Der erfundene Mozart

Schreibbude in Heilbronn

Heilbronn, 4. Juli 2020 / Nachlese

Ein Junge kommt zu mir an den Tisch. Er trägt ein Hiphop-Outfit, zumindest halte ich es dafür. Aber ich bin inzwischen alt und out und uncool. Was weiß ich schon. Der Junge hadert mit Worten, kämpft sichtlich. Nicht, weil er der deutschen Sprache nicht mächtig wäre, sondern weil der Gedanke so komplex ist, dass er das nicht einfach mal einer Fremden in der Fußgängerzone vermitteln kann. „Mozart“ sagt er schließlich. Ich schaue ihn an; Capi, T-Shirt, Jeans. Er ist noch in dem Alter, in dem Kinder das hören, was die Eltern mögen. Ich kriege den Wunsch und das Outfit nicht zusammen. 

„Michael Jackson“ sagt er, als ich ihn frage, welche Musik er hört. Aber das war später. Ganze Sätze sind nicht so sein Ding. Die kleine Schwester, ganz in rosa, dolmetscht uns. Sie sieht, selbstbewußt und klar, was hier passiert. Sie kennt ihren Bruder gut. Ich betrachte, kurz abgelenkt, ihre Haare. Die gehören gebürstet. Wild sieht sie aus, lange braune Haare schwirren ihr um den Kopf, wie elektrisch aufgeladen. Ob er ihr einen Luftballon über den Kopf gerieben hat? Assoziationsketten, das ist mein Ding, in meinem Kopf passieren viele Dinge, sehr schnell. Aber das ist manchmal auch hinderlich. Wenn zum Beispiel ein Kind vor mir steht, und nur langsam artikuliert bekommt, was es möchte. Wir klären also die Grundlagen. Ich sitze hier mit meiner Schreibmaschine und erledige Auftragsarbeiten. Gedichte, Kurzgeschichten, Briefe. Was eben gewünscht wird. 

„Schreibmaschinen“, sagt er, die kennt er. Der Papa hat eine. Er benutzt die auch. Die kleine Schwester ergänzt und erklärt mir, was der Papa beruflich macht, wie schwer es ist, auf einer Schreibmaschine zu tippen. Sie rubbelt, beim reden am Reißverschluss ihrer Jacke herum. Rubb rubb, rauf, runter. Ich mag sie, ich erkenne sie. Ich war auch mal eine kleine Schwester, die meinte, die Welt besser zu verstehen als die Großen. Die immer was dazu erklärte. Ich erkläre gern Dinge. 

Der Junge möchte also einen Schreibmaschinen-Text haben. „Mozart“, sagt er. Ich frage nach, und weiter und mehr. Es macht ja einen Unterschied ob es ein Krimi werden soll oder doch eine Geschichte über Elfen und Hausgeister. In meinem Kopf passiert schon wieder diese Sache. Ich krame im Erinnerungslager nach Sachen die ich von Mozart kenne oder über ihn weiß. Viel ist das nicht, muss ich beschämt feststellen. Die Schublade im Erinnerungslager ist praktisch leer. Im realen Leben geht aber das Gespräch weiter. „Nur das“, sagt der Junge. „Nein, keine weiteren Wörter“. 

Mehr braucht er nicht, aber ich schon um loslegen zu können. Also frage ich ihn, welche Musik er hört. Natürlich nicht Mozart. 

Michael Jackson zählt er auf. Und weitere Namen, von denen ich noch nie gehört habe. Weil ich bin ja inzwischen alt und out und uncool. Nicht, dass ich je jung, in und cool gewesen wäre. Als ich so alt war wie der Bub, habe ich Roy Black gehört, weil meine Mutter… ach lassen wir das. Eine unschöne Assoziationskette. Der Junge trägt mir einen Songtext vor. Ich kenne weder Interpret, noch Titel, und sein Englisch klingt so, als hätte er das noch nicht in der Schule. Wann fängt das an? In der fünften Klasse? 

Wieder kommt die Kleine zu Hilfe. Der Bruder hat ein Referat gehalten, in der Schule. 

Über Mozart, jetzt fällt der Groschen. Zumindest denke ich das. Aber ich habe natürlich keine Ahnung. Er will eine Geschichte über Mozart haben. So einfach, so schwer.

„Aber keine erfundene!“, ermahnt mich das wilde Mädchen.  Ich glaube, sie geht noch nicht mal zur Schule, durchschaut aber mich, den Bruder und alles. Rubb, rubb. 

Keine erfundene also, wär ja noch schöner. Einfach was dazuzudichten. Ich versteh das. Wenn man noch so jung ist, dann helfen nur Fakten und Tatsachen. Alles andere ist ja schon verworren genug. Mozart, tippe ich, war ein Wunderkind. Vermutlich hat er ganz viele Dinge gewußt und erklärt. So wie eine kleine Schwester das manchmal macht. Angeblich sollen Kinder ja ganz schlau werden, wenn sie Mozart hören. Also empfehle ich dem Buben Mozart zu hören, nicht nur Michael Jackson. Und die anderen.

Und manchmal ist es auch klug auf seine kleine Schwester zu hören. 

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