Von Bären und Menschen

Liebes Universum,

Hab ich dir je erzählt, wie ich Harry Rowohlt kennen gelernt habe?

Das war im Rahmen des „Literaturherbstes“ in Tuttlingen. In der Zeitung wurde der literarisch-interessierte Leser dazu aufgerufen, die Bücher der Autoren, die im Oktober zu Besuch kommen sollten, zu rezensieren. Du weißt ja, wie ich zu Rezensionen stehe. Die Meinung zu einem Buch ist so subjektiv wie nur irgendwas und Geschmäcker sind verschieden. Daher habe ich mir das Wörtchen „Rezension“ in meinem Sprachgebrauch abgewöhnt. Ich erzähle anderen Leuten gern, was ich lese und wie ich das fand. Ich empfehle besonders schöne Bücher auch gerne weiter. Natürlich auf eigene Gefahr. Harry sollte also nach Tuttlingen kommen, und irgendwer sollte ein paar Worte zum Buch sagen. Ich schrieb eine kleine Nachricht an die Redaktion, schon ein paar Tage später konnte ich das Buch abholen. Jetzt fragst du bestimmt, warum denn der olle Harry? Da kommen doch jedes Jahr sechs Autoren.

Stimmt. Die kannte ich aber alle nicht. Und der olle Harry, den ich bis dahin nicht kannte, weil ich selten schaue, wer welches Buch übersetzt hat, weil ich damals noch keine Hörbücher mochte und weil ich die Lindenstraße nicht schaue, der Harry sah einfach am sympathischsten aus. Wie ein oller Brummbär. Is er ja auch.

Ich hab das Buch „Der Kampf geht weiter“ in zwei Nächten gelesen und dann meine Meinung in der Zeitung kundgetan. Ich habe die dreistündige Lesung besucht, mir ein Autogramm geholt und dann viel nachgedacht. Das ist nämlich der Punkt, warum der olle Harry inzwischen so wichtig für mich ist.

Hörbücher, dachte ich bis dahin, sind doof. Inzwischen weiß ich, Hörbücher sind nur dann doof, wenn man den Sprecher nicht mag, und wie ich, eine Barriere im Kopf hat, die besagt, ein Buch ist nur dann ein Buch, wenn ich es gedruckt in meinen Händen halte. Inzwischen habe ich drei gedruckte Bücher von Harry in meinem Regal und drei Hörbücher auf meinem MP3-Player, die ich in einer Dauerschleife höre. Sobald ich die satt habe, kaufe ich ein Neues. Hörbücher kann man nämlich prima und mehrfach anhören.

Eine Lesung muss, dachte ich damals, ganz ernst und strukturiert sein. Da erzählt man nicht einfach mal nebenher was. Da liest man. Man hat ja eine Verpflichtung dem Besucher & Zuhörer gegenüber. Dank Harry weiß ich nun, dass ist Blödsinn. Ich bin völlig hingerissen von seiner Art abzuschweifen, Witze zu erzählen, Hymnen zu singen und vom Hundertstel ins Tausendstel abzuschweifen. Geschichten sind Wunder. In jeder Form. Es ist eine Kunst, mit einer tiefen Brummbärenstimme eine Horde Menschen an sich zu fesseln, zu erzählen und das Gefühl zu vermittel: Ich erzähle DIR was.

Harrys Lesungen sind Wohlfühlveranstaltungen. Als wir Kinder waren, war es völlig normal, dass man vorgelesen bekommt, dass man sagte: Papa, erzähl´ mir eine Geschichte. Ich vermute, dass ist mitunter der Grund, warum erwachsene Menschen Lesungen besuchen. Weil man im Alltag selten sagt: Komm, erzähl mir eine Geschichte. Und noch seltener nimmt man sich dann die Zeit, sich mit einem Getränk und einem Kissen  hinzusetzen und zuzuhören.

Ich musste das wieder lernen. Mit einen Hörbuch geht das.

Und ganz zum Schluss, gehe ich nach Hause, mit einem Grinsen und frage mich: Warum grinse ich eigentlich? Neulich, als ich in Tübingen das Bücherfest besucht und Harry wieder gesehen habe, fiel es mir endlich ein. Harry ist frei von Sarkasmus. Harry ist witzig und jeder Satz ist ein kluger Wortwitz. Er ist auch ironisch, aber nie sarkastisch. An Sarkasmus ist nichts Schlimmes. Ich selbst bin oft sarkastisch, aber da trieft oft eine Herablassung mit, die mich unangenehm berührt.

Es ist schöner, mit einem Lächeln nach Hause zu fahren. Davon hat man länger was.

Deine Caro

3 Kommentare zu „Von Bären und Menschen

  1. Sarkasmus , auch ich bin gerne sarkastisch, vor allem wenn ich diskutiere , ich hätte es nicht treffender sagen können wie meine Befindlichkeit ist wenn ich mich so äußere , Genugtuung und anschließende Selbstvorwürfe, man entschuldigt sich selbst immer innerlich – „Das hat der verdient“ aber bereichert hat man weder sein Gegenüber noch sich selbst in Wahrheit.

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