geworden und trifft in einem Trödel-Laden auf einen Verkäufer, der ihn für seine Bücher kritisiert. Der Verkäufer (King) sagt also sinngemäß: „Das Buch war toll, nur das Ende ist Mist.“ Und das hört sich Stephen King vermutlich schon seit 30 oder 40 Jahren an. Offensichtlich kann er damit gut umgehen. Im Film wurde das Ende abgewandelt. So, dass es zur Geschichte passt, ohne ihren Sinn zu verhunzen und ohne, dass 7 Teenager Sex miteinander haben müssen. Ich kann mit der Film-Version gut leben. Ich finde sie gut gelungen. Es gibt am Schluß sogar eine Erklärung dafür, warum Stanley sich umgebracht hat. Hätte ich persönlich nicht gebraucht. Aber das war wohl auch ein Punkt, den LeserInnen nicht verstanden haben und worauf man nun, etwa 30 Jahre später reagieren kann. 

So, jetzt du. 


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Ich veröffentliche hier Kurzgeschichten, Rezensionen, Miniaturen. Was mich eben umtreibt. Wenn du mich unterstützen möchtest, dann gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum Beispiel; kauf (und bewerte) meine Bücher. Jeder Stern zählt. Komm zu den Lesungen der get shorties Lesebühne. Oder versorge mich mit Lese-Stoff, dann kann ich neue Rezensionen schreiben. Literatur leben, lieben, leisten. *it´s the Write thing to do.

Merci mit Knicks.

Nina in Love

Taschenbuch

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Medea

Hello!

Euripides – Medea

Lass uns über Bücher reden. Ich habe mir das Theaterstück „Medea“ angeschaut und dazu das kleine Reclam-Heftle gelesen, ich habe mir den Stoff also vollumfänglich rein gezogen. Es ist nicht alles schlecht an dieser weltweiten Pandemie. Als nämlich das Theaterstück in London aufgeführt wurde, wollte ich zwar hin, konnte aber keine Karten ergattern, was soweit okay war, Urlaub hatte ich nämlich auch nicht. Jetzt, während alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat, zu ist und die ganze Branche nach Wegen sucht, um die ZuschauerInnen zu erreichen, wird wie wild gestreamt und das Netz glüht. So konnte ich mir das Stück nun für 10 Euronen ausleihen und daheim angucken. So günstig bin ich wohl noch nie an Theaterkarten gekommen. Und jetzt würde ich gern meine Gedanken mit dir teilen, dabei muss ich aber wild spoilern, ohne geht es nicht. Also falls du das Stück noch nicht kennst, aber vorhast, das Buch und/oder das Theaterstück zu gucken und jetzt auf keinen Fall das Ende wissen willst, dann klick jetzt bitte weg. Ich hab genug Beiträge hier, du findest sicher was anderes. 

Noch da? Okay. Also. Medea. Wir fallen als Zuschauer mitten hinein: Jason hat seine Frau Medea und die beiden gemeinsamen Kinder verlassen. Natürlich für eine Jüngere, eh klar. Das Froileinchen ist obendrein ein Königskind, das ist auch noch wichtig. Medea, die Gekränkte und Verlassene wütet. Wir erfahren die Umstände, wie sie ihr Vaterland verraten und den Bruder ermordet hat, der Liebe wegen, für Jason. Das nennt man foreshadowing – wenn einem klar wird, was sie alles für die Liebe getan hat, muss man sich nicht wundern, wozu sie aus Rache fähig ist. Allerdings richtet sich ihre Wut nicht in die Richtung, die man vielleicht erwarten würde.

Beim Theater geht es darum mich als Zuschauerin zu überzeugen. Film und Fernsehen funktionieren anders. Wir sind uns hoffentlich einig, dass es unzählige Filme gibt, die man sich getrost hätte sparen können. Ich meine blödsinnige Handlungen, hölzerne Dialoge und DarstellerInnen, die nur hübsch aussehen. Wie oft müssen die Spezialeffekte solche Dinge ausgleichen? Im Theater ist eine Geschichte aufs wesentliche herunter gebrochen, fast nackt. Da wird nichts kaschiert und es hilft kein Requisit, wenn die DarstellerInnen nicht 100 % geben. Vor ein paar Jahren war ich in London und habe mir „The Goat“ angesehen. Ein Kerl verliebt sich in eine Ziege. Ja, richtig gelesen. Er spricht von einer Liebesbeziehung. Den Rest kannst du, wenn du willst, in diesem Blogbeitrag nachlesen. Worauf ich hinaus will: Entweder die DarstellerInnen oben auf der Bühne machen ihren Job jeden Abend absolut großartig und in dem Fall sitzen Leute wie ich auf der Stuhlkante und hibbeln vor Aufregung, oder es werden 1000 Leute unruhig und zücken ihr Handy um zu gucken wie lange dieser Unsinn hier noch dauert. Ich für meinen Teil saß da im Zuschauerraum und war überzeugt, völlig und gänzlich, dass Martin wirklich in Sylvia verliebt ist. Es ist absurd. Und trotzdem dachte ich keine Sekunde daran, ob und wie eklig das Szenario ist. Ich wollte wissen wie es weiter geht. Ich sehe und empfinde mit den Darstellern, und ich verstehe warum es so kommen muss. 

Zurück zu Medea. Sie hat also schon ein paar grausige Taten hinter sich. Nun läßt ihr Mann sie im Stich, wendet sich ab und bricht sein Versprechen. Einzig Kreon, der Vater der Braut schätzt die Lage richtig ein. Er fürchtet sich vor ihr, weil er weiß, wozu sie fähig ist. Also befielt er ihr, dass sie mit den Kindern das Land verlassen muss. Da sie nicht zurück kann, sie hat keine Familie mehr, keine Heimat, wächst ihre Verzweiflung ins Unermessliche. Wohin? Was tun? Allerdings wächst auch die Wut. Sie schmiedet einen Plan, den Ex-Mann und seine Braut zu ermorden. Doch dann fällt ihr etwas anderes ein. Sie bittet Kreon um einen Tag Schonfrist. Schließlich gilt es eine Flucht zu organisieren. Er sagt noch sinngemäß und lapidar: „Gut, was kannst schon Schlimmes an einem Tag anrichten?“

Eine Menge. Sie tränkt ein Kleid in Gift. Sie umschmeichelt ihren Ex und schickt die beiden Kinder mit Geschenken auf das Hochzeitsfest. Sie sollen dort um Gnade bitten, um bleiben zu dürfen. Die Braut begnadigt die Kinder, jeder fasst ihr Auftreten, ihre Geschenke als Versöhnungsgeste auf. Sie zieht das Kleid an, trägt den Schmuck und stirbt schnell und grauenvoll. Kreon, der seine Tochter in den Armen hält, stirbt ebenfalls. In der Zwischenzeit vollendet Medea ihren Racheplan, wahnsinnig geworden, irr vor Trauer und doch ganz klar: Was ist das schlimmste, was sie ihrem Ex-Jason antun kann, ohne ihn zu ermorden? Sie mordet seine Kinder. Es sind auch ihre, aber sie will ihm so sehr weh tun, dass sie sich das selbst antut. Und da schließt sich der Bogen. Im Theater geht es darum zu überzeugen. Das Reclam-Heftchen konnte das nicht. Die Theatervorstellung mit Helen McCroy in der Hauptrolle, konnte es. Es gab keine Möglichkeit und keine andere Chance für diese Frau, für diese Geschichte. Sie musste genau so ausgehen. Ich saß hier, zuhause, auf der Kante meines Sofas und murmelte „Sie wird doch nicht, nein, sie wird doch nicht…“ Und dann: tot. Beide Jungen. 

Medea ist keine Frau, die man mag. Das Stück ist keine leichte Kost, kein Vergnügen. Im Englischen gibt es das Wort „Fierce“. Heftig. Ich hab das Stück auf Englisch gesehen, daher fierce. Es war heftig. Intensiv. Helen McCrory zuzusehen, wie sie als Medea wütet und trauert und den Verstand verliert und mordet. Meine Güte, war das heftig. Und glaubwürdig. Ich fühlte mich… und das ist, warum ich so gern ins Theater gehe… ich fühlte mit. Ich verstand es. Das heißt nicht, dass ich ihre Tat gutheiße. In der Theorie, ganz sachlich und klar, würde ich sagen: Niemals, nie nie nie, ist Gewalt akzeptabel oder eine Lösung oder das Mittel zum Zweck. Aber da im Zuschauer(Wohnzimmer)raum, anderthalb Stunden lang, dachte ich, das geht nicht anders. Es musste so kommen. Ich bin überzeugt. 

Man, wie mir das Theater fehlt. 

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Mein Lese-Monat April

Lese-Monat April 2021

Mein Lese-Monat April 2021

Katharina Hartwell – Die Silbermeer Saga 1 „Der König der Krähen“ ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Fantasy wie sie meiner Meinung nach sein sollte. Edda erinnert sich nicht an ihre frühe Kindheit, lebt an der Küste, wo sie eindeutig nicht hingehört und als ihr Bruder verschwindet, beginnt ihre Reise. Das Buch zeichnet sich durch Einfallsreichtum aus, ohne Effekthascherei, es hat diesen Sog, schon ab der ersten Seite. Ich fiel in diese Welt rein, es war schön und poetisch, spannend und nicht vorhersehbar – für mich ein wichtiges Kriterium. Nicht zu wissen oder zu ahnen wie das ausgeht. Ich freu mich sehr auf Band 2. Der liegt hier schon bereit.

Melissa Dinwiddie – The Creative Sandbox Way ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ich habe das Buch gelesen, aber noch nicht alle Aufgaben bearbeitet. Nach jedem Kapitel kommt ein „Writing Prompt“ und die Aufforderung zu doodeln. Ich habe den Blog von Melissa Dinwiddie vor einigen Jahren schon entdeckt und ihre abstrakten Doodle-Bilder sprechen mich sehr an. Bei jedem Motiv denke ich wehmütig: Ich wünschte, das wäre von mir. Auf Instagram schaue ich mir immer wieder ihre Videos, die sie „Doodle-Cam“ nennt, an. Das ist quasi Meditation auf Papier. In ihrem Buch setzt sie sich ausführlich mit dem „creative hunger“ auseinander. Ich übersetze das jetzt mal ganz plump: Kreativer Hunger. Also das Bedürfnis sich in irgendeiner Form auszudrücken. Damit einher gehen aber auch Ängste: nicht gut genug/wer will das sehen? So in der Art und mehr. Ich kenne das sehr gut. Ich will ja, bin aber manches Mal blockiert. Melissa schildert also die Probleme und schlägt Lösungen vor, damit umzugehen. Auch da holt sie mich vollkommen ab. Aber es ist ja nicht damit getan, ein einzelnes Buch zu lesen, und dann hat man nie wieder Probleme. Sie schreibt das auch so. Das ist eine lebenslange Aufgabe. Das zu wissen hat etwas sehr Tröstliches, ich lerne das gerade: Wenn ein Bild/Text/Kreativ-Dings vermeintlich missraten ist, dann blättert man eben um und fängt neu an. Nicht jedes Werk, dass man anfängt, wird ein Meiserwerk. Aber wenn man nichts macht und die „Gremlins“ gewinnen lässt, kommt auch dabei kein Meisterwerk heraus. Dranbleiben bedeutet: Üben, besser werden, umgehen lernen mit dem eigene kreativen Hunger. Und dabei hat mir dieses Buch sehr geholfen. Das gibt es leider nicht auf Deutsch, aber es liest sich so sympathisch und leicht, dass ich auch die englische Ausgabe herzlich empfehlen kann.

Start fresh!  

Harry Rowohlt erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ringelnatz und ich werden wohl keine sehr guten Freunde mehr werden. Ich hab schon mehrfach versucht ihn zu lesen und wurde aber nicht warm mit Daddeldu und co. Wenn mir Harry Rowohlt vorliest, dann gefällt es mir doch, er macht das so gut mit seiner Brummstimme, da höre ich gern zu. Christian Maintz ist mir, in diesem Arrangement zu humorlos, zu trocken. Ich glaub, dass ist ein ganz ernsthafter Mensch. Und wenn ich mir die CD so anhöre, klingt er, als stünde er sich selber im Weg. Aber so ist das vermutlich, neben Harry. Da wirkt wohl jeder ein bissle steif. Da kann der Maintz gar nichts dafür. 😉

Stephen King – Der Dunkle Turm Graphic Novel Band 6 „Die Reise beginnt“ ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

R. M. Rilke – Das Stunden-Buch (eBook) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

C. S. Lewis – Über die Trauer ⭐️⭐️⭐️⭐️

Vor Jahren war ich mal bei einem Schreibseminar und jede*r hatte, wie das so ist, Bücher dabei, über die wir dann gesprochen haben. Nun trieb mich die Suche nach einer bestimmten Textstelle um und ich las „Über die Trauer“ um diese zu finden. Ich fand sie nicht im Buch, sondern im Internet, weil besagter Text von Epikur ist und nicht von C. S. Lewis. Sei‘s drum, jetzt hab ich das Büchlein vom SUB runter gelesen, das ist doch auch was. Ich weiß aber nicht, ob ich diesen Text jemandem weiter empfehlen würde, der gerade in Trauer ist. Vielleicht etwas später. Lewis betrachtet sein eigenes Leiden, und ist genervt von sich selbst und versucht eine andere Perspektive zu finden. Ich habe einige Textstellen markiert, weil sie mir gut gefielen und weil ich auch schon so empfunden habe. Es ist ein großes Glück, wenn man sich in Büchern wiederkennt, das macht das Lesen (unter anderem) für mich aus.

Walt Whitman – Grashalme / abgebrochen

Aus Gründen.

Und was hast du gelesen?

Lese-Monat März

Mein Lese-Monat März 2021

Für meine Verhältnisse habe ich nicht viel gelesen. Aus Gründen. Ich arbeite viel, stressbedingt ist mir konstant schwindelig und die Gesamtsituation setzt mir zu. Ich will keine Nachrichten mehr gucken, ich habe den Eindruck, dass alle Informationen nur noch ein paar Stunden gültig sind. Dann spielen unsere PolitikerInnen Maßnahmen-Roulette und plagen mich (uns) mit neuen Beschlüssen ohne Sinn und Verstand. Jedenfalls.

Ich höre immer noch „ES“ gelesen von David Nathan. Wenn es die Kombination aus Stephen King und David Nathan nicht gäbe, man müsste sie erfinden. Ganz dringend. Das Buch ist großartig. Selbst, wenn King jetzt auf der Schlußgeraden noch das Ende verkackt, kann ich sagen, dass „ES“ das Potenzial zum Lieblingsbuch hat. Bisher sind auf dieser Pole-Position alle Romane von John Irving, aber dieses Podest wackelt gerade gehörig. Ich hab jetzt einige Sachen von King gelesen bzw. gehört und die ganze Sache wurde besser und besser. Ich meine die Bill-Hodges-Trilogie, als Beispiel. Oder „Das Institut“. Und „Der dunkle Turm“ sowieso. Und meine aktuelle Lektüre ist spannend und vielschichtig. Sie ist komplex und authentisch. Ich staune und bin völlig begeistert wie King diese sieben Persprektiven der Hauptfiguren aufeinander aufbaut und die Geschichte in zwei Handlungssträngen nebeneinander herlaufen lässt: 1958 und 1985 und alles ist verbunden. Und dann noch David Nathan, der Pennywise seine Stimme verleiht. Es ist kein Hörbuch, viel mehr ein Hörspiel. Jeder Charakter hat seine eigene Stimme. Und wenn ich mit dem Buch durch bin, fange ich einfach noch mal von vorne an. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Jedenfalls.

Ich habe nicht viel gemalt oder gedoodelt in letzter Zeit. Der Schwindel, der meine Rübe beherrscht, hat das verhindert. „Wenn mir der Helm kreiselt“, wie wir in meiner Familie dazu sagen, weil von 5 Personen 3 daran leiden, dann dreht sich das Zimmer und auch mein Hirn um die eigene Achse. Allerdings in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Deshalb bin ich auch mit den Draw-with-Rob-Videos nicht auf dem Laufenden. Aufs Handy oder nach unten auf ein Buch zu gucken, macht die Sache schlimmer. Aber ich habe das Activity-Book fertig ausgefüllt. Das Buch ist noch letztes Jahr erschienen, ich glaube, es gibt inzwischen drei oder vier Nachfolge-Bände. Allerdings habe ich hier noch zwei Malen-lernen-Bücher von Kritzelpixel und ein Kreativ-Buch von Sinah Birkner hier. Und ich werde erst die ausmalen, bevor ich wieder was Neues kaufe. Wer meinen Instagram-Feed verfolgt, weiß wie gern ich die kleinen Motive von Rob nach doodle. Ich hatte und habe immer noch viel Spaß mit seinen Videos und fand auch das Buch gelungen. Das Papier ist dick genug um die Übungen im Buch mitzumachen. Da es für Kinder gedacht ist, die ihre fertigen Werke gern an die Kühlschranktür hängen wollen, ist das Papier auch perforiert, damit sich die Seiten leicht heraus trennen lassen. Die Anleitungen sind, wie auch in den Videos schlicht und leicht nachzuvollziehen.

Ich werde ja regelmäßig gefragt, was denn meine Bilde sollen und ob ich anstrebe, meine Bücher irgendwann selbst zu illustrieren, ob ich damit Geld verdienen will. Letzteres Frage klingt immer etwas mitleidvoll, so als ob ich ganz schlechte Chancen hätte, das zu verwirklichen mit meinen Talenten. Ich sehe das so (und das gilt für alle meine Hobbys): Ich mache Sachen. Lesen, malen, puzzeln, Origami falten. Was auch immer. Ich mache sie, weil sie mir Spaß machen. Ich kann nicht genau erklären, warum es mich in bestimmte Richtungen zieht, warum ich mich für Japan interessiere, für Vulkane, für Bonsai-Bäume und Kampfkunst. Ich weiß, dass es so ist, und gebe dem nach. Häkeln finde ich total fad. Kann ich nichts mit anfangen, interessiert mich nicht, daher werde ich es auch nicht lernen. Ich bin wohl nicht zu doof dafür, nur zu wenig interessiert. Unter allen Sportarten, die ich schon ausprobiert habe, und allen Dingen, die ich regelmäßig mache, ist mir Joggen die liebste Bewegungsform. Das bin ich, das kann ich gut. Ich bewege mich, bin an der frischen Luft, gebe meinem Drang mich zu bewegen und meiner inneren Unruhe nach. Aber ich muss an keinem Wettbewerb teilnehmen, ich muss mich nicht mit jemandem messen, ich brauche keine Medaille, ich muss nicht die Beste sein. Weder beim Origami falten, noch beim Joggen und auch nicht beim malen. Ich habe keinen Leistungsdruck, ich mache ihn mir auch nicht. Meine einzige Motivation ist der Spaß an der Sache. Ich muss keine Profession daraus machen, kein Geld verdienen. Wenn ich ein Puzzle zusammen gelegt habe, kommt es am Schluß, wenn ich fertig bin, wieder in die Schachtel. That´s it. Falls es dir ähnlich geht, und du einfach aus Spaß an der Freude malen möchtest, dann empfehle ich herzlich die Videos und Bücher von Rob Biddulph. Einfach so.

Rob Biddulph – Draw with Rob ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Erich Kästner hatte Geburtstag. Im Februar. Da habe ich festgestellt, dass mir „Das fliegende Klassenzimmer“ im Regal fehlt. Kästner mag ich seit meiner Kindheit, jetzt habe ich das wieder aufgefrischt. Ich bin überrascht wie akkurat das Buch verfilmt würde, aber das nur am Rande. Kästner hat in seinen Büchern das (für mich) richtige Maß an kindlicher Magie. Eine Welt, in der die Kinder zusammen halten, alles noch eine Art Zauber innehat und ich meine jetzt nicht das Genre Fantasy oder magischen Realismus. Ich meine die Art Geschichte, in der das Gute am Schluss siegt. In diesem Fall, beim fliegenden Klassenzimmer wird es am Schluß kurz kitschig. Das verzeihe ich ihm aber, weil es so gehört. Eine zeitlose, schöne Geschichte über kluge und mutige Freundschaften. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Die Erfindung der Sprache“ erinnert mich ein bisschen an „Was man von hier aus sehen kann.“ Letzteres hat auch Lieblingsbuch-Potenzial. Ich liebe es sehr, habe es mehrfach gelesen (und gehört), kann man auch nachlesen, hier nämlich. Die Geschichte um Adam, der seinen verschwunden Vater sucht, und dessen schrullige Familie hat viel Schönes. Anja Baumheier erklärt ihren LeserInnen, Achtung, das hier ist die Heldenreise und so läuft das ab. Wenn man mit dieser Erzählform vertraut ist, weiß man, was auf einen zukommt. Ich fand die Schrullen von Adam liebenswürdig, als Figur kriegt er und seine Familie mein ganzes Herz. Ich bin selber im Asperger Apektrum, seine Listen und seine Liebe zu bestimmten Zahlen kann ich nachfühlen, vielleicht sogar besser als gut für mich ist. 😉 Mit den Wortkreationen, mit den sehr langen Erfindungen und Neuschöpfungen hatte ich ein bisschen Kummer, aber das ist Geschmackssache, das ist kein wirklich objektiver Kritikpunkt. Einzig das Ende kam mir etwas zu wohlgefällig daher. Das kann ich aber nicht spoilerfrei erklären. Ich hab es gern gelesen, kann es auch herzlich weiter empfehlen, gebe aber aus Gründen nur vier ⭐️⭐️⭐️⭐️.

Zeichnen mit Watercolor-Effekt

Ich hab das Buch letztes Jahr im Sommer, also Juni oder Juli gekauft. Mich haben die schlichten Motive sofort angesprochen, das wollte ich ausprobieren. Vor der Pandemie (damals!) war ich in zwei VHS-Aquarell-Kursen und eins der ersten Dinge, die mir Herr K. dort erklärte, war: Weißflächen lassen. In der Theorie habe ich das auch alles eingesehen und verstanden. Man arbeitet von hell nach dunkel, und was auf einem Aquarell-Bild weiß sein soll, lässt man weiß. Im Sinne von, auf diese Stelle pinsele ich nichts drauf. Als Beispiel brachte Herr K. uns SchülerInnen ein Wintermotiv mit. Zaun, Bäume, Bänkle, alles war angedeutet und zart und wunderschön. Der Schnee, ja weiß. Also nüscht aus dem Farbkasten. Und ich dachte: „Uff, das schaffst du nie.“

Keine Ahnung woher meine Anwandlungen kommen, ein Blatt Papier von einem Eck bis ins andere komplett mit Farbe vollklecksen zu müssen. Schön ist das ja selten. Es gibt Ausnahmen, aber darum soll es hier nicht gehen. Das Buch „Zeichnen mit Watercolor Effekt“ ist also kein Buch, das anleitet WIE man zeichnet, also Form und Perspektive und all diese Dinge, damit es nach was aussieht. Ich habe es so verstanden: Lernen wie man weiße Flächen lässt. Die Motive sind alle einfach gehalten, was mir sehr entgegen kommt. Ich bezeichne das als „doodeln“. Mit ein paar Strichen etwas andeuten, damit man erkennt, was es ist, aber ohne Detailwut. Ich persönlich mag Fotorealismus nicht. Je schlichter, je besser. Das ist meine Devise. Mit dieser Ansicht lande ich unweigerlich bei Urban Sketching, aber diese Thematik und die dazugehörigen Lernbücher sind noch mal anders als das hier, darüber schreibe ich ein andermal. Jedenfalls. Ich habe nun kontinuierlich an dem Buch und mit dem Buch geübt. Anfangs noch mit viel und reichlich Farbe. Man sieht gleich: zu viel. Nicht, dass das schlecht wäre. Aber ich wollte das erreichen, was Katharina Konte vormacht: Mit ein, zwei, maximal drei Farben etwas leichtes, Zartes schaffen. Mein Feuer-Fuchs ist noch sehr… puh. Dominant.

Zeichnen mit Watercolor Effekt: Fuchs

Ich habe tatsächlich alle Motive ausprobiert. Das ist selten. Bei anderen Mitmach-Büchern lasse ich schon mal ein Motiv aus Faulheit oder Desinteresse aus. Hier habe ich kein Bild ausgelassen, ich mochte sie alle. Selbst die etwas langweiligen Blumen-Motive. (Aber das ist ja Geschmackssache, was langweilig ist, ne?)

Mit dem Krebs hatte ich am meisten Spaß. Auch weil das ein Motiv ist, dass ich ohne Inspiration nie angegangen wäre. Ich musste in paar Mal aus meiner Komfort-Zone. Und das ist ja immer gut, ganz grundsätzlich. Sonst lernt man ja nichts und wird auch nicht besser, IMAO.

Und zum Schluß dann: Gesichter. Auch etwas, dass ich mich (bis jetzt) nicht getraut habe. Aber ich bin wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. Zum einen habe ich eine gewisse Scheu vor manchen Motiven verloren, zum anderen habe ich dieses „weniger ist mehr“ besser verstanden. Ich habe noch jede Menge anderer Kreativ-Bücher hier, die ich dir gerne peu a peu vorstellen möchte. Hier und jetzt kann ich aber sagen: Meine herzliche Empfehlung.

Noch ein paar Eckdaten: Ich habe den Wasserpinsel von FaberCastell verwendet, sowie die wasservermalbaren Color Grip Buntstifte. Und falls das irgendwie wichtig wäre: Nein, ich habe nicht dem großen A mein Geld in den Rachen geworfen. Und wenn das hier als Werbung gilt, dann unbezahlt. FYI.

  • Zeichnen mit Watercolor Effekt ★★★★★
  • Katharina Konte
  • EMF Verlag
  • 128 Seiten
  • 17,99 €

Der lange Heimweg

  • Stephen King
  • Der dunkle Turm – Graphic Novel
  • Der lange Heimweg: Band 2 der Reihe
  • Heyne

Roland und sein Ka-Tet fliehen aus Hambry, mit herben Verlusten. Susan ist tot. Roland, Alain und Cuthberth versuchen nach Hause zu kommen. Ihre Verfolger sind ihnen aber dich auf den Fersen. Zu allem Übel: Rolands Geist ist in der Pampelmuse (Maerlyns Wahsager-Kugel) gefangen und dort begegnet er seinem schlimmsten Feind. Wähenrd er dort mit Marten kämpft, versuchen seine Kameraden Alain und Cuthbert den leblosen Körper von Roland auf ihrer Flucht mitzuschleppen. Was gar nicht so einfach ist. Während dessen begegnet der arme Sheemie, der den Dreien folgt und sich sich für den Tod von Susan verantwortlich fühlt, einem Ding… halb Zauberer, halb Roboter, der ihn foltert. (Wir befinden uns mitten in Band 4 der Roman-Reihe; Glas.)

Ich hatte hier kurz ein Problem. Marten, Rolands schlimmster Feind, spricht schwarz. Und ich meine das wörtlich. Seine Sprechblasen in den Panels sind weißer Text auf schwarzer Sprechblase. Das kenne ich aus einer anderen Reihe. Nämlich aus der Sandman-Reihe von Neil Gaiman. Dream spricht auch schwarz. Und es hat ein paar Seiten gedauert, bis ich meinen Fehler eingesehen habe: Dream schlägt nicht, er handelt kaum, er hat andere Waffen. Ich musste also zurück blättern, in dem Bewusstsein: Das ist nicht Dream, wir sind hier in einem anderen Universum. Mea culpa. 

Jedenfalls. 

Cover: Der lange Heimweg / Graphic Novel / Band 2 / Der dunkle Turm / Stephen King

Ich habe jede Menge Hintergrundwissen, durch die Romane. Daher lautet meine herzliche Empfehlung, falls du mit Roland und seinem Ka-tet durch Endwelt reisen willst, dann lies bitte erst die Romane. Ich glaube es fehlt wahnsinnig viel, wenn man diese Reise nur mit den Graphic Novels antritt. Auch wenn die Zeichnungen zu Geschichte düster und gewaltig und eindrucksvoll sind. Marten habe ich mir anders vorgestellt, die Roboter auch, und doch: Die Darstellungen passen sehr gut. 

Im letzten Drittel des Buches ist ein Lexikon-Teil mit Erklärungen zu Namen, Orten, und auch die Vorgeschichte: Rolands Vater und dessen Ka-tet.  Es ist wichtig das alles zu wissen, allerdings muss ich nicht extra erklären, dass ein Lexikon-Eintrag eine nüchterne Angelegenheit ist. Langweilig, quasi. Die Infos sind notwenig um die Story zu verstehen, aber den Teil zu lesen ist ein bisschen mühselig. 

Und damit komme ich zum letzten Punkt: Die Grundlage der Reihe stammt von Stephen King und aus den Romanen. Die Story und das Skript stammen von Robin Furth und Peter David. Jae Lee und Richard Isanove haben die Zeichnungen geliefert. Ich habe erst jetzt, mit dem Nachwort verstanden, wie sich hier alles verhält. Die Texte und Dialoge im vorliegenden Band stammen genau genommen nicht von Stephen King. Sie basieren auf den Romanen, genau gesagt aus „Glas“, dem vierten Roman der Reihe. Ich weiß nicht, ob man bei einer Graphic Novel von „adaptiert“ spricht, aber ich verwende das jetzt mal so, in diesem Kontext. Adaptiert wurde die Geschichte von Robin Furth und Peter David. Und das alles  wurde von Stephen King abgesegnet. 

Das weiß ich jetzt. Und du somit auch. FYI. 

★★★★★

Der Fänger im Roggen

Ich habe das Buch in meinen Zwanzigern zum ersten Mal gelesen. Damals habe ich Holden nicht verstanden. In meiner Erinnerung ist er ein unsympathischer Jammerlappen. Nun, mit über dreißig Jahresringen am Leib (man wächst ja, nech?) sehe ich das anders. Und bleibe dabei: Bei manchen Büchern lohnt sich das wieder-lesen. Holden Caulfield als unreifes Bübchen zu bezeichnen greift zu kurz, es ist zu leicht. 

Allein der Name. Holden – to hold – festhalten. 

Caulfield – der Netzfänger. 

Der Name spricht, er sagt mir viel über die Figur. Und über die Gründe, warum „Der Fänger im Roggen“ eine zeitlose Geschichte ist. 

Holden ist von der Schule geflogen. Er ist nicht dumm, daran liegt es nicht. Er weiß, was von ihm erwartet wird. Er weiß es genau. Aber er hat keine Lust diesen Erwartungen zu entsprechen. Er hat den (wiederholten) Rausschmiß provoziert. Es ist Freitag Abend, seine Eltern erwarten seine Rückkehr vom Internat erst am Mittwoch. Und so treibt er wie ein Blatt im Wind durch New York. Verzeih mir das kitschige Bild, aber Holden würde es wohl gefallen. 

Ihm ist alles verhaßt, seine Gejammer und seine Klagen haben alle eine Adresse: Die verlogene, unechte Erwachsenen-Welt. Er ist 17 Jahre alt und in einer Zwischenebene. Zu alt, für die Kinderwelt, an der er noch fest hält, noch nicht alt genug um sich zu beugen und einzufügen. Unreif? Hm… er klingt wie ein zynischer alter Mann, aber er ist im Grunde noch ein kleines Kind. Nicht unreif, eher… schockiert. Ihm gefällt nicht was er sieht, wie die Welt funktioniert. Und er fühlt sich ihr nicht verbunden. 

Am Mittwoch werden seine Eltern erfahren, dass er wieder geflogen ist. Er erwartet ein Donnerwetter, einen neuen Lösungsversuch aus ihm einen anständigen Menschen zu machen. Er weiß was auf ihn zukommt. Und anständig meint im Sinne von: wie die anderen produktiven Menschen, die tun, was von ihnen erwartet wird. Holden hat ein bisschen Geld in der Tasche und macht sich davon. Er hat eine Gnadenfrist bis Mittwoch. 

Er versucht Anschluß zu finden, eine Seele, die ihn versteht. Statt dessen: Dumme Gänse, die nicht zuhören, ein Hotelpage, der ihm eine Prostituierte aufzwingt. Und ihn übers Ohr haut. Holden verweigert sich dem Mädchen. Sex? Nein, so nicht.

Das Mädchen, das er wirklich mag, erreicht er nicht. Und das ist gut so. Auf die Distanz enttäuscht sie ihn ja auch nicht. Jane geht mit Holdens Zimmergenossen aus, und Holden weiß, dass dieser Bursche nicht aufhört, wenn ein Mädchen sagt „Nein, bitte nicht.“ 

Er findet alles unerträglich. Es gibt nur eine Person, die ihm nicht verhasst ist: Phoebe, seine kleine Schwester. (Wieder ein sprechender Name: Mondgöttin). Sie ist zehn Jahre alt und durchschaut ihren Bruder ziemlich genau. Nach einer Odyssee durch New York, einem Streifzug wie ein Gedankenstrom, hier hin und dort hin, belanglos und doch gewichtig, aufschlußreich und völlig sinnfrei, landet er mit Phoebe im Park. Er kauft ihr Karten fürs Kinderkarussell. Sie ist noch nicht zu alt dafür. Und er sieht ihr zu. Er hat noch eine Gnadenfrist, bis Mittwoch. 

Es ist (mir) völlig klar, dass er heim gehen wird, sich die Standpauke anhören, fügen, eine neue Schule besuchen und irgendwann ein gräßlicher, verlogener Erwachsener werden wird. Aber heute noch nicht. Ich würde mich gern ein Weilchen zu ihm setzen. 

★★★★★