Ein Jahr in London

Anna arbeitet ein Jahr als Lehrerin in London

Als Sehenswürdigkeit für ihre Besucher aus Deutschland fällt der Protagonistin Anna nur das London Eye und das Modern Tate ein. Und das ist ihr sogar lästig – Besuch aus Deutschland, der sich für Kunst interessiert. London hat meiner Meinung nach weit mehr zu bieten. Über derlei Dinge und Kleinigkeiten wie Oxford Road statt Oxford Street habe ich mich geärgert.

Als ich 1999, mit meiner Abschlussklasse, das erste Mal London besucht habe, liebten die Mädchen gerade alle den Film Notting Hill, also pilgerten wir nach Notting Hill um diese blöde Tür aus dem blöden Film zu suchen, weil wir dachten DAS wäre London. Notting Hill haben wir kaum beachtet, dafür die Tür, um dann festzustellen, dass sie gestrichen wurde. All die Besonderheiten dieser Stadt haben wir übersehen, das Flair, die Leute. Wir sprachen Deutsch, aßen bei McDoof und waren von einer Tür beeindruckt. Somit gibt das Buch „Ein Jahr in London“ meine Erfahrung wieder. Die Protagonistin schenkt der Begegnung mit Jude Law im Supermarkt mehr Aufmerksamkeit als der atemberaubenden Aussicht auf Primrose Hill. Für das jährliche Feuerwerk findet sie nur wenig Worte.

Ich war mit einer sehr guten Freundin 2006 nochmals in London, wir gucken nicht nach Türen oder Wachsfiguren, die eventuell Ähnlichkeit mit Promis haben. Wir haben die kleinen Parks und die liebevoll hergerichteten Hinterhöfe bestaunt, waren im Theater, im Musical, haben uns mit echten Londonern unterhalten, wir saßen im Gras im Regent´s Park und haben im Pub Apfelkuchen mit Vanillepudding und Minze gegessen.

An dem Primrose-Hill-Nachmittag habe ich mir eine Dose Red Bull rein gezogen, als wäre ich noch nicht aufgekratzt genug gewesen. Ich wollte wach sein, am besten mit acht Augen am Kopf und einem fotografischen Gedächtnis. Ständig möchte ich die Zeit anhalten, oder sie mit den Händen schöpfen können – irgendwie dazu bewegen, wenigstens ein bisschen mir zu gehören. Das Fotografieren mit meiner Kamera kommt diesem Bedürfnis noch am nächsten – so kann ich mir die Illusion erhalten, wenigstens das Bild als Bleibend mit nach Hause nehmen zu können. Ich rannte den Hügel hinauf, wollte mehr sehen, mehr fotografieren, mehr erleben, einfach mehr. Oben angekommen protestierte meine beste Freundin, sie müsse ausruhen, ich hätte einen Knall.

Sie hatte Recht. Mit allem. Aber das ist die Stadt. Sie ist wie jede Großstadt, schneller weiter, größer, ich will mehr. Aber das besondere ist, jemand wie ich (und ich HABE einen Knall!), kann auch mal ausruhen. Sich ins Gras setzten und die Sonne genießen (von wegen es regnet immer!) und den Ausblick genießen. Den Moment. Sogar die Kamera beiseitelegen und einfach da sein.

Wäre Alice nicht gewesen, ich hätte gesagt; „Ja, toll. Lass uns weiter gehen.“

Doch sie sagte: „Knallfrosch, setzt dich hin, genieß!“

Und das habe ich gemacht. Wie so oft habe ich mich nicht auf den ersten Blick verliebt, sondern nur langsam, allmählich. Wir mussten erst ein bisschen Flirten, London und ich, bevor es funkte. Aber als es funkte, war´s ein Feuerwerk.

 

Große Erwartungen

Ja, im Buch werden Feiertage erwähnt, wann und wie sie gefeiert werden, aber nur sehr oberflächlich. Diese Dinge wusste ich nicht, und hab sie wissbegierig aufgesogen. Doch ich glaube meine Erwartungen waren einfach zu hoch. Ich hatte eine Liebeserklärung erhofft, und bekam einen Ich-habe-ein-paar-Promis-getroffen-Bericht.

Denn das ist es. Ein Bericht, wie ein Schulaufsatz. Ein Bericht einer Lehrerin, die ein Jahr in London arbeitete, und Touristin blieb. Anna erzählt ein bisschen von den Feiertagen, von ihrer Arbeit, vom Wetter, von den Promis. Alle Figuren, einschließlich Anna sind Charakter- und konturlos, wie Pappaufsteller in der Buchhandlung. Ein Bild, mehr nicht.

Die Story fand ich größtenteils langweilig, das ganze Buch insgesamt einfach nett, die Beschreibungen bleiben oberflächlich, man taucht nicht ein. Eine Stadt lernt man nicht dadurch kennen, indem man den Reiseführer liest. Das hab ich jetzt auch kapiert. Man muss da hin!

Man muss den Straßenlärm hören, die verschiedenen Nationalitäten auf den Märkten riechen, verschwitzt an jemanden gepresst in der U-Bahn stehen und darauf warten dass die Tube weiter fährt. Alles sehen kann man sowieso nicht. Schon gar nicht, wenn man da wohnt. Oder kennt ihr euer städtisches Museum? Schon mal da gewesen? Kennt ihr alle Sehenswürdigkeiten eurer Stadt? Ganz ehrlich?

Ich glaube, es liegt an der Buch-Reihe. Es gibt jede Menge Bücher in der Reihe zu verschiedenen Städten; Ein Jahr in Rom, Ein Jahr in Istanbul, Ein Jahr in WeißderGeier. Die müssen inhaltlich, im Schreibstil, vom Umfang her gleich/ähnlich sein. Da ist kein Platz für Tiefe. Schade.

 

Taschenbuch: 192 Seiten

Verlag: Verlag Herder

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3451057410

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