Scheitern. Oder: Was ist ein guter Text?

Ich muss schreiben.

Wenn ich diesen Satz laut sage, sehen mich andere Menschen immer sehr irritiert an. Müssen?

Ja. Schreiben ist eine Reise mit vielen Bergen. Ich habe schon manches Mal verzweifelt gedacht:

Das war´s. Ich schmeiß das hin. Ich will nicht mehr.

Kaum ein paar Tage später erwische ich mich dann dabei, wie ich Gedanken in ein kleines Notizbuch kritzle, wie ich Links abspeichere, weil ich da noch was recherchieren will, wie ich Servietten im Café vollschreibe, weil mir eine schöne Formulierung eingefallen ist. Selbst im Urlaub, wenn ich mich guten Gewissens zurücklegen könnte, arbeitet mein Hirn weiter. Riechst du das? Beschreib mal diesen Geruch… Wie sähe dieser Ort in Worten aus?

Schwupps, bin ich wieder am Notieren. Ja, ich muss. Ich habe die letzten Jahre keine einzige Woche verbracht ohne zu schreiben oder übers Schreiben nachzudenken. Ist das Besessenheit? Ja. Ich habe versucht es sein zu lassen. Und bin gescheitert. 🙂

Und wann ist ein Text gut? Mein Ich, als Leser, meint: Wenn etwas in mir anklingt. Jeder Mensch hat seine Meinung, Eindrücke, Ansichten, Perspektiven. Wenn einem Buch, einem Musikstück, einem Film, einem anderen Menschen gelingt, dass ich eine neue Einsicht gewinne, einen anderen Standpunkt, dann finde ich das gut. Genau das möchte ich auch erreichen, wenn ich selbst schreibe. Ich will nicht die Welt verändern. So hoch sind meine Ambitionen nicht. Aber mal ehrlich: Ein Buch ist doch auch nur eine Form von Voyeurismus. Wir verfolgen Figuren, die wir im besten Fall mögen, bis in den letzten Winkel seines Denkens und Fühlens und Handelns. Echte Menschen wehren sich, wollen ihre Geheimnisse bewahren, aber Buch-Menschen laden uns ein. Sieh her, ich habe schreckliches durchgemacht, ich bin daran gewachsen.

Ein gutes Beispiel für einen guten Text, der sehr in mir geklungen hat, ist dieser unsägliche Amok-Flug. Alle Welt kümmert sich um den Co-Piloten. Das hier ist kurz, prägnant und wahr. Gefunden bei Tumblr.

trueclara:

trueclara:

Forget about the co-pilot who killed everyone. He WANTED everyone to know his name.

Remember the pilot. Remember him. He was kicking that door as hard as he could, he was trying to save everyone.

I want to know his name.

Captain Patrick Sondheimer

Remember this name.

8 Kommentare zu „Scheitern. Oder: Was ist ein guter Text?

  1. Guten Tag,

    das sind zwei Themen.
    Einmal übers Schreiben. Ein interessanter Einblick, eine spannende Perspektive.

    Das zweite Thema greift das Flugzeugunglück auf. Und ich nenne das ganz bewußt so.
    Natürlich ist Captain Patrick Sondheimer ein ehrenwerter Mann, dem Anerkennung gebührt.
    Ohne Einschränkungen.

    Aber: wer von uns hätte in dieser Situation NICHT alles getan, um zu versuchen, das eigene Leben und das vieler Anderer zu retten?
    Es war als Kapitän auch seine Pflicht.
    Erfolgreich war er leider nicht.

    Bitte nicht als Angriff, oder Beleidigung verstehen: die Worte zum Copiloten stoßen mir sehr „sauer auf“.

    Zitat:
    “ … Forget about the co-pilot who killed everyone. He WANTED everyone to know his name. …“

    Hat er die anderen Menschen wirklich ERMORDET?
    War wirklich sein Hauptmotiv, dass „jeder seinen Namen kennen soll“?
    Ausgeschlossen!
    Den Namen kennen, als psychisch Kranker, als jemanden, der seiner Familie alles andere als Ehre macht, als jemand der von der Boulevard – Presse als „Massenmörder“ gehandelt wird (noch lange vor Ende der offiziellen Untersuchung, btw.)?
    Nein!
    Diese Mann war (wie es zur Zeit aussieht) sehr schwer krank. Und daher ist das Ganze ein Unglück. Kein Massenmord.
    Vergessen soll man ihn?
    Nicht wäre schädlicher als das!
    Auf seinen Namen kommt es dabei nicht an, richtig.
    Aber darauf, dass der Aufbau der Sicherheitssysteme im Flugzeug in einer Weise falsch war, die derlei ermöglichte.
    Darauf, dass Menschen mit Depressionen besser und früher geholfen werden muß.
    Darauf schließlich, dass hiermit stets der intensive Hinweis verbunden sein muß, dass Depressive häufig zu Selbstmördern werden – äußerst selten aber zu Menschen, die Andere mit in den Tod reißen.
    Manche Selbstmorde beeinträchtigen oder gefährden auch Andere, ja.
    (Vor den Zug werfen, von der Autobahnbrücke springen, u.ä.)
    Aber dies ist als Symptom einer sehr schweren Krankheit zu werten, nicht als „Schuld“.
    Würde man einem gestorbenen Krebskranken, der vor seinem Ableben noch zehntausende Euro Kosten verursacht und seine „Freunde und Verwandte allein läßt“ Vorwürfe machen?
    Selbst wenn er zuvor ungesund gelebt hat?
    Eben.
    Bei einer der „unsichtbaren Krankheiten“ dieses Schweregrades ist es in der Tat genauso.

    Nichts für ungut!

    MfG
    Burkhard Tomm-Bub

    1. Ach herrje. Eine Grundsatzdiskussion. Da habe ich grundsätzlich keinen Bock drauf. Ich habe geschrieben, was für mich ein guter Text ist und warum. Du klingst so, als ob du wüsstest, was dieser Mann dachte und was ihn motiviert hat. Das weißt du aber nicht. Keiner weiß es ausser ihm. Und sagen kann er es uns nicht mehr.
      Ich bin Autorin, ich gehe menschlichen Verhaltensweisen auf den Grund, nähere mich schreibend an, versuche zu verstehen und letztendlich versuche ich nur eine Geschichte zu erzählen. Eine aus vielen. Wenn der Leser sagt: „Versteh ich“ ist mein Ziel erreicht. Und das schöne dabei? In dieser literarischen Welt gibt es kein „entweder oder“ und kein reines schwarz-weiß. Daher mag ich die Literatur. Nur dort können Meinungen, Menschen und ihre Perspektiven, letztendlich ihre Motivation nebeneinander existieren. In einem Buch akzeptiert der Leser was der Protagonist tut, ebenso wie das, was der Antagonist tut. Da ist kein Widerspruch. Beide Seiten kann man nachvollziehen (man muss nicht alles gut finden, das ist was anderes) Wenn wir das im wahren Leben schaffen würden, wären wir menschlich ein echtes Stück weiter. So meine ich auch hier, kann deine Ansicht über Depressive, die ich übrigens teile, genauso – ohne Widerspruch – neben meiner Ansicht, dass dieser oben zitierte Text gut ist, bestehen.

  2. Guten Tag.

    Ich bedauere gegen die ungeschriebenen Regeln hier verstoßen zu haben. Die ich allerdings nicht kannte -und nicht kennen konnte.

    Da es hieß (Zitat):

    “ … Ach herrje. Eine Grundsatzdiskussion. Da habe ich grundsätzlich keinen Bock drauf. …“

    – äußere ich zum Thema kein Wort mehr.

    Ich stelle gern anheim, meinen Beitrag zu löschen.

    Ganz allgemein möchte ich aber abschließend doch noch bemerken (falls erlaubt), dass ich mir durchaus zutraue, fundierte Aussagen über Menschen mit psychischen Problemen machen zu können.

    Meine beruflichen Ausbildungen stellen hierbei nur einen der Bausteine meiner entsprechenden Kompetenz dar.

    http://www.omniavincitamor.de/40350/79001.html

    Ich erwähne dies nur, um klar zu machen, das ich mich keiner willkürlichen, oberflächlichen und rein subjektiven Äußerungen befleißige.
    Wie es diesbezüglich bei Herrn oder Frau „trueclara“ aussieht (hier wird die Behauptung gar in Versalien geschrien „WANTED“) -das weiß ich nicht.

    Ich werde hier nicht mehr störend in Erscheinung treten. Und natürlich auch sonst nicht, vorsichtshalber.

    Gruß
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

    1. Welche Regeln? Du hast gegen keine Regeln verstoßen. Ich lösche nichts, brauchst du auch nicht. Äussern kannst du dich so viel du willst, ich werde hier keine Zensur betreiben. Ich bin nur überrascht, dass ein Dreizeiler, den ich als Beispiel anführe, eine solche Diskussion überhaupt auslöst. Ich bezweifle auch nicht deine Kompetenz. Ich habe dir lediglich nicht Recht gegeben, das ist alle. Und gesagt, das zwei Meinungen nebeneinander stehen können. Die Welt geht davon nicht unter. 🙂
      Lass dich doch von mir nicht ins Bockshorn jagen.

  3. Guten Tag,

    obwohl eigentlich nicht beabsichtigt, muß ich nun doch noch einmal antworten.
    Mit einem Bockshorn hat das nichts zu tun.
    Sondern mit zwei anderen Dingen.

    a) Mit Respekt meinerseits.
    Im eigenen Thread, erst recht im eigenen Blog ist der Autor / die Autorin ununmschränkteR Herrscher_in.
    Viele rufen dann „Zensur“, „Einschränkung der Meinungsfreiheit“, u.ä., wenn eine gegenteilige Meinung geäußert wird, oder der Tonfall nicht behagt.
    Ich sehe das ganz anders (s.o.)
    Der / die Betreiber_in hat das Recht ALLES zu tun, was ihm oder ihr behagt.
    Der Gast hat das Recht zu bleiben – aber nur wenn er darf. Oder von sich aus zu gehen. Was ich tue.

    b) Eine Äußerung ohne Anrede, die mit den Worten beginnt: „Ach herrje. Eine Grundsatzdiskussion. Da habe ich grundsätzlich keinen Bock drauf. …“, IST für mich ein Tonfall, der mir absolut nicht behagt. So würde ich höchstens mit Gegnern umgehen, wenn sie mir zuvor schon mit einem ähnlichen Tonfall gekommen wären.
    Nicht unter neutralen Gästen, die ich evtl. sogar halten will. Erst recht nicht unter Menschen, die andernorts kooperieren. Und zumal in einem Literaturblog.
    Aber dies ist nicht als Angriff, oder als Kritik zu verstehen. Es entspricht lediglich meinem subjektiven Empfinden und ist – bei Bedarf – höchstens als ein feedback, eine Rückmeldung anzusehen.

    Auf Wiedersehen.

    Burkhard Tomm-Bub, M.A.
    aka
    BukTom Bloch

    1. Sehr geehrter Herr Burhard Tom-Bub,

      Das hier ist ein Sudelblog, keine Geschäfts-Korrespondenz. Und wie du sagst, es ist mein Blog. Hier führe ich mich auf wie ich das will. Ich verstehe einen Kontakt hier wie einen Chat und daher spare ich mir sehr oft Anrede und Abgang. Meine Äusserung zum Thema Grundsatzdiskussion ist Ausdruck meiner Müdigkeit angesichts dessen was ich die letzten Tage erlebt habe: An Medienberichterstattung und Diskussionen privaten Raum. Ich wollte nicht respektlos sein, wenn das so bei dir angekommen ist, war es nicht beabsichtig. Das tut mir leid. Ich weise nochmals darauf hin: Mir geht es hier einzig ums Schreiben, das hier ist mein Universum. Ich stehe zu dem Post, den ich geschrieben habe und bin nach wie vor der Meinung, dass der gut ist. Das tut jetzt aber auch nichts mehr zur Sache, weil es darum ja gar nicht geht.

      Wie du sagen würdest: Nichts für ungut.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Carolin Hafen.

  4. Ich grüße. Weil man das so macht. Oder auch nicht. Jedenfalls: fühlt Euch alle gegrüßt. Keine Ahnung, ob ich das jetzt formal so machen muss oder nicht. Kenn einer Internetkommunikationsregeln mit LOL und GLG und Wasweißich. Aber ich grüße – und schon bin ich auf einem Nebenschauplatz, der seinesgleichen sucht, weil:

    Darum ging es doch gar nicht. Es ging ums Schreiben als Leidenschaft und ein Textbeispiel, das Carolin berührt hat, weil es gut geschrieben war. Der Inhalt ist da völlig einerlei. Was Depression mit wem wann macht, hat ja keiner angezweifelt – aber darum ging es nicht im Beitrag von Caro. Das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Es hätte auch ums Erdbeerenpflücken oder Klopapierherstellung gehen können. Alles total egal. Es ging um die Schreibe! Auch Erdbeeren und Toilettenutensilien könnten so beschrieben werden, dass sie bewegen. Es ging doch gar nicht um Flugzeugabstürze. Nebenschauplatz. Uninteressant. Wie das mit dem Grüßen, jedenfalls meiner Meinung nach.

    Als ebenfalls chronisch der Schreiberei Verfallene lass ich mal noch einen meiner All-Time-Favourits da:

    Alles ist auf eine wunderbare Weise gar nicht wahr.

    Und, mag wer mit mir darüber diskutieren?

    … ach ja: Wiedersehen. Glg. Oder Lg. Oder ein Winksmiley? Ihr kennt Euch dann schon aus! 😉

    1. Post Skriptum:
      Mal abgesehen davon, dass für mich die Unterscheidung zwischen Mord (Absicht) und Totschlag (Affekt) nur eine Intellektuelle ist. Am Schluss ist jemand tot durch die Hand eines anderen. Das impliziert aber, dass die ganze Sache so abgelaufen ist, wie die Medien uns weismachen wollen. Und wieso sollte ein Mann, der gerade seine Pilotenausbildung abgeschlossen hat, googeln müssen wie man die vermaledeite Tür abschließt? Ich bezweifle ja schon den Tathergang. Andere Flugzeugabstürze werden erst nach Jahren aufgeklärt. Hier passte alles (zu gut) nach einer Woche zusammen. Aha.
      Das Wort „Lügenpresse“ würde aber schon wieder zu einer Grundsatzdiskussion führen.
      Over & out

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