tbt – Steffi sing

#ThrowbackThursday

Eine Kurzgeschichte von Carolin M. Hafen

„Steffi, du bist ein bisschen anders als die Anderen“, sagt Horst, „aber das ist nicht schlimm“. 

Ich finde es schon schlimm. Ich wär gern wie die anderen. Aber das sage ich Horst nicht. Genau genommen bin nicht ich anders, sondern nur mein Rüssel. Horst hat versucht es mir zu erklären. Rüssellähme nennt man das was sich habe. Er hat seinen Arm ausgestreckt und gesagt, mein Rüssel und sein Arm wären gleich. 

„Schau Steffi“, hat er gesagt, „deine beiden Fingerchen am Ende deines Rüssels, die sind wie meine Hand. Damit kannst du greifen, die kannst du bewegen.“

Stimmt, da hat er Recht, ich kann kleine Stöckchen aufheben, auch eine Erdnuss, obwohl die so winzig sind, aber das schaffe ich. 

„Und hier, meine Schulter, die ist wie dein Rüssel oben am Ansatz, das Stück ist auch beweglich“, sagte er und streichelte mich zwischen den Augen und ein Stück darunter. Ich mag das, das weiß Horst auch. Ich mach dann die Augen zu und hoffe, dass er nicht so schnell wieder aufhört.

„Nur das Stück dazwischen, zwischen Hand und Schulter, mein Ellenbogen, der ist gelähmt.“ Nicht Horsts Ellenbogen ist gelähmt, sondern mein Rüssel. Rüssellähme eben.

„Er hat gesagt, da sind ganz viele Muskeln und die würden nicht funktionieren, nicht auf mich hören, wenn ich sie bewegen will. Daher ist mein Rüssel länger als der meiner Geschwister. Er hängt nutzlos herunter, rollt sich auf dem Boden ein Stück zusammen und ich muss verflixt aufpassen, dass ich nicht drauf trete, aus Versehen. Horst kann das nicht, aus Versehen auf seine Hand tappen.

Mit Rüssellähme sind viele Sachen schwierig. Meine Geschwister, die saugen mit dem Rüssel Wasser auf, wenn sie Durst haben und spritzen sich das dann einfach ins Maul. Ich kann das nicht. Horst hat einen Schlauch, der ist grün und da kommt Wasser raus, wenn er so ein winziges, silbernes Dingelchen aufdreht. Er spritzt mir dann ins Maul, weil ich es nicht selber kann. Wenn ich Durst habe und Horst ist nicht da, dann knie´ ich mich ans Wasserbecken und trinke dort. Meine Geschwister lachen mich aus, wenn sie mich so sehen.

Sie wissen, dass ich Rüssellähme habe, aber sie lachen trotzdem. Beim Fressen ist es genauso. Meine Geschwister heben einfach alles auf und stopfen sich ins Maul was ihnen schmeckt. Heu und Äpfel und Möhren und Salat. Manchmal auch hartes Brot, je nach dem, was die Pfleger uns bringen. Horst muss mir alles mit seiner Hand geben, weil ich mit meinen Fingerchen nicht an mein Maul komme. Ich kann die Sachen greifen, aber nicht aufheben.

Ganz schlimm finde ich es, wenn die Sonne scheint und Horst mich raus schickt. Ich muss dann spielen gehen im Gehege, mit den anderen. Weil ich aber so eine empfindliche Haut habe, cremt er mich mit Sonnenmilch ein. Meine Ohren sind dann ganz weiß von dem Zeug und jeder sieht, dass mit mir was nicht stimmt. Ich kann den Leuten schlecht erklären, dass es am Rüssel liegt. Horst erklärt es den Besuchern, manchmal, wenn er Zeit hat. 

Meine Geschwister saugen einfach ein bisschen Wasser auf und spritzen es sich wie eine Dusche über den Rücken. Mit Sand machen sie es genauso. Das ist wie Sonnencreme, nur dass es nicht blöd aussieht. Mit der Wasser-Sand-Mischung kriegen sie keinen Sonnenbrand und die Insekten und Mücken können ihnen auch nichts anhaben. Durch die Dreckkruste kommt keine Schnacke durch.

Horst ist mein bester Freund, das weiß ich. Weil er nämlich weiß, dass ich die Sonnenmilch ganz scheußlich finde. Wenn er ein bisschen Zeit hat, nimmt er den grünen Schlauch und spritzt mich von oben bis unten ab. Oder ich darf ins Badebecken, ganz allein. Hinterher schüttet er mehrere Eimer Sand über mich drüber, der ist irgendwie gelb, aber dann sehe ich genauso aus wie alle anderen. Dann geh ich gern raus.

Horst meint, ich soll den Kopf nicht hängen lassen, einfach nicht hinhören, wenn die anderen lachen. Der hat leicht reden. Der Rüssel hängt ja eh, da ist es leicht, den Kopf hinterher zu hängen. Aber das mit dem weghören, das klappt ganz gut. Manchmal, da hab ich einfach die Nase voll. Nicht mit Wasser, so wie die anderen und genau genommen ist es gar nicht die Nase sondern der Rüssel. Horst sagt, wenn er sich ärgert, er hätte die Nase voll. Horst hat eine ganz winzige Nase, klar dass die schnell voll ist. Ich hab das schon kapiert. Wenn Horst die Nase voll hat und nicht mehr mag, dann geht er nach Hause. Aber wo das ist weiß ich nicht. 

Wenn ich den Rüssel voll hab, so wie Horst die Nase, dann mach ich einfach meine Ohren zu. Das ist dann so, als würde ich auch heim gehen. Horst kann dann quatschen so viel er will und die anderen können Lachen bis sie Bauchweh davon haben, ich hör´ nichts. Horst will nämlich immer üben, diese Geschichte mit seinem Ellenbogen und meinen Muskeln, die nicht auf mich hören. Das ist anstrengend. Er macht irgendwas vor, ich schaffe es nicht es nachzumachen und die anderen lachen. 

Erst seit er mir das besser erklärt hat, mit der gesunden Hand und der Schulter, klappt es ein wenig. Seither üben wir auch im Elefantenhaus, wenn die anderen draußen sind. Das war ein komischer Tag. Horst sagte, er hätte die Nase voll, aber er ist nicht heim gegangen, sondern hat alle anderen raus gescheucht. „Blöde Geschwister seid ihr“, hat er gesagt. Ich hätte mich das nicht getraut.

Er hatte M&M´s dabei, an dem Tag. „Das sind Nüsse, nur bunt“, hat Horst gesagt. Ich hab Erdnüsse bekommen, die sind nicht bunt, mir aber lieber. 

Bunte Nüsse, manchmal spinnt Horst ein bisschen. 

Er hat´s also vorgemacht, das Nüsse werfen. Er hat seinen Arm ausgestreckt und gesagt, seine Schulter ist gesund, und die Hand auch, nur der Ellenbogen ist steif. Und dann hat er ein M&M nach dem anderen genommen und sich selbst, im hohen Bogen, einfach in den Mund geworfen. Aus dem Handgelenk, hat er gesagt. Das hat geklappt. Na ja, er hat nicht alle aufgefangen, mit dem Mund, aber fast.

Ich hab es nachgemacht. Nachdem alle anderen weg waren, hab ich mich auch getraut. Ich griff mir mit meinen beiden Fingerchen eine Erdnuss aus Horst´s Eimer und warf, zack, eine nach der anderen in mein Maul. Na ja, ich hab nicht alle aufgefangen, mit dem Maul. Aber fast.

Als das geklappt hat, hab ich mich so gefreut, dass ich plötzlich so ein Tuut von mir gegeben habe. Ein helles Tuut, ganz kurz, das kam aus meinem Hals. Wie das plötzlich ging weiß ich gar nicht. Horst war genauso erstaunt wie ich.

„Ich wusste gar nicht, dass du das kannst, Steffi“, sagte er zu mir. Ich hätte ihm das ja gern erklärt, aber ich wusste ja selber nicht wie ich das gemacht habe.

Mit dem Fuß schob er den Eimer näher zu mir. „Kannst du das noch mal?“

Ich hab eine Nuss genommen, geworfen, getroffen und Tuut gemacht. Ganz kurz. Horst schien sehr zufrieden.

„Steffi kann singen!“, lachte er. Ich und singen? Ich sagte ja schon, manchmal spinnt Horst ein bisschen. Doch dann sagte er was, das hat mich neugierig gemacht.

„Deine Geschwister können das nicht!“ Horst flüsterte, doch ich hab´s genau gehört. Vor lauter Aufregung hab ich wieder Tuut gemacht.

Horst hat mir auch das erklärt. „Woher sollst du denn wissen, dass du singen kannst, wenn dir keiner sagt, dass du singen sollst? Deine Mama ist hier im Zoo geboren, sie kann es nicht, niemand hat es ihr beigebracht. Daher können deine Geschwister auch nicht tuten. Nur du.“ 

Nur ich.

Horst sagt, mein tuuten klingt wie eine kaputte Trompete. Was eine Trompete ist weiß ich nicht, aber kaputt klingen will ich nicht. Daher üben wir, zum Werfen auch noch Tuuten. Er meint, ich soll versuchen den Ton zu halten, es also länger machen.

*

Ich hab mir das selber beigebracht. Ich habe keine Ahnung, wie ich das angestellt habe, es ist mir auch egal. Denn jetzt ist alles ein bisschen anders, nicht nur mein Rüssel, sondern alles. Wenn meine Geschwister jetzt lachen, wenn ich mich zum trinken hinknie´, dann tuute ich ein bisschen. Dann sind sie gleich still.

Horst sagt, sie sind neidisch, weil sie es nicht können. Sie versuchen es wohl, wenn ich nicht da bin. Die Besucher freut mein Tuuten auch. Die stehen jeden Tag um das Gehege. Früher hab ich mich nicht raus getraut. Ich dachte die lachen und dann tappe ich versehentlich noch auf meine Fingerchen und falle hin. 

Nun geh ich gern raus, Horst füttert alle, auch mich, und ich werfe meine Nüsse. Inzwischen kann ich das sogar mit Äpfeln. Nur mit halben, aber immerhin. Und wenn ich getroffen habe, tuute ich. Einfach so. 

Und wisst ihr, was noch passiert ist? Ich hab Stoßzähne bekommen. Eines Tages lugten die einfach so raus, links und rechts neben meiner Nase äh… neben dem Rüssel natürlich. 

Horst hängt meinen Rüssel nun einfach über einen meiner Stoßzähne, jetzt kann ich auch nicht mehr drauf treten. Horst und ich laufen jeden Tag einmal durch den Park, ich hab meinen Rüssel über dem Stoßzahn hängen, Horst futtert bunte Erdnüsse und jedes Mal, wenn ein Besucher ruft „Steffi sing´“…  

Na, was denkt ihr wohl?

Horst hatte Recht. Ich bin ein bisschen anders als die Anderen. Aber das ist nicht schlimm.

© Carolin M. Hafen

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