Alles über Sally – Arno Geiger

Ich mag Sally.

Sie ist so herrlich unvollkommen, hat Kanten und Ecken und ist dabei doch irgendwie rund. Wäre sie eine reale Person, ich würde sie sehr mögen, wäre gern mit ihr befreundet und würde ihr dann sagen, dass sie eine egoistische Kuh ist. Ich würde sie fragen, wer sie glaubt zu sein.

Sally weiß genau wer sie ist, über so eine Frage würde sie nur mit den Schultern zucken. Aber das ist mir egal. Ich würde gern mit ihr streiten und diskutieren und sie fragen, was sie denkt.

Ich mag die Bücher von Arno Geiger.

Ich bin über Umwege auf ihn gestoßen. Erst hörte ich im Literaturcafe ein Interview, dann sah ich ein Portrait im Fernsehen, dann las ich „Der König in seinem Exil“. Und Sally? Als ich nach Arno Geiger suchte, war sie das erste Suchergebnis. So kam sie zu mir.

Alles über Sally.

Die Geschichte ist nicht neu. Zwei Menschen verlieben sich, heiraten, kriegen Kinder. Daran ist nichts spannendes, nichts Aufregendes. Schon eine Million Mal vorgekommen. Und öfter. Es ist Arno Geigers Blickwinkel, seine exakte Beobachtung, seine Sprachgewalt, die dieses Buch zu etwas besonderem machen. Über auktoriale Erzähler stolpere ich nicht mehr oft, in letzter Zeit. Ist diese Erzählweise out? Keine Ahnung, ist auch unwichtig. Arno Geiger erzählt Sallys Geschichte, lässt den Leser aber an allen Figuren und ihren Sorgen und Nöten teilhaben, als wäre man mit allen irgendwie befreundet, als säße man in der Küche dabei, und hörte zu.

Sally und ihr Mann kommen aus dem Urlaub, in ihr Haus wurde eingebrochen, alles ist verwüstet. Nicht nur das Haus ist durcheinander geraten, auch ihre Gefühlswelt, ihre Ehe, ihr Leben. Die Kinder sind groß, die Ehe alt und schal, die Aufregung ist schon so lange dem Alltag gewichen, das beide kaum noch wissen, wie es am Anfang war. Jeder geht seiner Wege, und versucht die Stücke die zu Bruch gegangen sind, wieder zusammen zu setzen. Manches ist unwiederbringlich verloren, nichts von Wert, aber unersetzbar. Und dann nähern sie sich wieder an.

Ein einziges Kapitel fällt aus der gesamten Erzählweise, ein einziges Kapitel bringt die Geschichte, den Leser durcheinander, wie ein Einbruch ins eigene Haus.

Trotzdem oder deswegen ein grandioses Buch!

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