Eindrücke aus Second Life

Liebes Universum,

ich habe meine erste virtuelle Lesung hinter mir. Mein Vater, der am Samstag anfing meinen Fantasy-Roman zu lesen, und sich mit seinen 73 Jahren ein bisschen schwer tut, sich mit Drachen in einer archaischen Welt zurecht zu finden, fragte, was denn Second Life sei und was man da macht. Ich habe es dann wie ein Computerspiel erklärt – eine Figur, die man selber gestaltet und durch eine virtuelle Welt steuert, mit dem Unterschied dass man auf niemanden ballert, sondern wie gestern sich hinsetzt und an einer Lesung teilnimmt. „Ah ja“, sagte er und meinte „Hä?“.

Ich saß also mit Kopfhörern in meinem Arbeitszimmer, die Schildkröten in ihrem Terrarium neben mir, dotzten mit dem Kopf an die Glasscheibe – das tun sie gern wenn ich rede. Wenn ich nur am Computer sitze und schreibe, liegen sie nebeneinander und glotzen mich an. Aber wenn ich telefoniere oder Besuch habe und es wird gesprochen, meinen sie wohl es ginge sie an, da wollen sie dann immer ausbrechen und partizipieren, was ich sehr süß finde. Gestern jedenfalls, waren sie hochengagiert und taten lautstark kund, dass sie auch da sind.

Es war eine doppelte Premiere für mich, meine erste virtuelle und meine erste Drachenbrüder-Lesung. Obendrein war ich auch noch die 100ste vortragende Autorin der Gruppe „Brennende Buchstaben“. Wow. Doppelt, was sag ich, dreifach toll. Ich ziehe meinen Hut vor den Organisatoren, tolle Leistung – so viel Engagement für die Literatur.

Ich habe zwei Kapitel aus meinem Roman gelesen, ca. 40 Minuten. Hinterher war ich völlig platt. So lange am Stück zu lesen bin ich nicht gewohnt. Bei den get shorties kommt es auch mal vor, dass ich an einem Abend drei oder sogar vier Kurzgeschichten lese – zum Beispiel bei der Kulturnacht in Böblingen, aber dazwischen hatte ich immer eine Pause.

Es ist merkwürdig am Schreibtisch zu sitzen mit Kopfhörern und nichts vom Publikum mitzukriegen. Ich hab irgendwas von „normalerweise sitze ich vor Menschen“ gesagt. Das ist natürlich quatsch. Ich saß gestern auch vor Menschen. Die waren real und haben mich genauso angeschaut wie bei einer „normalen“ Lesung. Nur habe ich sie nicht gesehen. Ich sah sie natürlich schon. Also ihre Avatare. Da war zum Bespiel einer (ich weiß nicht mehr ob es eine Frau oder ein Mann war) dessen Avatar in Flammen stand. In Flammen. Wie cool ist das? Ich sah also belustigt zu, wie da Männlein, Roboter und Feen (?) ankamen und sich setzten. Ein anderer hatte immer so eine Wolke vor dem Mund. Irgendwann patschte ich mir die Stirn ab; der raucht. Und das fand ich dann sehr komisch. Da gestaltet sich jemand eine Figur, mit Klamotten und Brille und allem drum und dran. Und sitzt zum Schluss da und raucht Pfeife. (Ich frage mich gerade ob man sich auch ein Haustier dazu gestalten kann. Ich wollte schon immer Mal einen Hund.)

Ich dachte ja, ich blick schon voll durch, kann sitzen und fliegen, und das mein Avatar ein Buch in der Hand hielt und tatsächlich las, beeindruckte mich schon fast nicht mehr, weil Hey, ich sitze in einem virtuellen Gebäude,mdas aussieht wie der Dresdner Zwinger, mit Kunst an den Wänden und seitlich über mir war noch so ein Urtier – ich hab nicht mal gefragt, was das ist, sah jedenfalls aus wie eine Mischung aus Rochen und Dinosaurier – da ist doch ein Buch pillepalle. Oder? 😉 Tja, und prompt habe ich mir, zur Erheiterung der Anwesenden, einen Würfel angezogen. Mein Avatar stecke dann da drin, dabei wollte ich nur wissen, was der Würfel für Infos beinhaltet. Sprichwörtlich: mich. Also war ich wieder geerdet, setze mich brav und machte keinen Unfug mehr. 🙂

Wenn sich die Leute zu Wort gemeldet haben, dann in einem kleinen Chat-Fenster, das ich nicht im Blick hatte, während ich aus meinem Buch las. Auf einer Bühne, mit Scheinwerferlicht ist es schnell warm, die Atmosphäre ist direkter, die Ablenkung auch. Ich höre und sehe die Leute, merke sofort, ob ein Scherz anklingt oder nicht – und mache dementsprechend Pause. Gestern habe ich wie mit Scheuklappen gelesen, ich war ganz bei mir, hatte so auch Zeit zu registrieren: Bin ich zu schnell? Betone ich anständig? Das war interessant und auch angenehm zu lesen, gleichzeitig unwirklich. Wenn dann jemand ins Chat-Fenster „Applaus“ schrieb, musste ich sehr grinsen. Was für eine Welt. Ich hätte gerne noch gefragt, wo denn die Zuhörer ihre Computer stehen haben – es werden ja, nicht wie sonst, wenn ich im Raum Stuttgart lese, alles Schwaben gewesen sein. 🙂 Ich mag die Vorstellung, dass da ganz unterschiedliche Leute, über Deutschland verteilt, einfach an einem Ort zusammen kommen und eine Erfahrung teilen. So gesehen, war es so intim, als hätte ich die Leute alle in mein Wohnzimmer eingeladen. Sehr cool.

Vielen dank dafür.

~Caro

Hier noch ein paar Links mit Bildern und Rückmeldungen der Zuhörer.

Kueperpunk2012

BukTomBlog

Hydorgol

DSCF7342

5 Kommentare zu „Eindrücke aus Second Life

  1. Guten Tag,
    ja, die Beschreibung „wie ein online – Computerspiel – nur dass es eben kein Spiel ist“ – die trifft es schon ganz gut.
    Wobei es viel mehr ist. Neben Lesungen, Konzerten, Kunstausstellungen, 3D – Installationen, etc. ist halt auch viel Kommunikation in Gruppen möglich – und eigenes bauen und konstruieren. Landschaften, Gebäude, uvm. können gestaltet werden.
    Besucher_innen von Lesung sind RL (real life) nicht immer nur auf Deutschland beschränkt. Österreich, Schweiz, – letztlich die ganze Welt, wo immer sich deutschsprachige Menschen halt grad` aufhalten.
    Vor ein paar Jahren hörte ich mal einem Konzert zu, bei dem die in SL zusammen als Band auftretenden Musiker RL sich auf drei verschiedenen Kontinenten aufhielten. 🙂
    Die Vorlesestimme, Klarheit der Artikulation, Lesetempo, Melodie, usw. fand ich wirklich gut- und auch sympathischer als die „Normalstimme“. – Letzteres ist nicht böse gemeint! Ein rein und höchst subjektives Empfinden!
    Die Lesung war gut besucht, ca. 28 Besucher_innen schätze ich. Mehr bringen i.d.R. auch durchschnittliche „reale“ Lesungen nicht zusammen (es sei denn bei A-Promis), so meine Erfahrung.
    Wir hatten uns auch wirklich Mühe gegeben, vorab, mit der PR.
    Ich hoffe, dass nicht nur die Organisation durch die Brennenden Buchstaben absolut berechtigten Beifall fand, sondern auch meine als konkreter Gastgeber. (Ambiente, Deko, etc.)
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.
    aka
    BukTom Bloch
    – Freie Bibliothek Pegasus in SL –

    1. Sehr geehrter Herr Burkhard Tomm-Bub,
      ich meinte natürlich auch Sie. Allerdings bin ich davon ausgegangen, dass Sie Teil der Brennenden Buchstaben sind.
      Also explizit Sie: Vielen Dank für Ihre Mühen.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Carolin Hafen

  2. Sehr geehrte Frau Hafen,
    das kann ich nicht ahnen, nicht wahr.
    Anders als Sie offensichtlich glauben, ging es mir nicht um „Dankesworte“ – ich habe immer nur gern konkrete Rückmeldungen, feedback. Dadurch lerne ich nämlich. Und das will ich, im Dienste der guten Sache (Literatur).
    Und in der Tat kooperiere ich seit ca. Mitte 2008 gern und oft mit den BB.
    Aber meine SoKs (Sozial kreative SIM), LyrikWalk und insbesondere die Freie Bibliothek Pegasus – das sind in der Tat eigene, autonome Projekte, die schon ebenso lange Bestand haben.
    Ich habe in die Bewerbung, in die PR für Ihre Lesung einige Stunden Arbeit gesteckt, in die Einkäufe (ja, die kostet teils reales Geld) und Anordnung der Deko ebenso.
    Neben den BB, die ähnliches taten.
    Und ich würde es wieder tun. Nicht für Sie als Mensch, deren in meiner Wahrnehmung patzige Art ich nicht mag, aber für Sie als gute Autorin und routinierte Vortragende.
    Und nein, wenn auf meiner SIM Veranstaltungen sind habe ich NIX davon: die komplette SIM ist unkommerziell, es wird nichts verkauft und nichts beworben.
    Dies nur mal zur Information.
    Von meiner Seite aus können wir diesen Dialog nun gern beenden, als kranker, ältere Mann reagiere ich auf manches ein wenig psychosomatisch.
    Für konkrete Lesungsaktionen stehe ich aber, wie gesagt, uneingeschränkt zur Verfügung.
    Sollte dies aus Antipathie nicht gewünscht sein (was ich gut verstehen könnte): die BB verfügen über eine Menge weiterer Kooperationspartner_innen für Lesungsorte!
    Gruß
    Burkhard Tomm-Bub

    1. Sehr geehrter Herr Bukrhard Tomm-Bub,
      was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?
      Ich war weder patzig, noch habe ich die Anrede weg gelassen. Ich weiß nicht welches Problem Sie mit mir haben, aber offensichtlich kann ich es nicht richtig machen, also lass ich es.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Carolin Hafen

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