Was man von hier aus sehen kann

Meine Meinung:

Mariana Leky hat mich kalt erwischt. Irgendwo auf der Autobahn, zwischen Stuttgart und München hab ich das Lenkrad fest umklammert und plötzlich losgeheult wie ein kleines Kind. Aber der Reihe nach. 

Der Klappentext klang nett. Ich hatte keine Erwartungen an das Buch, kannte weder die Autorin noch die Sprecherin. Völlig ohne Erwartung an ein Buch heranzugehen ist wohl die beste Haltung. Dann kann nämlich alles passieren. Erwartungen können ja nur enttäuscht werden. Und was kann ein Buch oder ein Film dafür, wenn sich in meinem Kopfhaus etwas anderes abspielt, als mir da erzählt wird? Leserinnen, und ich nehme mich da nicht aus, nehmen es Autoren gern übel, wenn sie mit ihren Figuren andere Wege gehen, als man erwartet. In Büchern herrscht ja noch Gerechtigkeit und eine gewisse Ordnung. Meisten jedenfalls. Aber ich schweife ab. 

Ich habe wenig gedacht, bei der Auswahl dieses Romans. „Was ist ein Okapi?“, mag dabei gewesen sein. 

Ich suche mir Hörbücher nach der Stimme aus, nicht nach dem Inhalt der Geschichte. Weil, ich muss der Person, die mir da was erzählt mehrere Stunden zuhören. Bei einem John Irving Roman sind das schnell 20 Stunden. Also habe ich die erste CD in den CD-Player geschoben und schon nach wenigen Minuten gewusst: Das passt. Sandra Hüller und ich werden gute Freundinnen. Und dann kam Selma und ihre Enkelin Louise. Der Optiker Palm und Martin, meine Güte. Wir sind gute Freunde geworden auf der A8. Ich habe gelacht und geweint, ich bin nicht nah am Wasser gebaut, wirklich nicht. Ich lebe nah an der Wut, aber das ist eine andere Geschichte. 

Ich mag es, wenn ich so eingeladen werde, ich ein Haus, in ein ganzes Leben. Der Optiker liebt Selma. Louise liebt Martin. Die eigensinnige Marlies liebt niemanden. Und ich kann alles sehen, von Anfang bis Ende, so scheint es. 

Eine Frau, die von einem Okapi träumt, das klingt erst mal langweilig. Wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag jemand. Und ich verfolge alle Dorfbewohner, versuche zu erahnen, wen es wohl treffen wird. Manche mag man ja lieber als andere. Dieser Schuft, der sein Kind schlägt, der kann meinetwegen gerne abtreten… sowas kann ich denken, während ich lausche. Ist ja nur eine fiktive Figur, ich bin kein schlechter Mensch. Echt nicht. Alle Bewohner im Dorf regeln, angesichts des drohenden Unheils, ihre Angelegenheiten. Jeder bereitet sich darauf vor, derjenige zu sein, denn es trifft.

Es ist es also nicht langweilig, das Dorfleben im Westerwald, kein bisschen. Es ist so wenig langweilig, dass ich nun das Hörbuch besitze, und es mir jetzt im Weihnachtsurlaub noch mal anhöre. Ich muss nämlich wieder nach München. Ich will diese Innigkeit noch einmal spüren. Das ist etwas, das ich auch selten mache. Ein Buch zwei Mal lesen… oder hören. Aber die Dorfbewohner sind mir so nah gekommen, Mariana Leky hat die Klaviatur meiner Emotionen perfekt bespielt. Ich bin in diese Welt eingetaucht und habe den Figuren all meine Zuneigung hin geworfen: „Hier, das ist alles was ich habe!“.  

Jedes Wort zum Inhalt ist eigentlich ein Wort zu viel. Ich habe schon genug mit deinen Erwartungen gespielt. Geh ganz neutral ran. Denk nicht so viel darüber nach, wer stirbt. So ist das Leben. Menschen sterben. Aber bis es soweit ist, passiert ganz viel. In diesem  Mikrokosmos der Liebe. 

  • Autorin: Mariana Leky
  • Sprecher: Sandra Hüller
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
  • ISBN-10: 3832198393
  • ISBN-13: 978-3832198398

Klappentext:

Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben

Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen, verschwinden lassen oder in Ordnung bringen, erzählt Mariana Leky in ihrem Roman – und natürlich noch viel mehr. Was man von hier aus sehen kann ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt. Aber es ist vor allem ein Buch über die Liebe im Modus der Abwesenheit.


2 Kommentare zu „Was man von hier aus sehen kann

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