Medea

Hello!

Euripides – Medea

Lass uns über Bücher reden. Ich habe mir das Theaterstück „Medea“ angeschaut und dazu das kleine Reclam-Heftle gelesen, ich habe mir den Stoff also vollumfänglich rein gezogen. Es ist nicht alles schlecht an dieser weltweiten Pandemie. Als nämlich das Theaterstück in London aufgeführt wurde, wollte ich zwar hin, konnte aber keine Karten ergattern, was soweit okay war, Urlaub hatte ich nämlich auch nicht. Jetzt, während alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat, zu ist und die ganze Branche nach Wegen sucht, um die ZuschauerInnen zu erreichen, wird wie wild gestreamt und das Netz glüht. So konnte ich mir das Stück nun für 10 Euronen ausleihen und daheim angucken. So günstig bin ich wohl noch nie an Theaterkarten gekommen. Und jetzt würde ich gern meine Gedanken mit dir teilen, dabei muss ich aber wild spoilern, ohne geht es nicht. Also falls du das Stück noch nicht kennst, aber vorhast, das Buch und/oder das Theaterstück zu gucken und jetzt auf keinen Fall das Ende wissen willst, dann klick jetzt bitte weg. Ich hab genug Beiträge hier, du findest sicher was anderes. 

Noch da? Okay. Also. Medea. Wir fallen als Zuschauer mitten hinein: Jason hat seine Frau Medea und die beiden gemeinsamen Kinder verlassen. Natürlich für eine Jüngere, eh klar. Das Froileinchen ist obendrein ein Königskind, das ist auch noch wichtig. Medea, die Gekränkte und Verlassene wütet. Wir erfahren die Umstände, wie sie ihr Vaterland verraten und den Bruder ermordet hat, der Liebe wegen, für Jason. Das nennt man foreshadowing – wenn einem klar wird, was sie alles für die Liebe getan hat, muss man sich nicht wundern, wozu sie aus Rache fähig ist. Allerdings richtet sich ihre Wut nicht in die Richtung, die man vielleicht erwarten würde.

Beim Theater geht es darum mich als Zuschauerin zu überzeugen. Film und Fernsehen funktionieren anders. Wir sind uns hoffentlich einig, dass es unzählige Filme gibt, die man sich getrost hätte sparen können. Ich meine blödsinnige Handlungen, hölzerne Dialoge und DarstellerInnen, die nur hübsch aussehen. Wie oft müssen die Spezialeffekte solche Dinge ausgleichen? Im Theater ist eine Geschichte aufs wesentliche herunter gebrochen, fast nackt. Da wird nichts kaschiert und es hilft kein Requisit, wenn die DarstellerInnen nicht 100 % geben. Vor ein paar Jahren war ich in London und habe mir „The Goat“ angesehen. Ein Kerl verliebt sich in eine Ziege. Ja, richtig gelesen. Er spricht von einer Liebesbeziehung. Den Rest kannst du, wenn du willst, in diesem Blogbeitrag nachlesen. Worauf ich hinaus will: Entweder die DarstellerInnen oben auf der Bühne machen ihren Job jeden Abend absolut großartig und in dem Fall sitzen Leute wie ich auf der Stuhlkante und hibbeln vor Aufregung, oder es werden 1000 Leute unruhig und zücken ihr Handy um zu gucken wie lange dieser Unsinn hier noch dauert. Ich für meinen Teil saß da im Zuschauerraum und war überzeugt, völlig und gänzlich, dass Martin wirklich in Sylvia verliebt ist. Es ist absurd. Und trotzdem dachte ich keine Sekunde daran, ob und wie eklig das Szenario ist. Ich wollte wissen wie es weiter geht. Ich sehe und empfinde mit den Darstellern, und ich verstehe warum es so kommen muss. 

Zurück zu Medea. Sie hat also schon ein paar grausige Taten hinter sich. Nun läßt ihr Mann sie im Stich, wendet sich ab und bricht sein Versprechen. Einzig Kreon, der Vater der Braut schätzt die Lage richtig ein. Er fürchtet sich vor ihr, weil er weiß, wozu sie fähig ist. Also befielt er ihr, dass sie mit den Kindern das Land verlassen muss. Da sie nicht zurück kann, sie hat keine Familie mehr, keine Heimat, wächst ihre Verzweiflung ins Unermessliche. Wohin? Was tun? Allerdings wächst auch die Wut. Sie schmiedet einen Plan, den Ex-Mann und seine Braut zu ermorden. Doch dann fällt ihr etwas anderes ein. Sie bittet Kreon um einen Tag Schonfrist. Schließlich gilt es eine Flucht zu organisieren. Er sagt noch sinngemäß und lapidar: „Gut, was kannst schon Schlimmes an einem Tag anrichten?“

Eine Menge. Sie tränkt ein Kleid in Gift. Sie umschmeichelt ihren Ex und schickt die beiden Kinder mit Geschenken auf das Hochzeitsfest. Sie sollen dort um Gnade bitten, um bleiben zu dürfen. Die Braut begnadigt die Kinder, jeder fasst ihr Auftreten, ihre Geschenke als Versöhnungsgeste auf. Sie zieht das Kleid an, trägt den Schmuck und stirbt schnell und grauenvoll. Kreon, der seine Tochter in den Armen hält, stirbt ebenfalls. In der Zwischenzeit vollendet Medea ihren Racheplan, wahnsinnig geworden, irr vor Trauer und doch ganz klar: Was ist das schlimmste, was sie ihrem Ex-Jason antun kann, ohne ihn zu ermorden? Sie mordet seine Kinder. Es sind auch ihre, aber sie will ihm so sehr weh tun, dass sie sich das selbst antut. Und da schließt sich der Bogen. Im Theater geht es darum zu überzeugen. Das Reclam-Heftchen konnte das nicht. Die Theatervorstellung mit Helen McCroy in der Hauptrolle, konnte es. Es gab keine Möglichkeit und keine andere Chance für diese Frau, für diese Geschichte. Sie musste genau so ausgehen. Ich saß hier, zuhause, auf der Kante meines Sofas und murmelte „Sie wird doch nicht, nein, sie wird doch nicht…“ Und dann: tot. Beide Jungen. 

Medea ist keine Frau, die man mag. Das Stück ist keine leichte Kost, kein Vergnügen. Im Englischen gibt es das Wort „Fierce“. Heftig. Ich hab das Stück auf Englisch gesehen, daher fierce. Es war heftig. Intensiv. Helen McCrory zuzusehen, wie sie als Medea wütet und trauert und den Verstand verliert und mordet. Meine Güte, war das heftig. Und glaubwürdig. Ich fühlte mich… und das ist, warum ich so gern ins Theater gehe… ich fühlte mit. Ich verstand es. Das heißt nicht, dass ich ihre Tat gutheiße. In der Theorie, ganz sachlich und klar, würde ich sagen: Niemals, nie nie nie, ist Gewalt akzeptabel oder eine Lösung oder das Mittel zum Zweck. Aber da im Zuschauer(Wohnzimmer)raum, anderthalb Stunden lang, dachte ich, das geht nicht anders. Es musste so kommen. Ich bin überzeugt. 

Man, wie mir das Theater fehlt. 

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Merci mit Knicks.

Nina in Love

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2 Kommentare zu „Medea

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