In der Bücherei

Manchmal fühle ich mich, als wäre ich wieder elf Jahre alt und in der Bücherei, wie ich sehnsüchtig zum Regal „Ab 13 Jahre“ hinüber schiele und so tue, als wäre ich schon erwachsen. Fehlte doch nicht mehr viel, damals. Zwei Körbchengrößen oder so.

Alles andere ist doch schon alt an mir, einschließlich meiner Seele.

Ich stelle mir heute vor wie ich mutig nach einem Roman greife, Kuschel Rock, oder irgend so was, etwas womit sich 13-jährige eben beschäftigen. Erwachsenenkram wie Liebe und AIDS und der Sinn von Atomkraftwerken. Gewichtige Sachen.

Ich hab mich aber nicht getraut, mit elf. Ich dachte ernsthaft, es gäbe ein Alarmsystem in der Bücherei; wozu sind denn sonst die Schilder da, ab soundviel Jahren, Thema undsoweiter; wo was steht, wer was ausleihen darf? Die Angst erwischt zu werden war so groß, dass ich nur schaute, nie getestet habe, ob ich damit durchkäme, aus der Bücherei raus käme, mit einem Buch ab 13, trotz der alten, ängstlichen Seele. Die Schande, das Alarmsystem auszulösen, mit Sirenen und wütenden Bibliotheksfrauen konfrontiert zu werden und gestehen zu müssen, für diesen Buch bin ich noch nicht alt genug, noch nicht reif genug, womöglich nicht schlau genug, war zu viel für mich.

Ich fühle mich heute wie 18. Ich bin keine 18 mehr und ich weiß, mit 18 war ich anders. Ganz anders. Wie kann man sich wie 18 fühlen und genau wissen, so nie gewesen zu sein, heute nicht und damals auch nicht? Es liegen 15 Jahre dazwischen. Der Grund eines ganzen Meeres. Tiefe Enttäuschungen, gescheiterter Wille. Und doch; Naiv, leichtgläubig, mehr als damals. Ertrunken bin ich nicht.

Ich leihe mir heute keine Bücher ab 13 mehr aus. Zu alt bin ich dafür nicht, nicht nach dem Gefühl. Es steht zumindest nicht auf einem der Schildchen. „bis 16 Jahre“ oder so. Aber man kann ja nie wissen; der Zorn einer Bibliotheksfrau ist unberechenbar.

3 Kommentare zu „In der Bücherei

  1. Geheimtipp: Werde Mutter, dann erlebst du das Ganze noch mal von vorn, als wäre es gestern gewesen (bei entsprechendem Engagement reicht auch (Paten)tante). Beispiel: meine Schwester leiht sich immer meine Kinder aus, wenn sie in einen „Kinder“film ins Kino gehen will 🙂

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