Nach der Lesung

Eine junge Frau sprach mich an, ich schätze sie auf 18 allerhöchstens 20 Jahre. Ihr gefiel mein Text, ich habe mal wieder „Eine Frau sieht rosa“ gelesen und sie war ganz begeistert. Sie sprach schnell und viel und euphorisch. „Es war so toll und so witzig und so wahr und ich wollte mehr und mehr.“ Ich nickte eifrig, freute mich, dass mein Text so gut ankam, man kriegt ja grundsätzlich viel mehr Rückmeldungen, wenn etwas nicht gefällt. Ausführliches Lob ist selten. Die junge Frau redete weiter, ihre Hände untermalten ihre Worte, sie war ganz eifrig bei der Sache. So, wie das nur 18-jährige können. Ich erinnere mich schwach an diese Begeisterung, damals. „Ich wünsche dir Erfolg!“, rief sie und unterbrach ihren eigenen Redefluss abrupt. „Ich wünsche dir Glück mit allem was du machst“, sagte sie, viel langsamer und leiser und nachdenklich. Sie sah mich fest an. „Ich weiß gar nicht, was du dir wünschst. Willst du überhaupt Erfolg? Was ist denn Glück auf der Bühne?“

Und da unterbrach ich mein Nicken und mein gemurmeltes DankeDanke. Was ich mir wünsche? Das hat mich nach einer Lesung und in Bezug auf mein Engagement auf der Lesebühne auch noch keiner gefragt. Uff. Ich sagte, im Eifer des Gefechts: „Ich finde Zufriedenheit erstrebenswert.“ Und das stimmt, nach einigem Nachdenken immer noch. Wenn ich nicht zu schnell war, wenn ich mich nicht verlesen habe (mein ADHS und ich stolpern gern um die Wette) und wenn die ZuhörerInnen an den richtigen Stellen gelacht haben, dann macht mich das sehr zufrieden. Sie dürfen auch an den falschen Stellen lachen, damit kann ich auch leben.

Wir haben noch ein paar Minuten geplaudert, sie wollte mir unbedingt online folgen, wir verabschiedeten uns sehr nett und herzlich.

Jetzt ist es so: Während der Veranstaltung hatte ich den Eindruck, die junge Frau hört gar nicht zu. Weil, wenn ich auf der Bühne bin, kriege ich diverse Dinge mit, ich lasse mich leicht ablenken. Ich meine solche Dine wie Chipstüten-Knistern, Flaschen umstoßen, flüstern. Ich höre das, ich kann lesen und gleichzeitig denken: „Was gibt es denn da jetzt zu flüstern? Das ist schon die dritte Flasche, die umfällt. Menno.“


Auf der Heimfahrt beschäftigten mich also zwei Dinge. Mein Eindruck während der Lesung und unser Gespräch danach – sehr widersprüchlich.

„Wünschst du dir überhaupt Erfolg?“ Wir müssten erst klären, was Erfolg ist. Ich stelle die steile These auf, dass das jeder anders definiert. Aber mir geht’s im Moment um etwas anderes. Diese junge Frau hat ihre eigene Aussage in Frage gestellt im Sinne von: Ist das was ich dir wünsche, das gleiche, was du dir wünschst? Verbunden mit der Frage: Was willst du überhaupt?

Und das ist neu.

Also keine messbare Leistung, kein allgemein formulierter Erfolgsdruck (Nach dem Motto: erst auf der Bestsellerliste bist du was wert), kein Überstülpen der eigenen Weltanschauung. Das ist jetzt schon wieder zwei Wochen her und sie begleitet mich immer noch. Meine Antwort hat sich nicht verändert. Das Nachdenken über diese Begegnung und dieser Schubs machen das Autorinnenleben schön. Merci.

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