Leseprobe aus Drachenbrüder #2

  • Das Drachenvolk von Leotrim
  • Band 1 – Drachenbrüder
  • C. M. Hafen
  • O’Connell Press
  • #throwbackThursday
Autorenselfie

Aus dem Kapitel: Die Chronistin von Leotrim

Hangameh wies ihre Assistentin Dakota an, tief in die Höhlen, ins Archiv zu gehen und ein Notizbuch zu holen, ein altes, eines der ersten. Dakota brauchte für den Weg dorthin fast einen Tag und einen Schubkarren, um das Notizbuch zu transportieren.

Hangameh hatte ein eigenes Buch, ein inoffizielles Buch, für Silván angelegt. Bo und er standen nicht in der offiziellen Chronik, Hangameh war nicht bei ihrer Verbindungszeremonie dabei gewesen. Es waren andere Zeiten gewesen, ohne Ordnung, manch ein Name hatte es nie in ihre Chronik geschafft. Später schien es ihr unsinnig, einen Nachtrag einzufügen. Doch es ließ ihr keine Ruhe. Sie fragte sich immer wieder, wie viele Kinder von Leotrim, wie viele Bos ihr entgangen sein mochten. Nach Bos Tod hatte ihr die Mutter aller Wasser die Geschichte erzählt, wie Silván zu ihr gekommen war und sie um das Leben seines Halbbruders gebeten hatte. Sie konnte Leben geben, aber niemanden von den Toten zurückholen. Er hatte das nicht verstanden und geglaubt, ihre Macht sei unendlich. Er war mit seinem Bruder Bo in die Quelle gestiegen, doch der kleine Körper des Jungen war leblos geblieben. Das Wasser hatte sich blau gefärbt und Silván hatte mit einem Mal seine Farbe verloren – und Bo bei seiner Mutter zurückgelassen. Er wusste nicht einmal, wo der Junge beerdigt worden war. Bo war zu jung gewesen für die Grablege-Feier. Silván kehrte nie wieder in die Berge zurück.

Hangameh hatte diese Geschichte aufgeschrieben. Ohne Datum. Jedes Mal, wenn sie etwas über Silván hörte, fragte sie nicht, ob es wahr sei. Sie schrieb es in sein Buch. Es gab viele Geschichten über ihn. Er sei bei den Lichtern gewesen. Er sei unsterblich. Hangameh wusste es besser.

»Dakota. Ruf mir zwei Drachen. Bitte sie, mich und mein Notizbuch in die Himmelsberge zu tragen. Es eilt.«

Dakota schrieb eine kurze Nachricht, typisch für sie, in Großbuchstaben, und sandte einen zahmen Buntspecht, den sie selbst abgerichtet hatte, ins nahe Dorf Leed.

Hangameh zog sich an, Dakota half eifrig, aber nervös. „Was passiert jetzt?“, fragte sie immer wieder, die Wangen so rot wie ihr Haar. Zwei Drachen. Das bedeutete für Dakota, dass sie nicht mitdurfte.

Hangameh sagte nichts dazu. Sie wusste, wie enttäuscht das Mädchen war. Ihrem Bauchgefühl nach sollten aber so wenig Menschen wie möglich anwesend sein. Silván war scheu. Silván war stolz. Er würde nicht viele Augen bei seinem letzten Flug dulden.

Sie setzte eine Mütze auf, mit Ohrenklappen. Und eine Brille. Sie war kein Freund des Fliegens und fror immer entsetzlich. Sie trug Lederschuhe, mit Fell gefüttert, braune Wollhosen und eine schwere Fliegerjacke mit eingenähten Flügelknochen zur Stärkung des Rückenbereichs und vielen Schnallen, um die Jacke festzurren zu können wie eine zweite Haut.

Dakota hatte das Notizbuch in ein Leintuch geschlagen und schob es im Karren zum Eingang der Höhle. Zwei junge Flugdrachen, noch ganz dunkelblau, warteten dort, tappten nervös von einem Fuß auf den anderen und schaukelten ihren Kopf zur Beruhigung hin und her.

Dakota war noch nie geflogen und sah sie neugierig an.

Sie stellte den Karren ab und hastete zurück ins Archiv. Immer ein gutes Versteck. Die beiden Drachenjungen wechselten einen verwunderten Blick.

Hangameh atmete tief durch, sammelte sich und trat zu den beiden.

»Libor und Leotar«, sagte sie schlicht.

Die beiden hörten sofort mit dem Geschaukel auf, reckten den Kopf und drückten die Brust heraus, wie es junge Toddler tun, um sich größer zu machen. Die Drachenjungen hatten erst im Sommer ihren Federflaum verloren, da und dort schauten noch kleine, blaue Härchen zwischen den Schuppen hervor. Die Mauser war noch nicht abgeschlossen. Hangameh lächelte gequält. Fliegen mochte sie grundsätzlich nicht, und dann noch zwei Anfänger? Womöglich hatten sie noch nicht einmal die Schule abgeschlossen.

»Wie lange fliegt ihr schon?«

»Seit drei Monden, Chronistin«, sagte Libor mit Stolz.

»Wir sind gute Flieger, Chronistin«, fügte Leotar hinzu.

»Ich kenne eure Namen. Wenn wir zusammen fliegen, solltet ihr auch meinen kennen – Ich bin Hangameh«, sagte sie und verbeugte sich tief. »Ihr dürft Han zu mir sagen. Wollt ihr mich in die Himmelsberge bringen?«

»Ich will mit dir fliegen, Han«, sagten die Brüder gleichzeitig, noch etwas steif – Hangameh vermutete, dass die beiden dieses Ritual der Zustimmung bisher nur in der Schule geübt hatten – und verbeugten sich ihrerseits.

Hangameh ging zielstrebig auf Leotar zu, drehte sich um und drückte ihren Rücken an seinen Bauch. Vorsichtig, als wäre sie aus Glas, umfasste Leotar ihren schlanken Körper mit seinen Vorderbeinen.

»Nicht erschrecken«, sagte er und hob ab. Sie erschrak dennoch. Wie jedes Mal. Mit zwei Flügelschlägen schob er sich rückwärts aus der Höhle und schoss wie ein Pfeil gerade in die Luft hinauf, kaum einen Meter von den Granitfelsen entfernt. Sie erreichten den Rand, der aussah, als würde hier die Welt enden. Auf gewisse Weise endete sie hier auch.

Hangameh sortierte sich innerlich. Der Magen war noch da, wo er hingehörte, auch wenn er sich anfühlte, als wäre er, mit Steinen gefüllt, nach unten gerutscht und in ihrer Höhle geblieben. Der Ausblick war atemberaubend: Das grüne Meer unter ihnen, mit hohen Wellen, die wütend nach den Klippen griffen und die Wiesen von Leotrim, die genau hier begannen, als wollten sie dem giftigen Meerwasser trotzen. Hangameh hatte den Eindruck, sie bräuchte nur die Hand auszustrecken und könnte das Gras berühren.

Ein Schafhirte saß mit baumelnden Beinen am Rand der Klippe, kaute auf einem Grashalm und betrachtete sie neugierig. Er hob die Hand zum Gruß. Selbst die Schafherde hielt kurz im Grasen inne, um zu sehen, wer da über ihnen schwebte. Hangameh betrachtete Libor, wie er denselben Start hinlegte, ungestüm wie sein Bruder, nur trug er das Notizbuch an seine Brust gedrückt.

Man musste den Drachen nicht sagen, wo die Himmelsberge waren. Sie wussten es. Sie waren dort geboren. Der Ruf der Berge zog jeden Drachen magisch an. Auch Hangameh spürte das, wie ein Sehnen im Herzen, das „Heim!“ schrie. Sie spürte, wie der Ruf die beiden jungen Drachen erfasste und drängte schneller zu fliegen.

Ende der Leseprobe 

© 2015 by C. M. Hafen und O’Connell Press 


Bände der Trilogie »Das Drachenvolk von Leotrim«:

Band 1: Drachenbrüder
Band 2: Drachensichel
Band 3: Drachenfrieden

eBook Gesamtausgabe

Taschenbuch – Band 1

Drachenbrüder – Taschenbuch auf Wunsch signiert

Unter den Millionen Augen der Lichter lebt das Drachenvolk von Leotrim. Der Drache Norwin hat einen schwierigen Start ins Leben. Eine Amme lässt sein Ei fallen, die Schale ist beschädigt, ein Flügel verletzt. Es wird schnell klar, er wird nie fliegen können. Als er alt genug ist, kommt sein menschlicher Vater, um ihn bei den Menschen leben zu lassen. Die Drachenmutter muss darauf hoffen, dass die jahrhundertealte Verbindung zwischen den Völkern ausreicht, um Norwin einen Platz in ihrer Mitte finden zu lassen. Anfänglich hat sein halbgebürtiger Bruder Ambro Schwierigkeiten, etwas mit seinem Drachenbruder anzufangen. Die beiden passen nirgends hin. Jeder in Leotrim hat seinen Platz, seine Aufgabe. Diese beiden müssen nun selbst herausfinden, wofür sie gut sind.

8,90 €

eBook Gesamtausgabe

Leseprobe aus Drachenbrüder #1

  • Das Drachenvolk von Leotrim
  • Band 1 – Drachenbrüder
  • C. M. Hafen
  • O’Connell Press
  • #throwbackThursday
Autorenselfie

Aus dem Kapitel: Der Kindshüter von Leotrim

Der dunkle Drache erwachte. Plötzlich, wie man aus einem Albtraum hochschreckt. Er hatte nicht geträumt. Die Dunkelheit um ihn herum ängstigte ihn nicht. Seine gelben Augen blickten langsam umher. Seine Höhle war finster wie eine mondlose Nacht, sein Schlaflager nur harter Stein. Seine Gelenke taten weh, sein Körper war steif und kalt, er probte einen Gedanken. Rücken. Flügel. Füße. Alles reagierte, wenn auch träge. Seine Schwingen raschelten wie sehr, sehr dünnes Papier. Er erhob sich; es knackte, als würde er aus einem Ei schlüpfen. Doch keine Schalen gaben Nerina frei, sondern kleine Steine, als hätte es in seiner Höhle Kiesel geregnet, vor langer Zeit.
     Trockene Blätter, totes Getier und Staub fielen von ihm ab. Jemand musste ihn zugedeckt, versteckt haben. Er schüttelte Spinnweben von seiner rauen Haut wie eine Bettdecke aus Zeit. Er machte einen vorsichtigen Schritt, dann noch einen. Leise, als wollte er versuchen, kein Geräusch zu machen. Er wusste, wo der Ausgang seiner Höhle war, auch wenn er ihn nicht sehen konnte. Er roch das saure Meer. Er hatte Durst.
Lange geschlafen?, fragte er sich. Er schüttelte den Kopf. Eine unsinnige Frage, Zeit spielte keine Rolle.
     Als Nerina ans Ende seiner Höhle gelangte, tobte unter ihm das grüne Meer und über ihm schrie der schwarze Himmel »Tot«. Keines der Lichter summte, keines zeigte sich. Nerina wurde nie freundlich begrüßt. Er breitete seine Schwingen aus, erst die Deckflügel, um den letzten Staub abzuschütteln, und mit einem Schlag wie Donner die gesamte Spannweite. Der Wind huschte unter seine Flügel wie ein verschollen geglaubtes Kind, das endlich heimkehrt. Nerina genoss die Seeluft, die seine Schwingen streichelte, mit geschlossenen Augen und hieß die Bö willkommen. Dann erhob er sich lautlos.

***

Der alte Silván betrachtet still den Himmel, der so weiß ist wie er selbst. Es ist kein Unschuldsweiß, rein wie eine Kinderseele, sondern ein bauschiges Wolkenweiß. Ein bisschen schmutzig und verbraucht. Früher war er, wie alle Drachen der Luft, blau. Doch er hat seine Farbe verloren. Manchmal passiert das. Es existieren viele Geschichten um den Verlust seiner Farbe. Man sagt ihm nach, dass er die Lichter besucht hat und sie ihm das ewige Leben geschenkt haben. Er selbst bestreitet das. Silván rührt sich nicht. Er ist müde, die Knochen tun ihm weh. An kalten Tagen kann er seine Flügel nicht mehr ausbreiten. Die Haut raschelt dann wie steifes Zeitungspapier und die feinen Knochen knacken eine schmerzhafte Melodie. Immer öfter bleibt Silván am Boden und geht zu Fuß, sehr langsam. Oder er sitzt tagelang reglos auf den Felsen Zur Ankommenden Hoffnung und schaut in den weißen Himmel. Die Muskeln unter seiner Haut zucken nervös. Das ist kein gutes Zeichen. Er spürt, es ist etwas in der Luft.
     Silván breitet seine Schwingen aus, langsam und vorsichtig, einmal, zweimal probt er den Flügelschlag, bevor er wirklich abhebt, so leise wie immer. Das Meer unter ihm, hellgrün und ruhig, spiegelt ihn, im flachen Flug über das nasse Gift. Das saure Wasser ist für Menschen tödlich, sie können es weder trinken noch ihre Felder damit bewässern. Nur die Wasserdrachen fühlen sich darin wohl, und einige Meeresgeschöpfe.
     Silváns erster Bruder, sein Broder, zu dem er als kleiner Toddler kam, starb vor einer Ewigkeit. Bo. Kaum jemand erinnert sich an diesen Namen. Silván hat ihn nie in die Chronik von Leotrim eintragen lassen.
     Man muss sie aufsuchen, Hangameh, man zahlt ihr einen Obolus und diktiert ihr, was in die Chronik geschrieben werden soll. So hat man es ihm erzählt, daher ist er nie bei ihr gewesen in ihrer Höhle. Keines seiner Kinder steht in der Chronik. Niemand weiß, wie lange er schon der Kindshüter ist. Er hat diese Aufgabe nie gewollt.
     Silván fliegt so flach über das Wasser, dass seine Flügelspitzen die Oberfläche berühren. Drei Wasserdrachen bemerken ihn, grüßen auf Drachenart, ein kurzer, kehliger Laut. »Ich sehe dich.«
     Sie könnten schneller schwimmen als Silván fliegen kann, aber sie begleiten ihn – in seinem Tempo – auf seinem Weg zum Hafen.
     Sie können seine Gedanken hören. Die Wasserdrachen gehören zu den wenigen Lebewesen in Leotrim, die den Namen Bo noch kennen. Wasserdrachen sprechen nicht die Sprache der Menschen und selbst wenn sie es täten, würden sie nicht die geheimsten Gedanken anderer preisgeben.
     Wenn Silván auf den Felsen Zur Ankommenden Hoffnung sitzt, denkt er an Bo. Manchmal schafft er es, seinen Namen zu flüstern. Der Wind nimmt ihn dann mit. Heute ist der Himmel weiß und die Sehnsucht besonders groß. Silván ist auf dem Weg zum Launigen Vincent, dem Leuchtturm von Leotrim. Er ist der Einzige, der mit den Lichtern kommunizieren kann. Man kann ihm Fragen stellen. Manchmal antwortet er.

***

Der dunkle Drache flog zwei Tage, immer an der Küste entlang. Sein linkes Auge erblickte die steilen Klippen, das rechte das grüne Meer. Es leuchtete im Dunkeln. Nerina mochte das Meer. Mehrere Wasserdrachen begleiteten ihn, staunend. Manch einer der Alten erkannte und grüßte ihn.
     Die Sonne verabschiedete sich gerade vom Tag, als Nerina sein Tempo reduzierte, dann senkrecht in der Luft schwebte, wie ein Korken im Wasser auf- und abdümpelte und an der Küste den Eingang suchte, auf halber Höhe der Klippen, zwischen Geröllstrand und dem oberen Rand. Lautlos schwebte er auf die Öffnung zu, setzte behutsam die Füße auf den schwarzen Granit und zog die Flügel ein, hübsch an ihren Platz.

»Dieser hier. Da«, sagte er.

***

Hangameh lächelte. Die Chronistin von Leotrim amüsierte sich nicht zum ersten Mal darüber, dass Nerina sich selbst als »Dieser hier« bezeichnete. Er war als Weibchen geboren worden. Nerina war, wie alle Drachen, aus einem Ei geschlüpft, damals, als die Zeit ihren Namen erhielt. Doch hatte er schon nach wenigen Tagen gewusst, dass er eine andere Aufgabe haben würde als seine Schwestern und Brüder. Die Mutter hatte ihm einen Namen gegeben, wie es Brauch war, doch Nerina hatte getrauert – er durfte keine Halbschwester haben, es war kein Mädchen geboren worden, das für ihn vorgesehen war. Er würde nie selbst ein Ei ausbrüten. Er war dazu nicht in der Lage. Die Ammen in der großen Halle hatten ihn von den Eiern ferngehalten, sie hatten sich in Nerinas Gegenwart schwarz gefärbt.
     »Du bist ein Drache Leotrims«, hatte die Mutter gesagt, »ich verbiete dir, deinen Namen abzulegen.« Als hätte sie geahnt, was Nerina wollte. »Du bist Nerina aus den Himmelsbergen. Du gehörst zu mir.«
     Nerina hatte zur Mutter gesagt: »Dieser hier wird kein Leben brüten. Dieser hier wird allein bleiben.« Er hatte die Himmelsberge verlassen und außer Hangameh und der Mutter aller Wasser wusste bis heute niemand, dass Dieser hier ein Weibchen war.
     »Hast du Durst?«, fragte Hangameh, ohne von ihrem Notizbuch aufzusehen.
     »Ja. Durst. Groß«, sagte er.
     Nerina war kein Freund von ganzen Sätzen. Die Gedanken waren träge nach so langem Schlaf. Hangameh gegenüber waren keine guten Manieren vonnöten.

***

Dakota zitterte. Sie hatte Nerina noch nie gesehen. Solange sie lebte, hatte Nerina geschlafen. Jetzt war sie erschüttert vom Schwarz der Haut und der Größe des dunklen Drachen. Ihr war klar, dass die meisten Drachen nie aufhören zu wachsen. Ihr war klar, dass der Dunkle unendlich alt sein musste. Doch sie hatte keine Vorstellung davon gehabt, was das bedeutete. Der Eingang der Höhle war ausgefüllt, Nerina musste sich sogar leicht ducken, um mit den Flügeln durch die Öffnung zu passen.
     Es kam Dakota vor, als hätte sich ein Mond vor die Sonne geschoben, so plötzlich war es dunkel in Hangamehs Heimstatt geworden. Es schien, als würde Nerina Schwärze ausstrahlen. Er absorbierte das Licht um sich herum, sog es ein. Verschlang es. Tötete es.
     »Dakota, bring unserem Gast etwas zu trinken.«
     Dakota hickste vor Aufregung. »Ja … ja, natürlich«, presste sie hervor und verschwand.
     »Gehilfe?«, fragte Nerina.
     »Ja. Leotrim ist groß geworden. Ich schaffe die Arbeit nicht mehr allein.« Hangameh lächelte. Dakota war weit mehr als eine Gehilfin.
     »Meine Aufgabe?«
     »Du musst in die Himmelsberge«, sagte Hangameh.
Gut, dachte er. Zu Mutter. Lautlos flog er davon. Ohne zu trinken.

***

Silván sitzt auf dem Holz eines umgestürzten Liambaumes und blickt zum Horizont. Die Sonne ist schon vor Stunden untergegangen, der Launige Vincent schweigt. Nur sein Licht tastet suchend die Umgebung ab. Er hat schon seit Jahren keinen der Hüter mehr aufs Meer hinausschicken müssen. Die Menschen sind vorsichtig geworden, nur wenige arbeiten noch als Fischer. Das Meer ist mit den Jahren immer unwirtlicher geworden. Manche haben ihre Wasserdrachen abgerichtet, die wenigen Fischsorten, die man noch genießen kann, nach Hause zu bringen. Diejenigen, die es getan haben, sind stolz darauf, ihre Familien auf diese Weise ernähren zu können.
     Die Hüter am Eingang des Hafens sitzen stumm auf ihren Sockeln. Mit ausgebreiteten Flügeln; sie nehmen ihre Aufgabe so ernst wie der Launige Vincent. Die Zeit hat aus dem Angriff des irren Drachen eine Legende gemacht. Eine Geschichte, die man glauben kann oder nicht. Die Hüter aber erinnern sich. Der Launige Vincent erinnert sich: Silván war dabei gewesen. Er hatte erlebt, was aus einem Drachen wird, dem man Leid zugefügt hat.
     Ein Summen erfüllt die Weite um ihn herum wie ein Schwarm Fliegen. Ein Stern summt mit seinem Licht zum nächsten und wieder zum nächsten und so ist das ganze Universum umspannt von einer summenden Lichterkette, die alles sieht – was war und ist und wird. Sie rufen seinen Namen. Silván.

Ende der Leseprobe 

© 2015 by C. M. Hafen und O’Connell Press 


Bände der Trilogie »Das Drachenvolk von Leotrim«:

Band 1: Drachenbrüder
Band 2: Drachensichel
Band 3: Drachenfrieden

eBook Gesamtausgabe

Taschenbuch – Band 1

Drachenbrüder – Taschenbuch auf Wunsch signiert

Unter den Millionen Augen der Lichter lebt das Drachenvolk von Leotrim. Der Drache Norwin hat einen schwierigen Start ins Leben. Eine Amme lässt sein Ei fallen, die Schale ist beschädigt, ein Flügel verletzt. Es wird schnell klar, er wird nie fliegen können. Als er alt genug ist, kommt sein menschlicher Vater, um ihn bei den Menschen leben zu lassen. Die Drachenmutter muss darauf hoffen, dass die jahrhundertealte Verbindung zwischen den Völkern ausreicht, um Norwin einen Platz in ihrer Mitte finden zu lassen. Anfänglich hat sein halbgebürtiger Bruder Ambro Schwierigkeiten, etwas mit seinem Drachenbruder anzufangen. Die beiden passen nirgends hin. Jeder in Leotrim hat seinen Platz, seine Aufgabe. Diese beiden müssen nun selbst herausfinden, wofür sie gut sind.

8,90 €

eBook Gesamtausgabe