Wenn ich die Wahl habe zwischen Kind und Karriere, nehme ich das Sofa

Claudia Haessy schreibt mir aus der Seele. Pragmatisch, derb mit vielen Hitlervergleichen und einer Misanthropie, die kompatibel zu meiner scheint. Wenn ich Menschen mögen würde, was ich selten tue, würden wir uns verstehen. Stumm. Zunicken reicht völlig. Beim Cupcake essen muss man nicht miteinander reden.
Ihr stalke ihren Blog nun schon einige Zeit (ich weiß nicht, ob es schon Jahre sind, ich wünsche es mir aber.) Oft denke ich mir, sie hat einen größeren Wortschatz als andere Menschen, und ich möchte Gollumartig brüllen: Diebin, gib ihn mir wieder, meinen (Wort)Schatz. Aber das wäre ja sehr, sehr seltsam. Mache ich also nicht. Statt dessen beömmle ich mich über die Anekdoten über den Antichristen und den Mann, über gescheiterte Diäten, über Sportversuche, lange Listen und ekelhafte Menschen in der Bahn. Immerzu habe ich ein Schütteltrauma, nach einem ihrer Beiträge, weil ich alles so heftig abnicken muss. Und nun, endlich, endlich gibt es ihren Menschenhass in Buchform. Wie konnte ich nur ohne leben und: wann gibts das nächste Buch? Wenn ich die Wahl habe, zwischen einem schlanken Körper, und sozialen Kontakten, wähle ich Netflix. Oder so.

Der Titel zum Buch ist so sperrig wie Claudia selbst, und mir ist völlig egal, wo die echte Claudia anfängt und die Buch-Claudia aufhört. Es ist sehr, sehr großartig und ich will mehr davon. Überhaupt, war es mal an der Zeit eine Liebesgeschichte zu erzählen, die nicht von Zucker, Kitsch und bis-ans-Ende-unserer-Tage erzählt. Das Leben ist nämlich nicht so, und ich finde es sehr erfrischend, darüber etwas zu lesen. Ein Kind ist nicht die Erfüllung deines Lebens? Das traut sich ja kaum eine Frau laut zu sagen. Aber der Reihe nach.

Die Buch-Claudia ist keine, die ihr Leben absolut im Griff hat und weiß was sie will… nein, sie meldet sich besoffen bei einer Partnerbörse an (wer tut das auch nüchtern? Pft!) und lernt einen Typen kennen, mit dem das Bumsen ganz angenehm ist. Bei ihr heißt das Koitus und klingt wie Exitus, und man meint kurz, es würde nur ganz, ganz wenig Spaß machen. Das Verhüten, jedenfalls, kriegen sie nicht so gut hin. Bums, schwanger. Ungeplant. Was ist denn bitte geplant? Ich weiß nicht, ob ich Frauen, die schon mit 16 wissen, dass sie einmal ein Kind namens Konstantin haben werden, und das dann planmäßig durchziehen, bewundern oder bedauern soll. Jedenfalls. Claudia will das Kind, wenn auch sonst nichts. Menschen sind nicht so ihr Ding. Weder Gynäkologen, Hebammen oder Yoga-Tanten. Ich mag ihren Pragmatismus, ihre Planlosigkeit und die verbalen Rundumschläge, weil alles drin zu behalten, anstrengend ist. Amen!

Ich habe das Buch an zwei Abenden inhaliert, laut gelacht, sehr oft sogar und mein Gesicht am Cover gerieben, weil ich dachte, so könnte ich ein bisschen Schwärze auf meine Seele reiben. Das habe ich gebraucht, also das Buch, diese Sorte Humor. Ich bestreite mein Leben ab jetzt mit der Frage: Was würde Claudia Haessy tun?

 


 

Eckdaten:

  • Claudia Haessy
  • Rowohlt Taschenbuch Verlag
  • Erscheinungsdatum: 21. Juli 2017
  • Roman

 

Klappentext:

Claudia Haessy schreibt irrsinnig komisch und herrlich derb über die angeblich schönste Zeit im Leben einer Frau. Für die meisten versprechen die zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest das ersehnte Glück, für Claudia dagegen eher eine mittelgroße Katastrophe. Denn Kinder mag sie eigentlich nicht sonderlich. Und der Umstand, dass sie den Vater in spe erst zwei Monate zuvor im Internet kennengelernt hat, sorgt für zusätzliche Turbulenzen. Mutig wirft Claudia ihre Lebensplanung über den Haufen und tauscht Netflix and Sofa gegen Umstandsmode, Schwangerschaftsyoga und Stillhütchen.
Ein wunderbarer Roman über die Liebe in Zeiten der Schwangerschaft.

«Ich glaube nicht an die große Liebe, sondern nur an einen unausgeglichenen Hormonhaushalt. Wenn es den Topf zu meinem Deckel irgendwo geben sollte, ist er vermutlich ein 52-jähriger Chinchilla-Züchter, der ohne Strom und WLAN in den peruanischen Anden lebt.»

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