London, Helene und ich

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Liebes Universum,

Ich habe erneut die Helene Hanff Reise angetreten. Aus heiterem Himmel kam esüber mich – liegt es an dem guten Wetter oder meinem Urlaub? Keine Ahnung. Du weißt ja, mit siebzehn habe ich mich verliebt. Die Art Liebe, die einen erwischt und ein Leben lang nicht mehr los lässt.

London.

Die Schulabschlussfahrt der 10. Klasse führte mich eine Woche in die tollste Stadt, die ich je gesehen habe. Und meine Eltern sind reisefreudige Menschen, bis dato hatte ich schon einiges gesehen. Es ist schwierig für mich, das in Worte zu fassen. Kennst du das Gefühl zuhause anzukommen? Dich sofort auszukennen, auszuruhen und bleiben zu wollen?

Ich mein, du bist wahrscheinlich überall und nirgends zuhause. Was weiß ich, wo du steckst. Bist du überall? Oder ist das wie bei mir; Der Nabel ist die Mitte, und mein linker, kleiner Zeh ist nicht so wichtig wie, beispielsweise, mein Magen. Mein Magen meldet sich immer. Wenn neue Dinge anstehen. Wenn ich verreisen muss, eine Prüfung, eine Lesung, Streit, Freude, Liebe. Alles muss erst mal durch diesen Filter und für gut befunden werden. Meinem Zeh ist das alles ziemlich wurscht. Hast du einen Magen? Kennst du Aufregung? Oder ist der linke, kleine Zeh überall und gleichwertig?

Ich war aufgeregt wegen der Reise. Nervös. Mein Magen sagte; Wärst du doch zuhause geblieben. Ich bin ein Stubenhocker. Mein Magen erinnert mich auch immer daran. Als ich das Haus meiner Unterkunft-Familie betrat, habe ich als erstes gekotzt. Meine ganze Aufregung, die Nervosität, die Überfahrt mit der Fähre, die Busfahrt, alles musste raus. Dann schlief ich. Eineinhalb Tage lang. Der nächste Tag war dann eine Überraschung. Keine Aufregung mehr. Keine Nervosität. Ich machte mir keine Gedanken darüber, wie komme ich an den Treffpunkt, wie wieder zurück zur Pflege-Familie. U-Bahn, Bus, zu Fuß. Es war mir egal. Ich hab kaum einen Blick in meinen Plan geworfen. Ich wusste, wo ich hin muss, wo ich sein soll, wie viel Zeit ich brauche.

Ich hab das Schulprogramm mitgemacht, Museen und Musical, Touren zu Fuß, auch die Bootsfahrt. Ich hatte meine Kamera dabei und war glücklich, egal was wir tun sollten. Und die Freizeit ist wie immer das Beste. Ich mochte das Essen und die Leute, sogar das Wetter. Es war perfekt. Zum ersten Mal wollte ich nicht nach Hause.

Ich stand eine Woche später wieder auf der Fähre und sah wie die Küste von mir abrückte, und ich war traurig und sicher: Ich komme wieder. Mit mehr Zeit. Ich sehe mir mehr an, lerne mehr Leute kennen, genieße das Gefühl, dass mir die Stadt gibt.

Und dann habe ich Helene Hanff entdeckt. Erst den Film „Zwischen den Zeilen“ mit Anthony Hopkins und Anne Bancroft. Es war ein Sonntagabend. Am nächsten Tag, nach einer ausgiebigen Internetsuche, kaufte ich „84, Charing Cross Road“ und las es in einem Rutsch. Und dann kaufte ich „Die Herzogin der Bloomsbury Street“ und dann „Briefe aus New York„.

Im Herzen muss sie Britin gewesen sein, anders lässt sich ihr wunderbarer Humor nicht erklären. Ich kam wieder nach London, diesmal mit meiner neuen Freundin im Gepäck. Es war ganz wunderbar, jemanden zu treffen, wenn auch nur auf Papier, die meine Leidenschaft, meinen Humor und meine Sicht der Dinge teilt. Ich war bei einem neuerlichen Besuch meiner Heimat in der Charing Cross Road 86 und habe mir dort mein Buch nochmals gekauft, auf Englisch. Und dann bin ich mit Helene durch die Stadt gestreift. Ich war mit ihr im Globe Theatre und im Regent’s Park. Ich war in der St. Pauls Kathedrale und habe mit ihr John Donne gesucht, der dort als weiße Marmorstatue steht. Sie lächelte und ich sah mich um und es war ein guter Moment, und da fasste ich ihn kurz an, obwohl man das nicht darf, und es war mir egal, und dann sind wir kichernd weiter gegangen, auf der Suche nach weiteren großen Schriftstellern.

Gestern überkam es mich also wieder. Meine Freundin hat aus dem Regal heraus gekichert und ich hab sie gehört und meine Bücher zur Hand genommen und zu lesen angefangen. Ich bin wieder auf einer Helene Hanff Reise. Ich war in der Charing Cross Road, und nun mache ich Bloomsbury unsicher. Ich glaube, ich sollte auch geschwind einen Flug buchen und nach Hause fahren.

Auf einen Besuch. Kommst du mit?

Deine Caro

charing1

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