Wenn ich nicht Ich wäre

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„Wer wärst du denn, wenn du nicht schon du wärst?“

Komische Frage, denke ich. Aber dann geht´s schon los, die Gedanken schwärmen aus wie Glühwürmchen in der Nacht und schwupps bin ich eine Frau mit langen schwarzen Haaren und hohen Wangenknochen. Kleider stünden mir unheimlich gut. (Wenn ich ein Kleid trage, sehe ich aus wie der Typ aus „Little Britain“, der immer sagt: „Ich bin eine Lady!“.) Aber ich, wäre ich jemand anderes, würde elegant rauchen, ohne das mir davon schlecht wird. Ich würde bei jeder Gelegenheit „Oh Darling“ sagen und hätte einen wunderbaren britischen Akzent. Aber nicht so einen Nuscheligen. Ich könnte natürlich auch schottisch, schließlich hätte ich ja dann auch schottische Wurzeln. Ich hätte ebenso ein kleines idyllisches Haus am Meer und einen schwarzen Hund. Entweder einen braunen Labrador namens Dickens oder eine schwarze, deutsche Dogge namens Bentley den ich Benny-Ben rufe.

Ich würde dick eingemümmelt auf der Veranda sitzen und Geschichten schreiben, voller Mythen und Waldgeister und alle verlieben sich kompliziert. Es wäre herrlich. Nein, ich tippe nicht auf einer altersschwachen Schreibmaschine, so modern müsste es schon sein. Mit einem Laptop und Wörterbüchern aller Art säße ich da. Meine ausgedruckten Manuskriptseiten beschwerte ich mit Steinen, die ich auf meinen langen Spaziergängen gefunden hätte.

Ich würde das Meer riechen, hätte einen salzigen Atem und der Wind brächte mein Haar durcheinander. Am Schluss, wenn ich geschrieben habe, was zu schreiben war, spränge ich übermütig ins kalte Wasser um mir den Tag abzuwaschen.

Natürlich gäbe es Abends einen selbst gemachten Pie und Rotwein vor dem Kamin wo es sehr gemütlich wäre mit meinem Lieblingsrotschopf. Mir würde der Wein schmecken und wir täten Dinge die man bei Rosamunde Pilcher nicht zu sehen bekommt. Hach. 

„Wieso fragst du?“, frage ich zurück.

„Wenn ich nicht ich wäre, sondern jemand ganz anderes, ich wäre wohl mutig.“

Er macht so eine künstliche Pause, er sucht wohl in sich, nach Worten oder Bruder Innerlich, der ihm einen Schubs gibt.

„Mutiger“, sagt er schließlich und lässt den Rest unausgesprochen.

Was das wohl mit mir zu tun hat?

 

 

Textschnipsel aus der Schublade von Carolin Hafen

Erfunden

„Wer ist denn das? Dieser Onkel Karl in deiner letzten Geschichte? Betrügt einfach seine Frau. So ein Schwein.“

„Die Geschichte ist erfunden.“

„M-hm. Aber unter uns: Wer ist das?“

„Ausgedacht, wie die Meldungen in der Klatschpresse und die True Stories in den Frauenzeitschriften.“

„Ja ja ja. Sag es mir trotzdem.“

„Ich habe ihn ERFUNDEN! Den gibt´s nicht.“

„Klar, gibt es den. Sowas kann man doch nur schreiben, wenn man es erlebt hat.“

„Ja natürlich muss ich ein Soziopath sein, damit ich einen Krimi schreiben kann!“

„Boah, komm mir jetzt nicht wieder mit dem Kafka-Käfer-Argument.“

„Du weißt so gut wie ich, dass ich keinen Onkel Karl habe. Noch nie hatte und jetzt auch keinen mehr kriege.“

„Jetzt stell dich nicht so an. Du weißt was ich meine! Wer ist das, ursprünglich? Es ist nicht dein Onkel. Aber wessen Onkel dann? Du kennst den Typ. Komm schon, ich sag es auch niemandem.“

„Okay, ich gebe auf. Der Onkel von Christoph.“

„Christoph?“

„Christoph!“

„Hm, ich kenne keinen Christoph.“

„Doch klar, der Dings von der …wie heißt sie noch?“

„Ach, du meinst…. OH! Ja, das passt. So sind die, total bescheuert die ganze Familie! Wie in der Geschichte. Sehr treffend. Hi hi.“

Textschnipsel; Emil

Ich habe einen Elefanten gefunden im Gebüsch hinter unserem Haus. Er ist nicht sehr groß. Er reicht mir bis zur Schulter und ich bin klein.
Er hat gesagt, er sei sehr alt.
Ich hab gesagt, er könne mein Freund sein, wenn er will.
Ich habe nicht viele.
Jetzt verstecke ich ihn, in unserem Garten. Niemand soll ihn sehen. Er gehört nun zu mir.
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Emil (Textschnipsel.
Mal sehen, ob Emil mich zu einer Kurzgeschichte führt…)

Barfuß im Gras

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Sie stand barfuß im Gras. Das hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr getan. Von irgendwoher, weit weg, aus einer anderen Zeit, drang die Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr. Kind, zieh deine Strümpfe wieder an! Die Füße durften nicht dreckig werden, die Strümpfe mussten an bleiben, die Lackschuhe weiß. Nein, sagte sie. Damals, heute. Und rannte los. Der Klee kitzelte sie weich unter den Zehen, die Gräser und Blumen klopften rau gegen ihre nackten Beine. Der Blütenstaub drang ihr in Nase und Mund, lag dort pelzig auf ihrer Zunge; sie schmeckte den Sommer, eine Mischung aus Gummibärchen und Hansaplast. Sie rannte und rannte, frei und unbeschwert wie lange nicht mehr. Die Grashüpfer und Grillen, aufgescheucht durch ihr Getrampel, ihr Geschrei, sprangen um die Wette, davon. Die Ameisen hielten einen Moment still. Die Eier lagen noch geschützt unter der Erde, die Arbeit ging weiter, ungeachtet von Glorias Glück. Die Welt dreht sich weiter, die Bienen hüpfen von Blüte zu Blüte, vielleicht sind sie die einzigen, die das wirklich verstehen können. Fliegen, wohin der Wind sie trägt, immer zur nächsten Blüte. Glück kennt nur kurze Strecken.

Die Socken flogen durch die Luft, die Blumenwiese und ihre Bewohner werden sich ihrer schon annehmen. Die Schuhe warf Gloria über die Kalksteinklippe, wie ihre Vergangenheit. Sie ließ sich am Aussichtspunkt auf eine braune Holzbank fallen, warm von der Abendsonne, und streckte alle Viere von sich. Ein Grashüpfer hopste auf ihren linken großen Zeh. Ein guter Platz um die Sonne verglühen zu sehen, das fanden beide.